Rita Moreno: Just a Girl Who Decided to Go for It (2021)

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Rita Moreno hat verändert, wie Hollywood Latinas darstellt. Wie steinig ihr Weg war, zeichnet ein Dokumentarfilm über sie nach.

Rita Moreno: Just a Girl Who Decided to Go for It (2021)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Spiel gegen Klischees

„Ich bin gar kein richtiger Star, sonst hätte ich für so etwas Personal“, sagt Rita Moreno, während sie Gemüse schnippelt. Die mittlerweile 89 Jahre alte Schauspielerin kokettiert gern mit Klischees, musste sie doch jahrelang solche spielen. In Puerto Rico geboren kam Moreno als Kind mit ihrer Mutter nach New York, schmiss mit 15 Jahren die Schule und verdiente mit 16 als Tänzerin allein das Geld für ihre Familie. Als der Chef eines Hollywood-Studios in der Stadt war, ging sie mit ihrer Mutter zum Vorsprechen: „Ich stylte mich wie Elizabeth Taylor, denn das war die einzige Schauspielerin, die mir damals ähnlich sah.“ Sie bekam den Vertrag und spielte fortan jede kleine Rolle, die irgendwie exotisch aussah, vom Indianermädchen“ über die asiatische Tänzerin bis hin zur Ungarin. Wie schaffte es diese Frau, von rassistisch geprägten Nebenrollen zur Gewinnerin von Emmy, Grammy, Oscar und Tony zu werden?

Dieser Frage geht der Dokumentarfilm Rita Moreno — Just a girl who decided to go for it von Mariem Pérez Riera nach. Riera rollt dabei das Leben Morenos chronologisch auf, beginnt mit ihrer Kindheit und zeichnet ihre Filmkarriere nach. Sie hat die noch heute aktive Schauspielerin über einen längeren Zeitraum begleiten dürfen und lange Interviews mit ihr geführt. Moreno gewährt freiweg Einblick in ihr Leben, spickt es ganz die Hollywood-Diva mit unterhaltsamen Anekdoten, weicht aber auch nicht vor dem Blick in die menschlichen Abgründe zurück.

So erzählt sie stockend, wie sie als junge Frau auf einer Hollywoodparty sexuell belästigt wurde, weinend im Garten stand und die mexikanischen Gärtner sie nach Hause fuhren. „Das waren die einzigen Gentlemen, die ich an jenem Tag traf.“ Sie erzählt, wie ihr Agent sie vergewaltigte und sie ihn weder anzeigte noch sich einen anderen suchte, „weil ich dachte, ich müsse froh sein, dass mich überhaupt jemand vertritt.“ Und sie erzählt, wie die Erinnerungen während einer Vergewaltigungsszene im Film West Side Story wieder hochkamen und sie danach weinend zusammenbrach. Auch von ihrer Beziehung zu Marlon Brando spricht sie und wie die nach sieben Jahren im On-Off-Modus mit ihrem Selbstmordversuch im Krankenhaus endete.

Obwohl all das als Trauma für mehrere Leben genügt, hat Moreno es geschafft, für sich damit Frieden zu schließen. Sie spricht viel über das fehlende Selbstwertgefühl seit ihrer Kindheit, das sie auch auf die Diskriminierung der Latinos in der amerikanischen Gesellschaft zurückführt. Die Stereotype, die sie im Film verkörpern musste, die indigenen Frauen ohne Bildung, die Dummchen oder „heißblütigen“ Sexbomben aus Lateinamerika, denen es nichts ausmachte, als Objekt gesehen zu werden, schmerzten auch die Darstellerin – besonders, wenn Regisseure sie während des Drehs so behandelten, als sei auch sie nur ein Objekt, sie nicht als Mensch wahrnahmen, sondern sie mit der Rolle identifizierten.

Moreno gelang es trotzdem, sich aus diesen Stereotypen herauszuarbeiten. Die Rolle der Anita in West Side Story gestaltete sie aktiv um, strich in ihren Liedern herablassende Aussagen, schrieb Texte um. Für ihre harte Arbeit gab es den Oscar als beste Nebendarstellerin. Im Rückblick bezeichnen viele Latina-Schauspielerinnen diese Auszeichnung als Meilenstein in der Anerkennung ihrer Kultur in Hollywood. Riera hat so einige dieser Künstlerinnen vor die Kamera bekommen. Unter anderem erzählt Eva Longoria, mittlerweile selbst Produzentin, wie stark Moreno sie beeinflusste – und wie hart auch sie noch mit den Resten der Klischees kämpfen musste, als sie ihre Filmkarriere begann („Kannst du das jetzt nochmal mit Akzent sprechen?“). Und da sich in mehr als 80 Jahren so einige Weggefährten ansammeln, besuchte Regisseurin Riera bei ihrer Recherche Morgan Freeman, Lin Manual Miranda, Gloria Estefan, sammelte Anekdoten von Morenos Tochter, durchforstete mit journalistischer Akribie Film- und Zeitungsarchive und spickt ihren Dokumentarfilm mit zahllosen Hochglanzaufnahmen und Zeitzeugnissen. Rita Moreno ist so zu einem Film geworden, der zeigt, wie viel sich in Hollywood verändert hat und einer Frau ein Denkmal setzt, die viel für diese Veränderung getan hat.

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