Cunningham (2019)

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Choreographien und Tanz von und mit Merce Cunningham in 3D: Anlässlich des 100. Geburtstags des einflussreichen Tänzers und Choreographen kommt mit „Cunningham“ ein neuer Dokumentarfilm über die Frühphase bis zum internationalen Durchbruch in die Kinos.

Cunningham (2019)

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Bewegungsräume

Es beginnt in einem Tunnel. Der Film bewegt sich langsam auf einen Tänzer zu. Die spiegelnden Fliesen an den Wänden, die Lichtakzente, der Raum selbst und der Körper sind perfekt aufeinander abgestimmt. Der Tänzer trägt Alltagskleidung, die Farben der Umgebung aufnehmend. Seine Bewegungen konterkarieren die des Films: er arbeitet horizontal, der Film vertikal. Beim tanzenden Körper angelangt, stoppen die Bewegungen desselben und es weitet sich der Hintergrund, der vorher verengt erschien. Sobald der Film sich gestreckt hat, lässt der Tänzer einen Arm fallen. „Cunningham“ ist ein Tanz-Film, der es vor allem mittels der nachgestellten Choreographien schafft, Bewegungsverschränkungen zwischen Film- und Tanz-Körper herzustellen und somit kinetische Räume zu kreieren, die die Zuschauer*innen mitreißen – und fast schon mittanzen lassen.

Merce Cunningham wäre 2019 100 Jahre alt geworden. Der Merce Cunningham Trust hat daher, anlässlich der Hundertjahrfeier, eine Reihe von Events auf der ganzen Welt geplant – zum Teil filmisch dokumentiert wie Night of 100 Solos. Da verwundert es nicht, dass in diesem Jahr auch ein neuer Dokumentarfilm über einen der einflussreichsten Choreographen und Tänzer des 20. Jahrhunderts mit Cunningham entstanden ist.

Night of 100 Solos ist ein gutes Beispiel für einen eher archivarisch orientierten Tanzdokumentarfilm: die Bühne wird gefilmt, es gibt nur wenige, behutsame Schnitte. Film fungiert hier als Dokument. Tanzdokumentarfilme für das Kino, wie etwa der gefeierte Film Pina von Wim Wenders, gehen oftmals anders vor: sie setzen Tanz filmisch um – oder versuchen es zumindest. Gemeinsam ist Cunningham und Pina, dass beide in 3D zu sehen sind, was vor allem den Tänzen eine stärkere Kinetik, eine tiefere emotionale Involvierung der Zuschauer*innen mit sich bringt. Wohingegen Pina, aufgrund des überraschenden Tods der bedeutenden Choreographin und Tänzerin Pina Bausch, zu einem Film für sie wurde, entstehen auch immer wieder Filme über Tänzer*innen und Choreograph*innen, die noch arbeiten. Ein Beispiel ist Mr. Gaga, über den israelischen Tänzer und Choreographen Ohad Naharin, der zwar als Artistic Director der Company zurückgetreten ist, aber immer noch als Haus-Choreograph der Batsheva Dance Company fungiert. Mr. Gaga zeichnete zum einen den autodidaktischen Werdegang Naharins nach, verwob aktuelle Aufnahmen mit Archivaufnahmen und zeigte, wie für das Genre üblich, Aufnahmen von Tanzstücken und oftmals den Proben dazu. Das ist eine Gemeinsamkeit, die Mr. Gaga mit Cunningham teilt.

Cunningham fokussiert sich auf die formgebenden Jahre 1942–72, in denen Cunningham nach und nach seine Company aufbaute und letztendlich zu Weltruhm gelangte. Da um 1970 fast alle Mitglieder der ersten Jahre die Company verlassen hatten, markiert 1972 eine Grenze und einen Neubeginn und somit eine ausreichende Rechtfertigung für den Fokus des Films. Neben der chronologischen Achse, die den Film durchzieht – sowohl biographisch als auch die Choreographien betreffend – versucht Cunningham auch, verschiedene Facetten der Person Merce Cunningham abzubilden: vom Tänzer zum Lehrer zum tanzenden Choreographen, Cunningham als Avantgardist (er hat sich selbst nicht so bezeichnet und lehnte dieses Label sogar eher ab) und Autor.

