Im Nachtlicht (2020)

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Eine Frau ohne Vergangenheit, eine alte Mühle und ein dunkles Geheimnis – das sind die Zutaten, aus denen Misha L. Kreuz sein Regiedebüt anrührt. Ein Genrestreifen, der nicht jedem schmecken dürfte.

Im Nachtlicht (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ein Werwolffilm ohne Biss

Genrefilme gibt es im deutschen Kino weiterhin viel zu wenige. Jeder Versuch, einen Genrefilm zu drehen, ist also zunächst einmal zu begrüßen. Doch nicht jeder Versuch glückt. Misha L. Kreuz‘ Regiedebüt legt vielversprechend los, verheddert sich dann aber schnell in einem Netz voller Versatzstücke, die sich nicht zu einem schlüssigen Ganzen fügen wollen.

Ein dem Film vorangestelltes Zitat gibt die Richtung vor. Vom arkadischen König Lykaon ist hier die Rede. Und selbst wer dessen Schicksal nicht kennt, dürfte ahnen, worum es in den folgenden 104 Minuten gehen wird. Denn das Fabelwesen des Lykaners ist spätestens seit Filmreihen wie Underworld (seit 2003) und diversen (Computer-)Rollenspielen auch in der Populärkultur ein fester Begriff. Werwölfe also, na, das kann ja düster werden!

Düster geht es dann auch weiter. Die Protagonistin leidet unter Depressionen, heißt Minthe Hellheim (Diana Maria Frank) und stammt aus dem gleichnamigen Höllenloch, in das sie nur widerwillig zurückkehrt. Dort soll sie eine alte Mühle restaurieren, die im Wolfstal liegt. Wie in diesem ambitionierten Debüt überhaupt Nomen Omen sind. Minthes Auftraggeber heißt Dr. Schwarz (Ralf Drexler) und kleidet sich nicht nur in dieser Farbe, sondern hat selbstredend dunkle Hintergedanken. Alles ein bisschen dick aufgetragen.

Die eigentliche Geschichte ist solide: Eine Frau, die nicht um ihre eigene Herkunft weiß, kehrt heim und geht dieser Herkunft auf den Grund. Hinter all dem verbirgt sich selbstredend ein düsteres Geheimnis. Flankiert wird sie dabei von Männern, deren sexuelle Übergriffigkeit und Machtgeilheit sie zu toxischen Vertretern ihres Geschlechts macht, von einem Kommissar (Sebastian Hülk), der seine toxische Männlichkeit abzulegen versucht und von einer Gruppe Frauen um die junge Eva (Ruby O. Fee), die mit der Armbrust Jagd auf toxische Männer macht.

Für Fans des Abseitigen klingt das vielversprechend, enttäuscht aber zusehends, je länger der Film dauert. Debütant Misha L. Kreuz, studierter Ingenieur und seit mittlerweile 20 Jahren in der Film- und Fernsehbranche unter anderem als Drehbuchlektor tätig, hätte schlicht und einfach eines besseren Drehbuchlektors bedurft. Mal sprechen seine Figuren ganz natürlich, mal wie in einer Theateraufführung aus dem vorvergangenen Jahrhundert mal ist der gesetzte Ton ernst und realistisch, dann wieder überspitzt und satirisch, mal ist das Schauspiel professionell, mal laienhaft und mal ist das Gezeigte wörtlich, mal im übertragenen Sinn zu verstehen. Und weil das alles von Szene zu Szene wechselt, wird daraus ein nur schwer zu konsumierender Film. Zu vieles geht hier nicht zusammen. Dem Film fehlt es an Struktur.

Was man diesem Debüt zugutehalten muss, ist das geringe, quasi nicht vorhandene Budget. Dafür sieht das Ergebnis (bis auf Ruby O. Fees grottenschlecht sitzende Perücke) mehr als ordentlich aus. Das schlechte Drehbuch entschuldigt allerdings auch das nicht. Die Handlung interessiert sich nur für die Geschichte ihrer Hauptfigur und nicht die Bohne für all ihre Nebenstränge. Was zum Beispiel all die Kriminalpolizisten in diesem Film zu suchen haben, wo sich doch selbst das Offensichtlichste (ein Mann wurde durch einen Pfeil aus einer Armbrust ermordet in einem Ort, durch den tagein, tagaus eine Motorradfahrerin mit einer Armbrust auf dem Rücken fährt!) nicht ermitteln können, ja nicht einmal irgendjemanden zum Verhör einbestellen, bleibt bis zum Schluss ein Rätsel. 

Unter der miserablen Handlungslogik leidet in erster Linie die Spannung. Wie das Budget ist diese quasi nicht existent. Weder erzählerisch noch inszenatorisch. Und so bleibt Im Nachtlicht am Ende ein ambitionierter Versuch, der vieles zugleich sein möchte – Mystery, Horror, Krimi, Thriller, Gesellschaftskritik – und am Ende nichts davon ist. Von den vom Regisseur vollmundig selbsternannten Vorbildern wie Rosemary’s Baby (1968), Picknick am Valentinstag (1975) und Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973) ist das ganze Horrorfilm-Universen entfernt, aber selbst zu einem vergleichsweise kleinen Film wie When Animals Dream (2014) ist es für Misha L. Kreuz noch ein weiter Weg.

Im Nachtlicht (2020)

Minthe Hellheim leidet unter Depressionen: Sie weiß nicht, woher sie stammt, wer ihre Eltern sind, ihre Kindheit hat sie in Heimen verbracht. Von immer wiederkehrenden Alpträumen gequält, schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch. Ein neuer Anfang ist in greifbarer Nähe, als sie ein Jobangebot erhält. Sie soll in ihrer Geburtsstadt eine alte Mühle restaurieren. Sie ahnt nicht, dass sie das Opfer einer Intrige ist. Plötzlich sieht sie sich im „Wolfstal“ mit der geheimen Welt der „Gestaltwandler“ konfrontiert. Das Böse in seiner physischen Form, das für Minthe unerreichbar in einem unterirdischen Höhlensystem verborgen bleibt, irritiert sie, übt aber gleichzeitig eine unerklärliche Anziehungskraft auf sie aus. Auf der Suche nach ihrer wahren Identität muss sie sich ihrer Vergangenheit und dem mysteriösen Wesen stellen und beginnt schließlich ein ganz neues Leben. (Quelle: 54. Internationale Hofer Filmtage 2020)

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