Queen & Slim (2019)

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Melina Metsoukas Debut ist ein radikales Kinojuwel, so schimmernd und rasant wie ein türkisfarbener Pontiac und so erschütternd wie eine Pistolenkugel.

Queen & Slim (2019)

Eine Filmkritik von Daniel Moersener

The Politics of Two Riders

They’re young. They’re in love. They kill people“, so nonchalant wurde 1967 Arthur Penns „Bonnie & Clyde“ beworben und traf in seiner Verflechtung von Obrigkeitsverachtung, Gewaltdarstellung und Godardscher Amour fou eine Nation ins Mark. Junge Männer wurden nach Vietnam eingezogen, um Bomben auf den irgendwo im Dschungel umhergeisternden Kommunismus zu werfen, um reihenweise zu töten und getötet zu werden. Bonnie & Clyde pfiffen vor diesem Hintergrund aufs Einberufungsbüro, nahmen sich Geld und Waffen und richteten auf der Leinwand, parallel zur schwarz-weißen TV-Berichterstattung aus dem Krieg, ein Blutbad in Farbe an. Die Banküberfälle der historischen Vorbilder des Films aus der Great Depression, ihre Expropriation der Expropriateure, wurde durch die aufreizende Tagline auf dem Filmplakat zur stilbildenden Exploitation der Expropriateure. „Queen & Slim“ spielt unter ganz anderen Vorzeichen, denn das Blutbad ist längst auf den Straßen Amerikas angekommen.

Sie sind jung, sie sind Schwarz, sie werden tatsächlich ein Liebespaar, aber sie töten allein aus Notwehr einen rassistischen Polizisten, der das Feuer eröffnet. Fortan befinden sie sich auf der Flucht und treten eine Odyssee durch den amerikanischen Süden an, mit der Hoffnung, sich in einem Flieger nach Kuba zu retten. Es ist ein crossfire hurricane, aus Kugeln rassistischer Cops und der Bereitschaft Schwarzer Gangstrukturen, achtlos die eigene Community aufzureiben, durch den sich die titelgebenden Protagonisten hier manövrieren.

Unterwegs erfahren sie dennoch Hilfe und Unterstützung sowohl von der Schwarzen Community, für die Queen und Slim zu Volkshelden in Black-Panther-Manier geworden sind, wie von wenigen Weißen. Ihre Fluchterfahrung wird dabei zur Erfahrung der Befreiung. „Why do Black people always have to be excellent at what they are doing?“, fragt der ermattete Slim (Daniel Kaluuya) einmal seinen Co-Star Queen (Jodie Turner-Smith). Für ihn, der ein geringes Einkommen hat und für sie, die als Anwältin bei der Verteidigung Schwarzer Angeklagter gegen Windmühlen kämpft, bedeutet ihr Leben auf der Flucht trotz aller Widrigkeiten ein Abstreifen der an sie gestellten ökonomischen und ethnisch-stereotypen Erwartungen. Fortan ziehen weite Himmel, Küstenstraßen, fremde Städte und Bars an ihnen vorbei.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, werden die beiden eine ungeahnte politische Kraft im Land, ein Gespenst der Revolution, das hier und dort aufscheint und wieder verschwindet. Ihre Fluchtroute stellt das politische Amerika buchstäblich auf den Kopf. Der historische Reiseweg Schwarzer Emanzipation verlief in den USA eigentlich immer vom Süden in den Norden. Man denke an die aus der Sklaverei fliehenden oder befreiten Schwarzen im 19. Jahrhundert, an die der tiefverwurzelten Segregation zu entkommen Versuchenden des 20. Jahrhunderts, wie auch an den Marsch der Bürgerrechtsbewegung nach Washington. Queen und Slim reisen umgekehrt immer tiefer in den Süden hinein, das sozialistische Eiland Kuba vor Augen. Derweil entwickelt sich eine radikale Schwarze Bürgerbewegung, die sich zu wütenden Demonstrationen zusammenfindet. Matsoukas bedient sich zu Mitte des Films einer beeindruckenden Parallelmontage, die, wie in Herbert Marcuses Triebstruktur und Gesellschaft thematisiert, sexuelle Triebenthemmung und Veränderung des politischen Realitätsprinzips zum Greifen nahe erscheinen lässt.

Anders als der milde Green Book, den Melina Matsoukas zuvor in einer kurzen Einstellung referenziert, traut sich ihr Film, seine politische Motorik voll auszufahren. Es spricht für Matsoukas Regietalent, dass sie sich nichtsdestotrotz verbittet für dieses Potential im Film ein versöhnliches Gelingen zu zeigen. Jede Figur, jede ethnische Gruppe, jede soziale Klasse erscheint im Film als moralisch korrumpierbar und zugleich in der Lage, wider Erwarten das Richtige zu tun.

Anstatt sich einfach als Schwarze Hommage an Bonnie & Clyde zu verstehen, verweist Queen & Slim in seiner Radikalität eher auf die Black-Power-Western von Sidney Poitier und Fred Williamson. So komplimentiert Queen die ersten Reiterfahrungen von Slim: „There are few things scarier to a white person than a black person on a horse. Because they have to look up to them“. Mehr noch steht der Film in enger Verwandschaft zu Richard C. Sarafians Meisterwerk Vanishing Point. Dort raste ein vom amerikanischen Traum desillusionierter Vietnamveteran mit seinem weißen Dodge Challenger aus dem Norden gen San Francisco, das ihm als ein letzter, gegenkultureller Ausweg erscheint. Verfolgt von der Polizei und von einem Schwarzen Radiomoderator unterstützt, wird der Superdriver of the Golden West fortan als revolutionärer Volksheld verehrt. Mit ihm teilen Queen und Slim ihre Unbeugsamkeit vom ersten bis zum letzten Frame. Schon in der Eröffnungssequenz erklärt Queen: „The state should not be able to decide, whether you live oder die“. Slim stimmt zu.

Queen & Slim (2019)

Eigentlich hatten die beiden gerade ein Date zum Vergessen, doch dann kommt alles noch viel schlimmer: Eine Verkehrskontrolle läuft aus dem Ruder und als die zwei den Beamten in Notwehr töten, stellen sie sich danach nicht der Polizei, sondern fliehen. Allerdings wurde der Vorfall von einer Kamera aufgezeichnet — und die Aufnahmen gehen viral. 

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