Wajib (2017)

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Annemarie Jacirs neuer Spielfilm „Wajib“, die offizielle Oscar-Einreichung Palästinas, erzählt mit doppelbödigem Witz eine Vater-Sohn-Geschichte als kammerspielartiges Roadmovie durch Nazareth.

Wajib (2017)

Eine Filmkritik von Ines Meier

Ein Roadmovie durch Nazareth als Kammerspiel

Bereits die ersten abendfüllenden Spielfilme „Salt of This Sea“ und „When I Saw You“ der Autorin, Regisseurin und Produzentin Annemarie Jacir waren offizielle palästinensische Oscar-Einreichungen, so auch ihr neuer Film WAJIB. Während „When I Saw You“ komplett in Palästina finanziert wurde, konnten „Wajib“ und „Salt of This Sea“ nur mit vielen internationalen Partnern realisiert werden. Insgesamt sieben Länder waren an der Produktion von „Wajib“ beteiligt – es ist auch die erste palästinensisch-kolumbianische Koproduktion überhaupt. Trotzdem die Arbeit mit so vielen verschiedenen Partnern eine Herausforderung sei, gehöre der künstlerische Austausch in einem internationalen Team für sie zu den besten Erfahrungen in der Filmindustrie, so Annemarie Jacir in einer Email an mich.

In Wajib schickt Jacir Vater und Sohn einen Tag lang durch Nazareth. Der Architekt Shadi (Saleh Bakri) lebt mit seiner palästinensischen Freundin seit vielen Jahren im Exil in Rom. Für die Hochzeit seiner Schwester Amal (Maria Zreik) reist er widerwillig in seine Heimatstadt Nazareth, die „arabische Hauptstadt“ Israels. Sein Vater Abu (gespielt von Saleh Bakris echtem Vater Mohammad Bakri) ist Lehrer und geschieden, seine Ex-Frau lebt in den USA und wird zur Hochzeit erwartet. Wajib bedeutet übersetzt in etwa „soziale Pflicht“. Bei einer Heirat müssen die Männer der Familie einer palästinensischen Tradition entsprechend alle Einladungen persönlich überbringen, alles andere gilt als respektlos. Annemarie Jacirs Drehbuch beruht auf eigenen Beobachtungen- Als die Schwester ihres Mannes heiratete, begleitete sie ihn und seinen Vater bei ihren Fahrten durch die Stadt.

Das Intro von Wajib gibt Ton und Rhythmus vor, die sich durch diese Komödie ziehen – eine ruhige Beiläufigkeit, kombiniert mit doppelbödigem Witz, der sich mit leichter Verzögerung entfaltet (letzteres kann dem westlichen Auge geschuldet sein). Abu sitzt da mit Schiebermütze und Schnurrbart auf einer Anhöhe rauchend im Auto, hinter ihm das Panorama der Stadt Nazareth. Aus dem Radio liest eine tiefe Männerstimme monoton die Todesanzeigen und Informationen für die Beerdigungen. Als Shadi mit seinem sorgfältig gestutzten Vollbart, Hipster-Dutt, dunklem Jackett, rosa Hemd und roter Jeans ins Bild tritt, verkündet eine beschwingte Frauenstimme den Wetterbericht. Es wird sonnig, 18 Grad Celsius, am Nachmittag ist mit ein paar Wolken zu rechnen. Kaum sitzen Abu und Shadi gemeinsam im Auto, hört man aus dem Radio eine Nachricht: Aufgrund von Beschwerden hat das israelische Verkehrsministerium beschlossen, auf arabischsprachige Ansagen in Bussen künftig zu verzichten.

Es ist alles angelegt in dieser eleganten und schwarzhumorigen dramaturgischen Miniatur. Das Radio skizziert die Charaktere der Hauptfiguren, ihre potenziellen Konflikte und das politische Spannungsfeld, in dem sie reagieren. Uneins sind sich Eltern und Kinder, Alt und Jung, Konservative und Moderne, Dagebliebene und Exilierte, „Tote“ und „Lebende“. Die, die untrennbar sind von ihrem Land und die, die sich zu ihm verhalten wie das Wetter.

