Specials: Interview: Regisseur Andreas Dresen über "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush"

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Ein Beitrag von Paul Katzenberger

Andreas Dresen erzählt in seinem neuen Film die Geschichte von Murat Kurnaz, der jahrelang unschuldig in Guantanamo saß, aus der Perspektive seiner Mutter und ihres Anwalts. Im Kampf um seine Freilassung ergänzen sich beide mehr und mehr, was der Regisseur als große Qualität herausstreicht.

Regisseur Andreas Dresen über seinen neuen Film "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush"
Regisseur Andreas Dresen über seinen neuen Film "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush"

Die türkischstämmige Familienmutter Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) führt mit ihrem Mann und ihren Kindern ein bodenständiges Leben in einem Bremer Reihenhaus. Ihr Leben ändert sich schlagartig, als kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ihr damals 19-jähriger Sohn Murat zu Unrecht des Terrorismus bezichtigt und von US-Soldaten ins Gefangenenlager Guantanamo verschleppt wird. Die liebende Mutter, versteht die Welt nicht mehr. Sie geht zur Polizei, informiert die Behörden und verzweifelt fast an ihrer Ohnmacht. Bis sie Bernhard Docke (Alexander Scheer) findet. Der zurückhaltende, besonnene Menschenrechtsanwalt und die temperamentvolle Hausfrau – sie kämpfen Seite an Seite für die Freilassung von Murat.

Eigentlich möchte Rabiye nur zurück zur Familie in ihr Reihenhaus und wird doch immer wieder in die Weltgeschichte katapultiert. Denn Bernhard strengt ein Verfahren vor dem Supreme Court gegen Präsident George W. Bush wegen der verfassungswidrigen Haftbedingungen in Guantanamo an, bei dem Rabiye als Klägerin auftritt. Bernhard unterstützt sie dabei mit Englischkenntnissen und juristischem Sachverstand, und Rabiye bringt ihn zum Lachen. Mit Herz, Seele und letzter Kraft schaffen sie das, was immer so aussichtslos erschien. Für die Verkörperung der Rabiye Kurnaz erhielt Meltem Kaptan bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die beste Hauptrolle. Paul Katzenberger traf Andreas Dresen, Regisseur von Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush, vor dem Kinostart zum Interview.

 

Kino-Zeit: Nachdem Sie Murat Kurnaz‘ Buch Fünf Jahre meines Lebens: Ein Bericht aus Guantanamo gelesen hatten, haben Sie sich intensiv mit seinem Fall beschäftigt. Warum?

Andreas Dresen: Weil das Buch direkt auf mein Unrechtsempfinden gezielt hat. Auch Zorn kam hoch, den ich gar nicht so recht kanalisieren konnte. Es war einfach unfassbar für mich, dass so etwas in unserer Zeit möglich und geschehen ist. Ich bin dann nach Bremen gefahren und habe Murat getroffen. Er hat mir in langen Gesprächen seine Geschichte erzählt. Es war extrem beeindruckend, wie er mit großer Milde und völlig ohne Rachegefühle über diese Jahre in Guantanamo gesprochen hat.


Einen Ansatz für Ihren Film „Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush“ sahen Sie aber erst, nachdem Sie Murats Mutter Rabiye und ihren Anwalt Bernhard Docke ebenfalls kennengelernt hatten. Warum bedurfte es dieses Umwegs?

Weil Guantanamo so ein kafkaesker Ort ist. Ich habe keinen erzählerischen Ansatz gefunden, der auch nur einen Funken Hoffnung ermöglicht. Eine juristische Wahrheitsfindung findet ja in Guantanamo nicht statt. Die Gefangenen wissen praktisch nichts und bekommen auch nichts von den Bemühungen der Außenwelt um ihre Befreiung mit. Murat war am Anfang ja noch nicht einmal klar, wo er sich geografisch befindet. So etwas ist kaum zu erzählen, weil man einen Menschen aus allem rausnimmt, was er hat, ihn komplett isoliert und jeglicher Perspektive entzieht. Es ergab sich einfach keine erzählerische Entwicklung für die Geschichte. 