Selten gesehene Archivaufnahmen werden gezeigt, in denen nicht nur Cunningham selbst, sondern auch die ersten Mitglieder seiner Company zu Wort kommen. Und mittels der Archivaufnahmen wird auch deutlich, in welch kulturell-künstlerischem Klima Cunningham arbeitete und welche Künstler-Freundschaften seine eigene Arbeit prägten: John Cage war ein enger Freund und begleitete die Company sogar auf ihren Reisen. Er schrieb die Musik für eine Unzahl von Choreographien. Robert Rauschenberg, bevor er seinen Durchbruch erlang, war Set- und Kostümdesigner für die Company. Und Andy Warhols „Silver Pillows“ waren Tanzpartner in Rainforest. Das Stück wird im Film eindrucksvoll umgesetzt.

Wirklich seltsam muten jedoch oftmals die gestalterischen Mittel an, mit denen vor allem die Archivaufnahmen bearbeitet und „zum Leben erweckt“ werden: wo Bildercollagen und Splitscreens noch recht gut funktionieren, irritiert vor allem ein wiederholt eingesetzter Projektorstrahl im Bild. Wenn 16mm-Aufnahmen in der Bildmitte gezeigt werden, somit nicht angepasst an die Ratio der Leinwand, werden sie innerhalb des Filmbildes „projiziert“, soll heißen, ein weißer Lichtstrahl emaniert aus einer der oberen Ecken (links oder rechts), sodass eine Dopplung entsteht. Manch andere dieser Effekte wirken, als ob noch das letzte bisschen Material aus Cunninghams Nachlass Einzug finden soll: wie, wenn etwa Tierzeichnungen des Choreographen animiert werden und als eine weitere Lage auf sowieso schon stark collagierte Sequenzen gelegt werden. Diesen Mitteln fehlt es an Stringenz, an einem gemeinsamen Ziel – abgesehen davon wirken sie seltsam aus der Zeit gefallen. Auch ästhetisch stoßen diese Sequenzen auf und trüben die archivarischen Dokumente in ihrer Aussage nachhaltig ein.

Wie schon eingangs erwähnt, sind es vor allem die neu-getanzten Stücke, die bahnbrechenden Choreographien der Anfangsjahre, im Film getanzt von den letzten Mitgliedern seiner Company, die Film und Zuschauer*innen in einen gemeinsamen Tanz der Bilder verweben. Wohingegen Night of 100 Solos die Tänze – klassisch – auf einer Bühne aufführte, entschieden sich die Regisseurin Alla Kovgan und die Filmchoreographin Jennifer Goggans dafür, den Archivaufnahmen der Choreographien filmische Versionen an die Seite zu stellen. Und diese eben nicht auf einer klassischen Bühne umzusetzen, sondern in anderen Räumen, die sich gerade auch durch die filmische Umsetzung der Tänze ergeben. Antic Meet etwa wird in einer Stadtvilla getanzt, Rune im Wald und Suite for Two verbindet tänzerisch drinnen und draußen, sodass das Stück selbst filmisch in mehreren Räumen gleichzeitig existiert, diese durch Bewegungen, Musik und Körper verbindet.

Es sind dann auch die Choreographien, neben dem Aufspannen der persönlichen Verhältnisse der Künstler*innen, die den Film sehenswert und zu einem sinnlichen, stark körperlichen Erlebnis machen. Wenn New York anfangs ins Bild kommt und die Tänzer*innen sich langsam in Bewegung versetzen, die Posen auflösen und wir den Film mit ähnlichen Sequenzen zwischen Stillstand und Motion wieder verlassen, so wurden wir wahrlich gemeinsam bewegt. „Extending movement for the body“ – wie Cunningham im Film selbst sagt. Es wurden Bewegungsräume zwischen Zuschauer*innen, Film und Tänzer*innen geschaffen, die man so nur kinematisch erleben kann.

Cunningham (2019)

Alla Kovgans poetischer Film zeichnet Merce Cunninghams künstlerische Entwicklung über drei Jahrzehnte (1944-1972) voller Risiko und Entdeckung nach. Von seinen frühen Jahren als brotloser Tänzer in New York bis hin zu seinem Aufstieg zu einem der visionärsten amerikanischen Choreographen. Die 3D-Technologie verbindet die Geschichten und Ideen von Merce Cunningham zu einer eindringlichen Reise in die Welt des Künstlers.

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