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Desmond Tutu und der Dalai Lama: Zwei Männer, die die Welt veränderten. Aber nicht um Nobelpreise und anderen Pomp geht es in der Dokumentation von Louie Psihoyos und Peggy Callahan. Sondern um die Kunst der Freundschaft und der Freude. Also um das wirklich Wichtige im Leben.

Mission: Joy - Zuversicht & Freude in bewegten Zeiten (2021)

Eine Filmkritik von Peter Gutting

DU LASS‘ DICH NICHT VERHÄRTEN

Wer das sieht, traut seinen Augen nicht: Zwei weltberühmte, hochbetagte Männer albern herum wie kleine Jungs. Kaum sagt der eine etwas, nimmt ihn der andere auf den Arm. Sie fuchteln mit den Fingern, fassen sich an den Händen, sind sich körperlich nah wie zwei verliebte Turteltauben. Die Rede ist von zwei Friedensnobelpreisträgern: Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika und Tenzin Gyatso, besser bekannt als Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama. Um sie herum stehen Kameras, sie wollen sich zu einigen der wichtigsten Themen des menschlichen Daseins äußern. Aber das hindert sie nicht, sich ausgelassen aneinander zu erfreuen. Und das ganz offensichtlich aus tiefstem Herzen, nicht als Gag für die Öffentlichkeit. Desmond Tutu ist aus Anlass des 80. Geburtstages des Dalai Lama in dessen Residenz im nordindischen Dharamsala gereist. Am Flughafen fragt ihn ein Reporter nach dem Anlass des Treffens im Jahr 2015. Antwort: „Um unsere Freundschaft zu genießen und eventuell über Freude zu sprechen“.

Was bescheiden klingt, führte zu einem Bestseller: Das Buch der Freude bietet neben vielem anderen auch so etwas wie Selbsthilfe zu einem zufriedeneren Leben. Entstanden ist es aus den Gesprächen, die der Bischof und der buddhistische Mönch während des einwöchigen Aufenthalts mit dem US-Journalisten und Tutu-Vertrauten Douglas Abrams führten. Unveröffentlicht war bislang jedoch ein großer Teil des Filmmaterials, das damals gedreht wurde. Louie Psihoyos und Peggy Callahan haben es nun angereichert mit Animationen und weiteren Interviews, zu einem beeindruckenden Dokumentarfilm über die spirituelle Kraft zweier charismatischer Menschenfreunde verdichtet.


Was da verhandelt wird, ist nicht unbedingt neu. Es steht in vielen psychologischen Ratgebern und lässt sich in der Kurzfassung so formulieren: Glück findet der Mensch nicht durch Äußerlichkeiten wie Ruhm oder Reichtum, sondern in sich selbst und in guten, vertrauensvollen, von Mitgefühl geprägten Beziehungen zu anderen. Aber nicht unbedingt, was gesagt wird, prägt das Außergewöhnliche dieser Dokumentation, sondern wer es sagt. Desmond Tutu findet zum Beispiel, der Dalai Lama hätte alles Recht der Welt, ein Miesepeter zu sein. Seit mehr als 50 Jahren ist er ins Exil verbannt, in das er fliehen musste, um sein Leben vor den chinesischen Aggressoren zu retten. Warum er trotzdem einer der gütigsten Menschen geworden ist, die Tutu kennt? Weil er nicht beim negativen Gefühl des Ärgers stehen geblieben ist, sondern dasselbe Ereignis, nämlich den Heimatverlust, anders bewertete, seine Gedanken und Gefühle also umlenkte. Das Exil, so die mentale Neuausrichtung, gab ihm eine Freiheit, die er in seinem Zuhause nicht hatte. Für einen Moment verfliegt der Humor, die Mienen der Männer verweisen auf eine tiefe innerliche Rührung. Denn Tutu kennt ähnliche Erweckungserlebnisse. Auch er hat viel Leid erfahren und dieses in Hilfe für andere verwandelt.


Schon seit mehr als 30 Jahren ist der Dalai Lama daran interessiert, seine philosophischen Weisheiten in Kontakt mit der modernen Naturwissenschaft zu bringen. Deshalb ist es ganz in seinem Sinne, wenn die Filmemacher einen Gehirnforscher befragen. Der machte ein aufschlussreiches Experiment darüber, wie unterschiedliche Gedanken und Geisteshaltungen zu verschiedenen Gefühlen führen. Menschen mit Meditationserfahrung und Nicht-Meditierende wurden einem starken Schmerz ausgesetzt, den ein schriller Ton wenige Sekunden vorher ankündigte. Das Überraschende: Die Nicht-Meditierer empfanden den Schmerz im Unterschied zu den Meditationserfahrenen schon, als der Ton erklang, aber der Schmerz noch gar nicht zugefügt wurde. Konsequenz: Wer Gelassenheit und Achtsamkeit übt, vermeidet überflüssige Angst- und Schmerzerfahrungen. Und selbst wenn die Pein real ist, können Achtsame ihre Gedanken schneller wieder zu etwas Erfreulichem umlenken. Freude, das glauben Tutu und der Dalai Lama, lässt sich trainieren wie ein Muskel.


Die Machart des Films von Louie Psihoyos und Peggy Callahan ist zwar selbst nicht meditativ, wie man es von vielen anderen Dokumentationen über Glück und Achtsamkeit kennt. Dazu sind den beiden Filmemacher_Innen die biografischen und politischen Fakten offensichtlich zu wichtig, die in 90 Minuten Leinwandzeit untergebracht werden sollen. Aber die äußeren Bezüge überfrachten zum Glück nicht das absolute Highlight des Films: Wie die beiden Männer genau das ausstrahlen, was sie als Fazit eines ebenso langen wie bewegten Lebens formulieren. Das lässt sich schwer in Worte fassen, man muss es gesehen haben. „Du lass‘ dich nicht verhärten in dieser harten Zeit“ sang einst der Liedermacher Wolf Biermann. Hier sind zwei, die das vorgelebt haben beziehungsweise immer noch vorleben.

Mission: Joy - Zuversicht & Freude in bewegten Zeiten (2021)

„Mission: Joy“ gewährt einen noch nie dagewesenen Einblick in die außergewöhnliche Freundschaft zwei der bedeutendsten spirituellen Leitfiguren unserer Zeit: Seine Heiligkeit der Dalai Lama und Erzbischof Desmond Tutu.

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