 

„Die beiden sind tatsächlich so“


Inwiefern hat das Kennenlernen von Rabiye diese schwierige Ausgangslage für Sie so sehr verändert, dass Sie den Film jetzt doch erzählen konnten? 

Mit Rabiye erzählen wir ja von einer Mutter, die darum kämpft, ihren Sohn zurückzubekommen. Das ergab sofort eine Perspektive, zumal sie ja auch erfolgreich ist. Und es kam plötzlich sogar Humor ins Spiel. Weil die reale Rabiye ohne Humor gar nicht vorstellbar ist. Humor verlacht und verspottet die Verhältnisse. Und damit erhebt man sich über sie und hat nicht das Gefühl, „ich bin Opfer“. Das ist ja das Tolle an Rabiye, dass sie sich überhaupt nicht als Objekt der Geschichte empfindet. Sie handelt, sie tut etwas, sie lässt die Umstände nicht einfach geschehen, sondern wehrt sich, geht los. Sie lässt sich auch nicht davon abschrecken, dass das alles ausweglos erscheint. Wenn Bernhard sagt: „Der sitzt jetzt da in Guantanamo, das ist nicht Fuhlsbüttel [Justizvollzugsanstalt in Hamburg, Anm. d. Red.], da kommt man nicht so ohne weiteres hin“, dann sagt sie: „Ich zahl‘ die Reise.“ Das ist natürlich naiv, aber sie sucht eben immer die Möglichkeit. Das, finde ich, ist eine tolle Lebenshaltung. Weil wir ja sonst zu einem gewissen Fatalismus neigen. Ich ehrlich gesagt auch. Angesichts der aktuellen Nachrichtenlage könnte man ja manchmal nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber die Gesellschaft, in der wir leben, ist von Menschen gemacht, also können Menschen sie auch verändern.

 

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Der Naivität und spontanen Emotionalität Rabiyes setzen Sie im Film den Weitblick und die geduldige Rationalität ihres Anwalts Bernhard Docke gegenüber. Ist das eine dramaturgische Konstruktion, oder hat sich das in der Realität tatsächlich so abgespielt?

Ich gebe zu, das wirkt zunächst einmal wie eine Filmkonstruktion, wie ein klassisches odd couple. Aber die beiden sind tatsächlich so, wir mussten uns das nicht ausdenken. Sie haben eine große Gegensätzlichkeit, ergänzen sich aber perfekt. Sie hätte ohne ihn nicht gewinnen können, und er ohne sie genauso wenig. Und das besonders Schöne besteht darin, dass sie sich auch kulturell ergänzen: Er bringt etwas sehr Deutsches mit, etwas sehr Strukturiertes und Reflektiertes. Und sie hat ein südländisch-stürmisches, vorwärtstreibendes, agiles Temperament. Gemeinsam sind sie dann unschlagbar.


Man könnte es auch anders beschreiben: Er ist ein stocksteifer Typ, und sie ist eine Chaotin.

Das könnte man vielleicht, aber ich habe die Unterschiede zwischen den beiden ganz bewusst positiv ausgedrückt. Es ist doch eine schöne Möglichkeit, wenn wir uns in unserer Verschiedenheit ergänzen und genau das als Qualität empfinden, statt immer nur das Trennende zu definieren. Außerdem wären solche Abqualifizierungen in diesem Fall vollkommen ungerecht. Rabiyes positive Eigenschaften habe ich schon genannt, aber auch Bernhard hat etwas Tolles. Er ist der totale Idealist. Fünf Jahre ohne Bezahlung an so einem Fall zu arbeiten und sich von der juristischen Aussichtslosigkeit nicht niederringen zu lassen — das muss man erst einmal machen. Davor habe ich einen Riesen-Respekt.

 

Perfide Idee der Politik


Ihr Film hat zwangsläufig auch eine politische Dimension, die in der Szene besonders deutlich wird, als Bernhard Docke vom zuständigen Staatsanwalt darauf hingewiesen wird, dass die CIA Berlin bereits im Herbst 2002 angeboten habe, Murat Kurnaz freizulassen und nach Deutschland zu überstellen. Dass es diese Offerte der Amerikaner gegeben hat, wird vom damaligen Kanzleramtsminister, der auch Geheimdienstkoordinator war, und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier nach wie vor bestritten. Inwieweit können Sie bestätigen, dass diese Szene die Tatsachen widerspiegelt?  

