Schnee von gestern

Schnee von gestern

Eine Filmkritik von Stephan Langer

Die Wunden der Vergangenheit

2005 zieht die junge israelische Regisseurin Yael Reuveny nach Berlin, tut es damit vielen Israelis ihrer Generation nach — und trifft damit auf einen bei älteren Generationen in vielen Familien noch nicht verheilten, traumatischen Punkt, den Holocaust. „Ich fahre nach Hause“, sagt sie an einer Stelle zu Beginn ihres Films Schnee von gestern zu ihrem Vater. Der runzelt darauf hin die Stirn. „In die Diaspora?“, fragt er. „Geht das nicht etwas zu weit, Deutschland Zuhause zu nennen?“
Im Gegensatz zu vielen anderen Israelis ist Reuveny allerdings nicht nur zum Spaß nach Berlin gekommen. Sie möchte sich mit der mysteriösen Geschichte ihrer Großmutter auseinandersetzen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ist es die jetzige, dritte Generation um Reuveny, die bestimmte Dinge sagen und tun kann, die vor einigen Jahren in Israel noch ganz klar tabu waren. Dazu gehört auch, nach Deutschland zu gehen, nicht nur um einen Film zu machen, sondern auch noch, um zusätzlich dort zu leben.

Doch zurück zur Geschichte der Großmutter, dem Ausgangspunkt und Epizentrum von Schnee von gestern. Es ist die Geschichte von Michla und Feiv’ke Schwarz, Schwester und Bruder, die als einzige ihrer großen Familie die Konzentrationslager überlebten, sich im Nachkriegschaos des Jahres 1945 im polnischen Lodz leider nur fast wiederfanden. Danach dachten beide, dass der jeweils andere tot sei. Michla ging auf ein Schiff nach Palästina, während Feiv’ke Schwarz im brandenburgischen Schlieben verblieb. Dies erscheint schier unvorstellbar, war Schlieben doch gerade der Ort, an dem er während des Kriegs im Konzentrationslager interniert gewesen war. Er richtete sich dort ein Leben ein, änderte seinen Namen in Peter. Peter heiratete eine Deutsche aus dem Dorf, bekam Kinder und verbrachte sein Leben in Deutschland bzw. in der DDR, wo er dann 1987 starb. Die ganze Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Baracken (später Ruinen) des alten Lagers.

1995 dann bekam die Familie von Regisseurin Reuveny in Israel aus dem Nichts heraus Briefe, verfasst mit blauem Kugelschreiber, ausgerechnet in deutscher Sprache. Der Absender ist Uwe Schwarz aus Cottbus, der Sohn des tot geglaubten Fei’vke. Auf beiden Seiten eröffnen sich damit völlig unerwartet Familienzweige, von denen niemand vorher etwas wusste. Michla, die Schwester, die ihn damals in Lodz verpasste, lebte zu diesem Zeitpunkt noch. Nachdem ihr Reuvenys Mutter die Neuigkeiten erzählte, fragte sie nur: „Er hat eine nichtjüdische Deutsche geheiratet?“ — „Ja.“ — „Dann will ich nichts wissen.“ Begleitet von Erinnerungen wie dieser und geplagt von Holocaust-Alpträumen begibt sich Reuveny 2005 auf Spurensuche nach Deutschland, ausgerechnet in das Land, das ihre Großmutter geschworen hat, nie wieder zu betreten und in dem sie ihre Eltern nicht besuchen wollen.

Die Suche führt sie zu Kindern und Enkeln von Peter. Auf formaler Ebene ist Schnee von gestern dreigeteilt in eben die drei Generationen, die nacheinander zu Wort kommen. Reuvenys Familie in Israel kann mit den Neuigkeiten nur schwer umgehen. Wie konnte Peter Schwarz den Deutschen verzeihen — und das auch noch so schnell? Durch die Gespräche mit den drei Generationen (und auch durch das Schweigen zwischendurch) entsteht ein nachdenkliches, komplex verwobenes, pointiert montiertes (im Wechsel zwischen Opfer- und Täterperspektive) Netz an Perspektiven, Meinungen, Ratlosigkeit, Schmerz und Hoffnung. Dabei bleibt die Montage stets kohärent, die Suchbewegung in den Gesprächen der Familie ist stets voller Lebendigkeit. Immer wieder kreisen die Dialoge fragend um die Wunden der Vergangenheit. Ist Verdrängung vielleicht eine notwendige Bedingung für Versöhnung? Ist eine Versöhnung möglich? Ist sie überhaupt von allen gewollt? Wie kann Peter beim Aufbau eines Landes mitgewirkt haben, das ihn versucht hat, unter allen Umständen zu töten?

In Schnee von gestern erkundet Reuveny die eigene Familie und liefert darüber hinaus ein Sog entwickelndes Panoptikum der intimen Tektonik einer zerrissenen Nachkriegsfamilie. Zwischen Israel und Deutschland gibt es am Ende natürlich keine Antworten auf die Fragen, doch ist es gut, dass Fragen aufgeworfen werden. Dass mit der dritten Generation der Betrachtung der Kriegsvergangenheit neue Facetten hinzugefügt werden können. So lange im Hebräischen allerdings beim Sprechen über den Holocaust von einem „dort“ geredet wird und das Grauen damit an einen ideellen, zeitlosen, immer präsenten Ort verbannt wird, anstatt von „dann“ zu sprechen, einem realen Zeitraum, dessen Geschehnisse vorüber sind, ist es schwierig mit jeglicher Form von Vergangenheitsbewältigung. Der Film sagt ganz klar „dann“, beschäftigt sich jedoch mit heutigen, oft immer noch kaum sichtbaren Wunden in beiden Gesellschaften, der israelischen wie der deutschen. Abgesehen vom etwas flapsigen Titel — der englische ist besser: Farewell, Herr Schwarz — ist der Film in seinem tastenden Gestus ganz wunderbar gelungen. Er ist nichts weniger als ein im besten Sinne frühreifer Glücksfall, der noch lange nachwirkt.

Schnee von gestern

2005 zieht die junge israelische Regisseurin Yael Reuveny nach Berlin, tut es damit vielen Israelis ihrer Generation nach — und trifft damit auf einen bei älteren Generationen in vielen Familien noch nicht verheilten, traumatischen Punkt, den Holocaust. „Ich fahre nach Hause“, sagt sie an einer Stelle zu Beginn ihres Films „Schnee von gestern“ zu ihrem Vater.
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