Weit mehr als 300 Einladungen haben Abu und Shadi zu überbringen. Im klapprigen Volvo, in dem schon Shadi fahren gelernt hat, geht es kreuz und quer durch die Stadt, von Wohnung zu Wohnung, von Kaffee und Essen zu mehr Kaffee und Essen. Dass viele der Rollen mit Laiendarstellern besetzt sind und viele Szenen in ihren tatsächlichen Wohnungen oder denen ihrer Nachbarn gedreht wurden, ist dabei im besten Sinne spürbar. Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen sitzen da auf zerknautschten Sofas, in Wohnungen mit Weihnachtsbäumen, die von sehr unterschiedlichem Gestaltungswillen zeugen – all das fühlt sich natürlich an, als könnte man selbst Teil dieser Familie sein.

Wie weit sich Vater und Sohn voneinander entfernt haben, wird schnell deutlich. Shadi rümpft die Nase über den Müll in den Straßen und die Plastikplanen, die die Balkone dieser historischen Stadt verschandeln. Abu beschimpft ihn als Snob, und überhaupt, wie sieht er eigentlich aus, trägt man das so in Italien? Abu wittert sicheres Terrain mit einem Schwulenwitz, Shadi weist ihn zurecht. Es sind zickige Schlagabtäusche, die so wahrscheinlich nur Familie kann. Denn unter diesem Heckmeck liegen uralte Vertrautheit, tiefe Liebe und große Enttäuschungen. Abu wollte einen Arzt als Sohn, einen, der in der Heimat lebt. Shadi wirft seinem Vater vor, vor den jüdischen Israelis zu kuschen, das sei doch kein Leben. Abu wirft Shadi wiederum vor, das Land in der Ferne zu verklären – und so weiter und so fort.

Wajib, dieser Film der klappenden Türen, erlaubt sich als kammerspielartiges Roadmovie selbst außerhalb des Autos und der Wohnungen kaum – und wenn, dann dramaturgisch präzise eingesetzte – Weite. Diese Strategie ist effektiv, denn in der architektonischen Beklemmung wird unterschwellig auch die Eingrenzung der arabischen Minderheit Israels erzählt. Sich über diese Situation wiederum lustig zu machen, heißt, sich ein Stück Kontrolle über die eigene Geschichte zurückzunehmen. Es gibt einige wunderbare Witze in diesem Film, die gleichzeitig schmerzhaft traurig sind. Wenn sich etwa Shadi im Bistro über die israelischen Soldaten aufregt und sein Vater lapidar entgegnet „Die mögen halt unsere Falafel“ (die Falafel-Urheberrechte sind ein ewiger Streitpunkt). Oder, wenn sich keiner mehr erinnert, wo eigentlich die anderen im Exil leben – war es Amerika, Jamaika oder Belgien? Furios ist auch die Fahrerflucht, zu der Abu seinen Sohn zwingt, nachdem sie einen winzigen Hund angefahren haben, denn: Wehe dem Araber, der ein israelisches Tier verletzt! 

Und die zukünftige Braut? Taucht erst nach einer knappen Stunde das erste Mal auf und stutzt gleich ihren Bruder zurecht: „Kapierst du’s nicht, hier geht’s nicht um mich!“ Die Frauen des Films – Amal, die Mutter, Shadis Freundin in Rom – sind die großen Abwesenden, und gleichzeitig die Figuren, um die die Männer wie Trabanten kreisen. Nach all den überwundenen Hindernissen, Turbulenzen und Zerwürfnissen sitzen Shadi und Abu schließlich beim letzten Kaffee des Tages auf dem Balkon. Keine Plastikplane versperrt ihnen und uns die Sicht auf die Hügel und Lichter der Stadt. Und auch der Hochzeit steht jetzt wirklich nichts mehr im Weg.

Wajib (2017)

Architekt Shadi ist nicht gerade begeistert, dass er nach Jahren in Rom wieder in seine Heimatstadt Nazareth zurückkehren muss – die palästinensische Tradition jedoch zwingt ihn dazu. Seine Schwester Amal wird heiraten und Shadi muss mit seinem Vater die Einladungen persönlich übergeben. Abu Shadi, ein geschiedener Lehrer Mitte sechzig, wird nach der Hochzeit allein leben. Gemeinsam fahren die beiden Männer durch die Straßen Nazareths und stellen fest: Ihre grundverschiedenen Lebensweisen sorgen für größere Spannungen als gedacht. 

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