Fisch für die Geisel (2019)

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Zwei Brüder nehmen eine Geisel und verstecken sich in einem leeren Haus: Aus dieser Grundkonstellation holt „Fisch für die Geisel“ das Beste heraus – perfekt ausbalanciert, was Charaktere, Spannung und schwarzen Humor angeht.

Fisch für die Geisel (2019)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Kammerspiel-Thriller

Piet (Enno Hesse) wartet im Auto. Er ist der Typ, der immer wartet. Schmal, blass, er wird immer zu jung aussehen. Er ist der Underdog im Brüdergespann: Denn Herm (Florian Hacke) ist breit, massig, muskulös. Er macht die Pläne und er macht die Ansagen. Piet und Herm hatten eigentlich einen Einbruch vereinbart. Doch dann trägt Herm einen Packen über den Schultern aus dem Haus zu Piet ins Auto, das ist eine Geisel, mit der kann man noch viel mehr Geld rausholen. Piet, Herm und das Opfer ziehen sich in ein verlassenes Haus zurück. Und Piet findet sich im Spannungsfeld zwischen Loyalität zum Bruder und dem Kampf um das Leben der Geisel.

Fisch für die Geisel, das bedeutet drei Männer in einem Raum innerhalb weniger Stunden: Steffen Cornelius Tralles folgt in seinem Langfilmdebüt den klassischen aristotelischen Tugenden – und schafft genau damit einen Genre-Thriller, der es in sich hat und der so in der deutschen Filmlandschaft seinesgleichen sucht. Gedreht wurde mit Minibudget und Miniteam in einem verlassenen Haus, das für vier Monate zur Verfügung stand. Sechs Wochen gingen fürs Drehbuch drauf, dann wurde mit den Darstellern intensiv geprobt – und das merkt man dem Film an. Denn es kommt ganz auf das Zusammenspiel der Darsteller an, und hier passt alles perfekt: Piet, der zwischen Blutsbande und Geldnot einerseits und Mitgefühl und Anstand andererseits im Zwiespalt steckt, Herm, der das Vergangene hinter sich lassen will und dem deshalb egal ist, was in der Gegenwart geschieht, solange die Zukunft rosig aussieht – und das Opfer Konstantin (Mats Kampen) leidet, aber er weiß auch, wie er Piet ansprechen muss, um seine Lage zu verbessern.

„Du wirst hier noch zum Mann werden!“, lobt das Alphamännchen Herm seinen kleinen Bruder; mal tätschelt er ihn gönnerhaft, dann nimmt er ihn spaßhaft brutal in den Schwitzkasten. Zur Geisel ist Herm standesgemäß grausam, bloß keine Schwäche zeigen: Offenbar eine Lektion, die ihn das Leben gelehrt hat. Piet ist Mitläufer, er erträgt den Älteren, wie er ihn wohl schon immer ertragen hat, irgendwo zwischen Kumpel und Rivale. Bei diesem Abenteuer, sichtlich seinem größten bisher, macht er mit, weil es um Höheres geht: Die beiden Brüder brauchen Geld, weil der Vater unverschuldet pleite gegangen ist. Auf der anderen Seite Konstantin: Den mit seinem Vater gar nix verbindet, denn dem war es immer nur ums Geschäft gegangen, nie um Gefühle, um Familie.

So haben Steffen Tralles und Vasko Scholz, die Drehbuchautoren, ein höchst spannendes Figuren-Mobile aufgebaut, mit dynamisch wechselnden Beziehungen; allen Protagonisten gemeinsam ist das Hadern mit dem Früher. Piet und Herm versuchen, die Scharten des Vergangenen auszuwetzen, mit leider allzu unzulänglichen Mitteln. Denn dass die beiden Amateure sind, merkt auch Konstantin schnell. Wo der schwache Punkt liegt – bei Piet –, auch. Wodurch sich das Suspense des Films ergibt, denn ständig wechseln die Koalitionen und Bündnisse und auch Zielsetzungen der Figuren.

Das ist nicht nur stringent und hochspannend in Szene gesetzt – gerade wegen des beschränkten Film-Raumes, in dem sich keine Ausweichmöglichkeiten für die Protagonisten ergeben (wobei man sich mitunter fragt, warum einer nicht mitbekommt, was andere im nächsten Raum bereden…) Der Film ist auch ziemlich witzig. Mit bösem, schwarzem Humor freilich, und ohne eine Kriminalkomödie zu sein. Fehler passieren, auf allen Seiten, das Selbstbild der Figuren entspricht nicht immer der Wirklichkeit, es gibt immer wieder Überraschungen. Und in Piet steckt eben doch mehr als das Weichei, als das ihn Herm ansieht. Er kann nämlich mit Menschen, und er ist zumindest klüger als Herm. Daraus ist ein höchst gelungener deutscher Genrefilm entstanden, ganz ohne Fördergremien zu belästigen, dafür mit einigem Erfolg in den Auto- und Open Air-Kinos rund um Hamburg während der mauen Coronazeit.

Fisch für die Geisel (2019)

Eigentlich will der sensible Piet seinem Bruder Herm nur bei einem kleinen Einbruch helfen, “rein-Kohle-raus”, aber als Herm mit einer Geisel aus dem Haus kommt, wird Piet in eine Geiselnahme verwickelt, die Herm gnadenlos dominiert und muss Herms perfides Spiel mitspielen, wenn er das Leben der Geisel nicht gefährden will. (Quelle: good seasons film)

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