Queen & Slim (2019)

The Politics of Two Riders

Eine Filmkritik von Daniel Moersener

Sie sind jung, sie sind Schwarz, sie werden tatsächlich ein Liebespaar, aber sie töten allein aus Notwehr einen rassistischen Polizisten, der das Feuer eröffnet. Fortan befinden sie sich auf der Flucht und treten eine Odyssee durch den amerikanischen Süden an, mit der Hoffnung, sich in einem Flieger nach Kuba zu retten. Es ist ein crossfire hurricane, aus Kugeln rassistischer Cops und der Bereitschaft Schwarzer Gangstrukturen, achtlos die eigene Community aufzureiben, durch den sich die titelgebenden Protagonisten hier manövrieren.

Unterwegs erfahren sie dennoch Hilfe und Unterstützung sowohl von der Schwarzen Community, für die Queen und Slim zu Volkshelden in Black-Panther-Manier geworden sind, wie von wenigen Weißen. Ihre Fluchterfahrung wird dabei zur Erfahrung der Befreiung. „Why do Black people always have to be excellent at what they are doing?“, fragt der ermattete Slim (Daniel Kaluuya) einmal seinen Co-Star Queen (Jodie Turner-Smith). Für ihn, der ein geringes Einkommen hat und für sie, die als Anwältin bei der Verteidigung Schwarzer Angeklagter gegen Windmühlen kämpft, bedeutet ihr Leben auf der Flucht trotz aller Widrigkeiten ein Abstreifen der an sie gestellten ökonomischen und ethnisch-stereotypen Erwartungen. Fortan ziehen weite Himmel, Küstenstraßen, fremde Städte und Bars an ihnen vorbei.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, werden die beiden eine ungeahnte politische Kraft im Land, ein Gespenst der Revolution, das hier und dort aufscheint und wieder verschwindet. Ihre Fluchtroute stellt das politische Amerika buchstäblich auf den Kopf. Der historische Reiseweg Schwarzer Emanzipation verlief in den USA eigentlich immer vom Süden in den Norden. Man denke an die aus der Sklaverei fliehenden oder befreiten Schwarzen im 19. Jahrhundert, an die der tiefverwurzelten Segregation zu entkommen Versuchenden des 20. Jahrhunderts, wie auch an den Marsch der Bürgerrechtsbewegung nach Washington. Queen und Slim reisen umgekehrt immer tiefer in den Süden hinein, das sozialistische Eiland Kuba vor Augen. Derweil entwickelt sich eine radikale Schwarze Bürgerbewegung, die sich zu wütenden Demonstrationen zusammenfindet. Matsoukas bedient sich zu Mitte des Films einer beeindruckenden Parallelmontage, die, wie in Herbert Marcuses Triebstruktur und Gesellschaft thematisiert, sexuelle Triebenthemmung und Veränderung des politischen Realitätsprinzips zum Greifen nahe erscheinen lässt.

Anders als der milde Green Book, den Melina Matsoukas zuvor in einer kurzen Einstellung referenziert, traut sich ihr Film, seine politische Motorik voll auszufahren. Es spricht für Matsoukas Regietalent, dass sie sich nichtsdestotrotz verbittet für dieses Potential im Film ein versöhnliches Gelingen zu zeigen. Jede Figur, jede ethnische Gruppe, jede soziale Klasse erscheint im Film als moralisch korrumpierbar und zugleich in der Lage, wider Erwarten das Richtige zu tun.

Anstatt sich einfach als Schwarze Hommage an Bonnie & Clyde zu verstehen, verweist Queen & Slim in seiner Radikalität eher auf die Black-Power-Western von Sidney Poitier und Fred Williamson. So komplimentiert Queen die ersten Reiterfahrungen von Slim: „There are few things scarier to a white person than a black person on a horse. Because they have to look up to them“. Mehr noch steht der Film in enger Verwandschaft zu Richard C. Sarafians Meisterwerk Vanishing Point. Dort raste ein vom amerikanischen Traum desillusionierter Vietnamveteran mit seinem weißen Dodge Challenger aus dem Norden gen San Francisco, das ihm als ein letzter, gegenkultureller Ausweg erscheint. Verfolgt von der Polizei und von einem Schwarzen Radiomoderator unterstützt, wird der Superdriver of the Golden West fortan als revolutionärer Volksheld verehrt. Mit ihm teilen Queen und Slim ihre Unbeugsamkeit vom ersten bis zum letzten Frame. Schon in der Eröffnungssequenz erklärt Queen: „The state should not be able to decide, whether you live oder die“. Slim stimmt zu.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/queen-slim-2019