Räuberhände (2020)

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Zwei beste Freunde, die aus disparaten Elternhäusern stammen, haben das Abitur in der Tasche, aber noch keinen konkreten Plan für ihre Zukunft. Zuerst wollen sie auf eigene Faust nach Istanbul aufbrechen und sich dort einfach durch die Gassen treiben lassen, ehe zu Hause ein großes Unglück passiert.

Räuberhände (2020)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

When I was young

„Mach’ doch mit Samu rum!“ Janiks Freundin (Luissa Hansen) ist alles anders als begeistert, als Samu (Mekyas Mulugeta), der beste Kumpel ihres blonden Liebhabers (Emil von Schönfels) wieder einmal „ganz zufällig“ deren Liebesspiel stört. Selbstverständlich mit Engelsmiene und einem lässigen „Salam aleikum“ auf den Lippen, während das nackte Pärchen in jugendlicher Liebe entbrannt einfach nur seine Ruhe haben und vor allem das nächste Mal miteinander schlafen will. 

Gerade jetzt nach den frisch abgelegten Abiturprüfungen ist für alles, das Spaß macht und in der Welt der Erwachsenenlogik nicht zwingend etwas einbringen muss, besonders viel Zeit. Egal ob man sich jüngst ein liebevoll-verwildertes Baumhaus am Stadtrand eingerichtet hat oder von ersten wirklich unabhängig organisierten Reisen träumt… The time’s now! Speziell in diesen oftmals sehr kurzen, aber wunderbar einprägsamen und raffiniert in Szene gesetzten Miniaturen (Bildgestaltung: Judith Kaufmann) ist İlker Çataks dritter Kinofilm nach Es war einmal Indianerland (2017) und Es gilt das gesprochene Wort (2019) ebenso unterhaltsam wie handwerklich gelungen. 

Der Start ins bleierne Berufs- oder inzwischen stark verschulte Studienleben kann gerne (noch) warten, lautet die frech-frivole Message von Räuberhände, dieses ansprechenden Coming-of-Age-Films made in Germany, der glücklicherweise nie ins moralinsauere, urdeutsche „Problemfilm“-Genre abrutscht, sondern aufgrund von jugendlich frisch agierenden DarstellerInnen sowie weitgehend authentisch klingender Jugendsprache gerade im ersten Drittel einen ureigenen Sound entwickelt. 

Im zwar nicht durchgängig klischeefreien, aber jederzeit agilen „Forward ever – backward never“-Modus frisch gebackener Abiturienten und deren utopisch grundierten Weltvorstellungen, die selbst am meisten davon überzeugt sind, von nun an den Globus erobern und die eigene Persona noch einmal gänzlich neu entdecken zu können, gehört diese tragikomische und relativ frei inszenierte Literaturadapation nach Finn-Ole Heinrichs gleichnamigen Bestseller von 2007 zu den überzeugendsten deutschen Kinostarts des Jahres. 

Das liegt zu einem Großteil an Mekyas Mulugetas hinreißendem Spiel, das quasi jede Szene bestimmt und dem 2000 in Rostock geborenen Newcomer innerhalb der deutschen Film- und Fernsehbranche in Zukunft viele Türen öffnen sollte. In seiner fabelhaften Mixtur aus Angst, Komik, Tragik, Coolness wie Trotzköpfigkeit verkörpert er diesen Samuel mit den titelgebenden „Räuberhänden“ durchgängig großartig. Es ist im Grunde kaum zu glauben, dass der heute in Potsdam wohnende Nachwuchsschauspieler bisher lediglich im Jugendclub des Deutschen Theaters Berlin auf der Bühne stand. 

Als quasi adoptierter Bruder Janiks, der in dessen liberal-behütetem LehrerInnen-Haushalt mit Jona (Godehard Giese) und Elle (Nicole Marischka) ein- und ausgeht, forciert er immer wieder den angenehm konzentrierten Erzählfluss (Drehbuch: Finn-Ole Heinrich und Gabriele Simon) zwischen Orient und Okzident, der diese bisweilen offene Geschichte lose umklammert und nicht jedes ihres Geheimnisse wie etwa die homoerotische Spannung zwischen den beiden jungen Protagonisten vollends auserzählt.  

Bewaffnet mit seiner analogen Spiegelreflexkamera, ein paar Schwarzweißfilmen und dem Schalk im Nacken sucht Samuel zusammen mit Janik, der kurz vor der Abreise im Drogenrausch eine Affäre mit seiner alkoholkranken Mutter Irene (Katharina Behrens) begonnen hatte, am Bosporus offiziell nach seinem Vater. Der soll selbst Türke gewesen sein, behauptet seine Mutter, auch wenn ihm der angebliche Sohnemann zumindest optisch keinesfalls ähnlich sieht. 

Und so entwickelt sich dieser weitgehend sinnfreie, jedoch keine Minute langweilige Roadtrip nach Istanbul vor allem zu einer wortwörtlich berauschenden Irrfahrt: harte Cuts, variantenreiche Handkameraperspektiven und pittoresk inszenierte Traumsequenzen inklusive ohne den Schmutz der Straße, die neue politische Strenge oder die Gefahren in den nächtlichen Gassen Istanbuls blindlings auszublenden.

Räuberhände (2020)

Janik hat Eltern, die immer alles richtig machen. Samuel kommt aus zerrütteten Verhältnissen. Während Janiks Eltern Samuel quasi adoptiert haben, hütet der seine Pennermutter wie ein Geheimnis. Samuel will Ordnung. Janik will Chaos. Ihr Ziel ist ein neues, selbsterfundenes Leben in Istanbul. Bis Janik etwas Unverzeihliches tut und ihre Freundschaft fast daran zerbricht. (Quelle: Flare Film)

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