Road, Movie

Road, Movie

Eine Filmkritik von Lida Bach

Kino, Kino, du musst wandern...

"Alles andere ist Illusion", verspricht der Werbeslogan von Atma Haaröl. Das Tonikum versucht der Vater des jungen Vishnu (Abhay Deol) vergeblich an die Kunden zu bringen. Entsprechend gering sind Vishnus Ambitionen, den Familienbetrieb zu übernehmen. Lieber kutschiert er einen Van quer durch Indien, um ihn an ein Museum zu verkaufen. Die Rostlaube entpuppt sich in mehrfacher Weise als eskapistisches Mittel. Vishnu entdeckt darin ein altes Wanderkino, dank dem er den Fängen korrupter Polizisten und der kargen Realität entkommt. Der abweisende Eigenbrötler entdeckt sein Herz für das Kino und den kindlichen Streuner (Mohammed Faisal), den alten Mechaniker Om (Satish Kaushik) und die Nomadin (Tannishtha Chatterjee), denen er unterwegs begegnet. Die Kinoleidenschaft eint Gut und Böse – solange keine langweilige Vorführung über die Leinwand flimmert.
Der originelle Kinderfilm verwebt Film- und Fantasiewelt mit der harschen Lebensrealität des ländlichen Indien zu einer Projektionsfläche für Fernweh und Traumreiselust. Daraus ersteht eine im übertragenen und wörtlichen Sinne bewegende Odyssee, die Aufgeschlossenheit gegen Engstirnigkeit stellt, Innovationsgeist gegen Reaktionismus und Fantasie gegen Fatalismus. Road, Movie ist ein magisches Werk voller Metamorphosen; manche kurios und manche geradezu fantastisch, alle aber berührend real. Ein klappriger Van wird zum Kino, die Einöde zum Vorführraum, eine Zweckgemeinschaft wird eine Familie und die Landstraße ihr Zuhause. Bedeutender als die äußerlich sichtbaren Wandlungen der Szenerie und der Requisiten sind die verborgenen Veränderungen im Inneren der Charaktere.

Die größte Veränderungen erlebt erwartungsgemäß Vishnu, dessen Erlebnisse einer späten Coming-of-Age-Story gleichen. Äußerlich modern, lebt er gefangen in einem Mikrokosmos aus emotionaler Leere und Perspektivlosigkeit. Seinem Leben Antrieb zu geben gelingt ihm erst, als er wortwörtlich das Steuer in die Hand nimmt. Der Zielort ist dabei so unbestimmt wie der Bestimmungsort fast jeden jungen Lebens. Das Schlimmste in Benegals bewegtem Filmkosmos ist Stillstand, der geistige Starre und Resignation repräsentiert. Die Offenheit der Landschaft wird zum Synonym für die unzähligen Richtungen, die Vishnu einschlagen kann und von denen jede eine andere Art von Erfüllung bieten kann. Das Fest, zu dem der greise Om mitgenommen werden will und von dem er selbst nicht genau weiß, wo es ist, verkörpert diese Variabilität des Glücks.

Die Straße, auf die er seine Protagonisten schickt, hat Benegal selbst befahren. Die Spuren aus seiner ein Jahr währenden Recherche als Filmvorführer eines Wanderkinos ziehen sich neben denen anderer reisender Lichtspiele entlang der Fahrbahn. Heute folgt kaum noch jemand der alten Fährte. Auf dem Weg in die Zukunft hat die indische Gesellschaft das Tempo angezogen. Die Wanderkinos wurden vom Fortschritt überholt. Die Wagen rollen weiter, die Filmspule nicht. Sie wurde als überflüssiger Ballast abgeworfen. Das Wundersame kommt Hand in Hand mit der Wehmut, die das unvermeidliche Verschwinden auslöst. Die Veränderungen in Benegals nostalgischem Kinderfilm sind nicht nur positiv, sondern auch schmerzlich und endgültig. Der fortwährende Aufbruch, den das Nomadenleben beinhaltet, bedeutet unweigerlich ständige Trennung vom Vertrauten und Neuentdeckten. Der doppelte Abschied, mit dem Road, Movie schließt, ist zugleich menschlich und mythisch. Die portable Leinwand wird weggepackt von dem Charakter, der die Generation vertritt, für die sie zum Alltag dazu gehörte.

Das melancholische Ende führt die Reise dorthin, wo sie ihren Anfang nahm: in die Realität. Der Kreis schließt sich und scheint noch enger als zu Beginn; nicht nur für Vishnu, sondern auch für die Zuschauer, für die das Freiheitsgefühl des Wanderlebens greifbar wurde. Doch im Gefängnis der Alltagsrealität liegt nun der Schlüssel zur Flucht: Fantasie, Abenteuerlust und Träumerei. Dass auch Road, Movie vielleicht nur eine solche war, macht ihn noch kostbarer für Benegal, der die emotionale Wahrhaftigkeit des Erträumten und Erfundenen beschwört. Der Filmtraum ist wirklich - alles andere ist Illusion.

Road, Movie

"Alles andere ist Illusion", verspricht der Werbeslogan von Atma Haaröl. Das Tonikum versucht der Vater des jungen Vishnu (Abhay Deol) vergeblich an die Kunden zu bringen. Entsprechend gering sind Vishnus Ambitionen, den Familienbetrieb zu übernehmen. Lieber kutschiert er einen Van quer durch Indien, um ihn an ein Museum zu verkaufen.
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