Mir liegen die Dokumente vor. Ich habe das entsprechende Memo der CIA an die deutsche Bundesregierung vom September 2002 eingesehen, das im Übrigen auch an die Presse durchgestochen wurde. In dem Schreiben steht, dass die CIA von der Unschuld Murat Kurnaz‘ überzeugt ist und ihn freilassen und es so aussehen lassen möchte, dass die deutsche Regierung ihn freigekämpft habe. Daraufhin fand im Oktober 2002 eine Sitzung im Kanzleramt unter Leitung Steinmeiers statt, in der sich Hans-Georg Maaßen als Beamter des Innenministeriums mit der perfiden Idee hervortat, dass man Murat ja die Aufenthaltserlaubnis entziehen könne, weil er sich sechs Monate nach seiner Ausreise nach Pakistan im Oktober 2001 ja nicht — so wie es für Ausländer mit Aufenthaltsberechtigung in Deutschland vorgeschrieben ist — gemeldet habe.


Dass Murat Kurnaz die Aufenthaltsgenehmigung entzogen wurde, zeigen Sie im Film ja auch. Genauso wie den Umstand, dass Bernhard Docke sie ihm dann vor dem Verwaltungsgericht Bremen zurückerkämpfte. Man hat das Gefühl, dass von Seiten der deutschen Regierung juristische Konstellationen konstruiert wurden, um die Einreise von Kurnaz mit allen Mitteln zu verhindern. Warum folgte Steinmeier offensichtlich dem Rat Maaßens?

Steinmeier war damals der Meinung — und das kann man aus der damaligen Zeit kurz nach dem 11. September ja auch ein Stück weit nachvollziehen -, dass es halt nicht so klar ist, wie gefährlich Murat Kurnaz wirklich ist. In der Presse war zu dieser Zeit vom „Bremer Taliban“ die Rede, und Steinmeier fragte sich vermutlich: „Wie sieht das aus, wenn wir den wieder einreisen lassen?“ Er konnte sich dann darauf herausrausreden, dass sich besser die Türken um Murat kümmern sollen, schließlich sei er ja türkischer Staatsbürger, auch wenn er in Bremen geboren und aufgewachsen ist. Das wiederum hat die Amerikaner sehr verärgert, die haben die deutsche Haltung nicht verstanden. Da gibt es auch ein Schreiben dazu. Leider hat das alles zur Folge gehabt, dass Murat noch einmal fast vier Jahre in Guantanamo gesessen hat. Ich habe mich mit Drehbuchautorin Laila Stieler häufig gefragt, wie es wohl gewesen wäre, wenn Murat beispielsweise Gerhard Müller geheißen hätte. Dann wären ihm vier Jahre Folter und Haft erspart geblieben.


Ist dieses Wegschieben der Verantwortung an andere Stellen auch der Grund dafür, dass Murat Kurnaz keine Entschädigung erhalten hat, die normalerweise ja anfallen würde, weil er zu Unrecht in Haft saß?

Ich bin mir nicht sicher, ob überhaupt irgendein unschuldiger Guantanamo-Häftling eine Entschädigung erhalten hat. Spätestens als sich sämtliche Geheimdienste dieser Welt inklusive der ermittelnden Bremer Staatsanwaltschaft sicher waren, dass Murat unschuldig und einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war, spätestens da hätte die deutsche Politik sagen müssen: „Es tut uns leid, wir haben einen Fehler gemacht, und wir entschuldigen uns bei Murat und seiner Familie.“ Dass sich Steinmeier stattdessen hinstellt und sagt: „Ich würde das alles noch einmal ganz genauso machen“, da fällt mir nichts mehr zu ein. Jedem können Fehler unterlaufen, das ist klar. Wenn man aber später wider alle Erkenntnisse nicht die Größe hat, diese Fehler einzugestehen, finde ich das beschämend. 

