Return to Dust (2022)

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Voller Liebe blickt Li Ruijun auf seine Figuren im Berlinale-Wettbewerbsfilm „Return to Dust“. Und das ist auch, was hängenbleibt. Außerdem thematisiert er Armut und Ausbeutung, Abhängigkeit und Ungerechtigkeit, die einen frustrieren – wären da nicht diese feinen Menschen im Zentrum des Films.

Return to Dust (2022)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Ein Karton voller Löcher

Manchmal ist es nur ein einziges Bild, das man aus einem Film mitnimmt, das einen fasziniert oder berührt hat und das im besten Fall gleichzeitig die Essenz des ganzen Films zusammenfasst. In „Return to Dust“ von Li Ruijun gibt es ein solches Bild, einen solch zauberhaften Moment: Zwei Menschen vor einem Karton voller Löcher, aus dem warmes Licht dringt. Die beiden blicken voller Hoffnung und Erwartung in das Innere des Kartons, sind ergriffen von der wohligen Atmosphäre des Lichts und scheinen verbunden durch diesen Karton zwischen ihnen. Er bewegt die Lampe, so dass sich die an die Wand projizierten Punkte wie Sterne bewegen, sie staunt über die Projektion und schaut verlegen zur Seite. 

Der Karton voller Löcher, in dem Ma (Wu Renlin) und Guiying (Hai Qing) Hühnereier ausbrüten wollen, ist eines ihrer vielen gemeinsamen Aufgaben, um die sie sich mit viel Zeit und Kraft, sorgfältig und liebevoll kümmern. Die beiden haben erst spät zueinander gefunden bzw. sie wurden füreinander gefunden, ihre Ehe wurde arrangiert: Ma war unter seinen Brüdern übrig geblieben, Guiying ist behindert, unfruchtbar und inkontinent. Die Verwandtschaft scheint froh zu sein, sie jeweils losbekommen zu haben, aber für Ma und Guiying ist das Miteinander-Verheiratet-Werden eine große Chance.

Guiying zieht zu Ma in dessen bescheidene Hütte, und als diese geräumt werden muss, ziehen sie weiter, in ein anderes leerstehendes Haus. Sie bestellen gemeinsam von Hand ein Feld und nebenbei fertigt Ma noch Ziegel aus Lehm an, um ein eigenes Haus zu bauen. Guiying sorgt für die Suppe am Abend oder das Mittagessen auf dem Feld – und man merkt, sie wollen einander nur Gutes.

Als der Großgrundbesitzer Zhang Yongfu krank wird und so genanntes Panda-Blut braucht, eine seltene Blutgruppe, ist Ma der einzige in der Umgebung mit dem richtigen Blut. Ma könnte ob seiner Sonderrolle als Blutspender viel von Zhang Yongfu und dessen Familie verlangen, lässt sich aber mit ein wenig Geld abspeisen, von den Dorfbewohnern zusätzlich verspotten und – wie in allen anderen Bereichen auch – von der Obrigkeit regelrecht ausnutzen. Bauern wie Ma sind es nicht gewöhnt, zu sagen, was sie wollen, oder etwas zu verlangen, ihre Vorteile zu sehen und zu nutzen. Ma ist rechtschaffen, treu, fleißig, und er steht zu seinem Wort. Damit zeigt Li Ruijun Return to Dust sehr gut, wie Ausbeutung im ländlichen China funktioniert und wie ungerecht das Leben gerade zu den kleinen Leuten sein kann.

So hart ihr einfaches Leben aber auch ist, Ma und Guiying beschweren sich fast nie. Sie üben pflichtbewusst und stoisch ihre Tätigkeiten aus. Gerade das gemeinsame Tun bringt die beiden einander näher. In kleinen Schritten kommen sie sich nahe, sorgen füreinander und sorgen sich umeinander. Und sie lernen, dass plötzlich jemand da ist, der sich um sie kümmert und für einen da ist. 

Die Fürsorge, Wärme und verhaltene Zärtlichkeit, die die beiden Hauptfiguren einander entgegenbringen, wird durch Nahaufnahmen, aber auch durch die Licht- und Farbdramaturgie unterstützt. Return to Dust ist geprägt von warmen Farben und einer Low-Key-Beleuchtung, gerade dann, wenn die Figuren in ihren ärmlichen Hütten gezeigt werden, in die naturgemäß wenig Licht einfällt. Aber auch die Außenaufnahmen, mal bei gleißender Sonne, mal bei Regen, werden vornehmlich von Braun-, Orange- und Rottönen bestimmt. Filmemacher Li Ruijun blickt auf seine Protagonisten mit derselben Zärtlichkeit und Liebe, die sie jeweils charakterisieren.

Die beiden Figuren sind schüchtern und reden nicht viel und wenn, dann meist sehr bedächtig. Man merkt, dass sie lange alleine waren und niemanden hatten, mit dem sie sich unterhalten konnten. Auch das müssen sie in ihrer Zweisamkeit erst lernen. Ma helfen in solchen Momenten alte Sprichwörter oder Weisheiten, mit denen er sich und auch Guiying die Welt erklärt. Das Sounddesign des Films ist entsprechend ruhig. Wenn Filmmusik eingesetzt wird, dann bedächtig, immer passend, nie störend.

Der Film wirft großartige Bilder auf die Leinwand, viele von ihnen will man festhalten, weil man genauer hinsehen und sie auf sich wirken lassen will. Das sind die Landschaftsansichten ebenso wie die Momente harter Arbeit. Li Ruijun findet im kleinen Alltag wunderschöne Ansichten in der Totalen und zeigt einmal mehr, dass das einfache Leben – so ungerecht, demütigend und frustrierend es sein mag – auch ein glückliches sein kann. Und das eben fängt besonders dieses eine Bild ein: zwei Menschen vor einem schummrig leuchtenden Karton, der all ihre Hoffnung ist.

Return to Dust (2022)

Im rauen und ländlichen China werden Ma und Guiying von ihren Familien verstoßen und zu einer arrangierten Heirat gezwungen. Der schweigsame Bauer Ma ist als letztes Mitglied seiner Familie unverheiratet geblieben, während Guiying behindert und unfruchtbar ist und für eine Heirat eigentlich als zu alt angesehen wird. Um zu überleben, müssen sich die zwei Fremden aufeinander einlassen und ein gemeinsames Zuhause aufbauen. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie sich durch Feldarbeit. Trotz allerlei Widrigkeiten beginnt zwischen dem bescheidenen und schüchternen Bauern-Ehepaar eine langanhaltende Liebe zu erblühen. Ma und Guiying erkennen, dass sie gemeinsam jedes Hindernis überwinden können

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Meinungen
Cris · 13.02.2022

Ein hervorragender Film, der tief bewegt. Hat Sex, Gewalt und aufdringliche Hintergrundmusik nicht nötig. Langsames Tempo - dennoch kommen einem die 131 Min. Länge kurz vor. Der beste Film der Berlinale 2022.

Kommentare

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