Paradies (2020)

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In einer Welt, in der nicht mehr regulär gestorben wird, bringen drei Angestellte eines Unternehmens für „Wiederverwertung“ auf Geheiß ihres Arbeitgebers Menschen um und entsorgen diese dann umweltfreundlich. Bis sie beginnen, an ihrer Tätigkeit zu zweifeln.

Paradies (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Tod ist (k)ein Geschäft.

Eigentlich ist der Tod eine ganz einfache und saubere Sache. Zumindest in der Welt, die Immanuel Esser in seinem Debütspielfilm „Paradies“ entworfen hat. In diesem Zukunftsuniversum, das aussieht, als sei es die deutsche Gegenwart, ist der Tod in die Hände eines Unternehmens für „Wiederverwertung“ gegeben worden, das mittels umherreisender Angestellter nach exakt berechnetem Todeszeitpunkt Menschen tötet (auch hier wählt der Regisseur und Drehbuchautor Esser einen Euphemismus und nennt dies „Tilgung“) und diese in Leichensäcke verpackt, die dann wiederum an einen Treffpunkt gebracht werden. Was dann mit ihnen geschieht, weiß niemand, aber immerhin lässt der Begriff „Wiederverwertung“ einiges erahnen.

In starren Einstellungen voller Lakonie und absurdem Humor folgt Paradies nun Moris (Franziska Machens), Kraumann (Johannes Kühn) und Grundt (Holger Daemgen), drei Beschäftigen von STYX (so der Name des Unternehmens), bei ihrer Reise von Auftrag zu Auftrag und schildert sichtlich fasziniert die Akribie und Gleichförmigkeit, mit der die drei stets Ungerührten ihrem tödlichen Geschäft nachgehen. Die etwas dröge Routine der drei Phlegmatiker bekommt erst einen Riss, als bei der Übergabe der neusten Aufträge klar wird, dass auch einer von ihnen bald das Zeitliche segnen soll. Von da an trübt sich ihre Gemütslage sichtlich ein, sie werden unkonzentriert, begehen Fehler, beginnen, ihr Tun mehr und mehr zu hinterfragen und führen schließlich sogar einen Auftrag nicht aus, nur um zu sehen, was denn dann mit den Menschen geschieht, wenn sie nicht im Sinne der Regularien zu Tode befördert werden.

In einer Welt, in der das Leben wie der Tod immer mehr ökonomischen Zwängen und Optimierungsbestrebungen unterworfen sind, zeigt Immanuel Essers grimmige Komödie in letzter Konsequenz, wohin dieses stete Effizienzstreben führen kann und lässt dennoch zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran aufkommen, dass dieser Zukunftsentwurf kein realistischer ist oder sein will.

Paradies ist ein aufs Äußerste verknappter Film, der vor allem mit dem Stilmittel der größtmöglichen Reduktion arbeitet: Sparsame Dialoge voller absurdem Humor, Figuren, die keine Backgroundstory und keine hervorstechenden Charaktermerkmale besitzen, eine überaus sparsame, sehr pointiert eingesetzte Filmmusik und Szenenbilder, die den Film trotz der Tatsache, dass er fast ausschließlich draußen spielt, wie ein Kammerspiel wirken lassen, heben Immanuel Essers Werk deutlich von anderen Debütfilmen ab.  Die Verknappung, die das Parabelhafte dieses Zukunftsentwurfs betont, erinnert vor allem an Filme der sogenannten Kölner Schule, an Bühnenwerke des absurden Theaters bis hin zu Becketts Warten auf Godot oder an andere Kinolakoniker wie etwa den Schweden Roy Andersson oder andere Filmemacher vor allem skandinavischer Herkunft. Innerhalb der Erzählwut vieler deutscher Debütfilme und des Drangs zum Ausbuchstabieren jedweder Emotion und Motivation entpuppt sich Paradies als wahrer Glücksfall, der zeigt, dass es wirkungsvolles Kino abseits der gebräuchlichen Formeln und Erzählmuster geben kann, das eigentlich einen viel prominenteren Platz auf den Festivals verdient hätte.

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Peter Kurt · 28.01.2020

Wunderbarer Film

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