 

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ (c) Pandora Film Verleih

 


Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages kam zu dem Ergebnis, dass es das Angebot der Amerikaner, Murat Kurnaz freizulassen, nicht gegeben habe. Wie kam es dazu, dass der Ausschuss Steinmeier diesen Persilschein ausstellte, auf den er sich bis heute beruft?

Weil das ein Untersuchungsausschuss war, der von der neuen Großen Koalition geführt wurde, und es gab weder bei der Union noch bei der SPD ein Interesse daran, den damals frisch ins Amt gekommenen Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu desavouieren. Die anderen beteiligten Parteien, sprich die FDP und die Linkspartei, sind in der Auswertung der Befragungen durch den Untersuchungsausschuss zu ganz anderen Ergebnissen gekommen. Wenn es ein rein CDU/CSU- oder ein CDU/CSU/FDP-geführter Ausschuss gewesen wäre, dann wäre diese Angelegenheit definitiv anders ausgegangen. Die Dokumente lagen dem Ausschuss ja auch vor.

 

„Mich im Film da hinzusetzen, hatte für mich etwas Zeichenhaftes“


Im Film sind Sie als amerikanischer Verfassungsrichter zu sehen, der stets sehr nachdenklich schaut. Was hat Sie dazu veranlasst, diese Komparsenrolle zu übernehmen? Weil Sie auch in Brandenburg Verfassungsrichter sind?

Ich habe mich da hingesetzt, weil ich finde, dass das Urteil des Supreme Courts Maßstäbe setzt. Selbst die konservativen Richter haben dem republikanischen US-Präsidenten Bush eine so schallende Ohrfeige verpasst, dass ich das wirklich toll und beispielhaft für die Kraft der Judikative im demokratischen Zusammenspiel finde. Außerdem halte ich die Rolle der Verfassungsgerichte generell für wichtig. Ich sitze in Brandenburg ja selber in einem, wie sie richtig anmerken. 


Über so etwas wie Guantanamo müssen Sie da ja nicht entscheiden. 

Glücklicherweise, aber trotzdem natürlich über wichtige Fragen unseres Zusammenlebens. Wir haben uns mit unseren Verfassungen Grundregeln für unsere Gesellschaft gegeben. Und dass diese Grundregeln auch geschützt und verteidigt werden — auch vor Gerichten -, finde ich toll. Zu unserem Verfassungsgericht kann jeder Bürger kommen, es kostet nichts, und neun Verfassungsrichter werden sich über jedes Anliegen beugen. Man kann Recht bekommen, auch gegen eine Landesregierung, wenn beispielsweise dann Gesetze gekippt werden. Das ist ein Wert, der geschützt werden muss. Und ich finde es auch nicht gut, wenn Politiker, so wie damals George W. Bush, dauernd Konstruktionen und Finten suchen, um die Verfassungsgerichtsbarkeit zu unterlaufen. Das ist im Fall Guantanamos immer wieder passiert, deswegen sitzen da ja immer noch 39 Leute — seit über 20 Jahren. Mich im Film da hinzusetzen, hatte für mich etwas Zeichenhaftes, aber zum Glück wissen es ja die wenigsten.


Im Abspann des Filmes liest man, dass Sie auch in Washington D.C. gedreht haben. Ist diese Szene dann tatsächlich im Supreme Court entstanden?

Nein. Im Supreme Court darf man gar nicht drehen, und es wurde dort meines Wissens auch noch nie gedreht. Selbst eine Dokumentation darf da nicht rein. Es gibt nur Fotos und Zeichnungen. Ich habe mir alle Szenen angesehen, die in amerikanischen Filmen im Supreme Court spielen. Das wird immer in anderen Gerichtssälen gedreht. Wir haben das alles vor einem Greenscreen in einem Kölner Studio aufgenommen. Dann haben wir einen sehr großen Aufwand betrieben, um den Saal des Supreme Courts komplett als 3D-Modell nachzubauen. Ich glaube tatsächlich, dass man in unserem Film diesen Ort zum ersten Mal halbwegs realistisch zu sehen bekommt. Bernhard Docke, der im Gegensatz zu mir ja mal drin war, hat mir bestätigt, dass es dort tatsächlich so aussieht.

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