Queen of Hearts (2019)

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May el-Toukhys „Queen of Hearts“ bietet Trine Dyrholm eine Bühne, wie sie sich für Schauspielerinnen mittleren Alters leider noch viel zu selten auftut. Mehr noch: Der Film handelt zwar von den Problemen der Mittelschicht, aber er macht radikal Schluss mit dem Wohlfühlkino.

Queen of Hearts (2019)

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Die Blase platzt

Die Handlung von Queen of Hearts spielt sich über weite Strecken in einem villenartigen Einfamilienhaus ab: großzügiger Eingangsbereich, riesige Fenster mit Terrasse, ein Garten, der direkt in ein angrenzendes Waldstück übergeht. Im Sommer, wenn das Unterholz von einem dichten Grün ist, sieht man Menschen vom Wohnzimmerfenster aus darin verschwinden und nach zwei Schritten werden sie vom Laub vollständig geschluckt. Wenn jemand in der Familie, die hier wohnt, etwas geheim zu halten hat, dann geht er in diesen Wald.

Meistens ist das Anne (Trine Dyrholm), eine Anwältin für Familienrecht, die hier mit ihren Töchtern (rothaarige Zwillinge von überwältigender Ähnlichkeit nicht nur in ihrem Aussehen, sondern auch in der schlaksigen awkwardness Heranwachsender, das verleiht ihnen etwas Unheimliches) und ihrem Ehemann lebt. Die Töchter nehmen Reitunterricht, die Eltern sitzen, wenn zuhause, über mitgebrachten Akten, zum Einschlafen wird aus Alice im Wunderland vorgelesen. Ein ziemlich perfektes Leben. „Meine größte Angst ist,“ sagt Anne einmal, „dass einfach alles verschwindet.“ Es droht für sie später wirklich alles zu verschwinden. Aber nicht aus Gründen, die, wenn man Teilen unserer nach rechts driftenden Gesellschaft Gehör schenkt, von außen unsere schöne Wohlstandsblase ankratzen. Sondern allein aus selbstgemachtem Leid.

Mit Queen of Hearts hat May el-Toukhy einen Film gedreht, der Trine Dyrholm eine Bühne bietet, wie sie sich für Schauspielerinnen mittleren Alters leider immer noch nicht allzu oft auftut. Ihre Anne ist eine Figur, deren Verhalten noch nachvollziehbar ist, selbst wenn es eindeutig falsch ist. Die Momente bekommt, in denen sie begehrenswert wirkt – etwa in einigen ziemlich expliziten Sexszenen, die sich nicht in falscher Prüderie vor nicht normgerechten Körpern scheuen, aber auch nicht einfach alles zeigen, schlicht weil sie es können. Dann wieder hat Anne einige Szenen, in der ihre Selbstgerechtigkeit ihr regelrecht aus der angstverzerrten Fratze fällt. Zunächst einmal wirkt sie nämlich wirklich wie die Königin der Herzen: das Heim in bester Ordnung, die Erscheinung gepflegt, ab und an stehen Kinder mit Blumen vor der Haustür und bedanken sich für ihren Einsatz im Gericht.

Aber dann bricht Gustav (Gustav Lindh) in diese Blase hinein, der 16-jährige Sohn ihres Ehemannes (Magnus Krepper) aus erster Ehe, der in Stockholm Probleme mit der Polizei hat und deshalb für eine Weile bei der Familie in der dänischen Idylle leben soll. Diesmal will sein Vater unbedingt alles richtig machen. Anne ist zuerst wenig begeistert, aber vielleicht reizt sie insgeheim gerade, dass jemand in ihrem Leben aufgetaucht ist, der ihren Vorstellungen nicht eins zu eins entspricht. Es dauert nicht lange, bis sie und Gustav sich das erste Mal im Wald hinter dem Haus treffen.

May el-Toukhry erzählt diese Geschichte mithilfe einer Rückblende, die einem, auch wenn sich die Situation nicht sofort erschließt, von Anfang an das Gefühl gibt, auf eine Katastrophe zuzusteuern. Eigentlich sollte das schon bei der Musik klar sein, die klingt, als würden Wassertropfen langsam auf ein hohles Gefäß fallen. Es kann einen in den Wahnsinn treiben. Die Katastrophe kommt tatsächlich, indes die Wendung, die el-Toukhy aufmacht, völlig unerwartet. Queen of Hearts braucht eine Weile, um seinen Ton zu finden, erscheint in den ersten 20 Minuten, als es darum geht, die Figuren und ihre Beziehungen zu etablieren, erstaunlich routiniert für den erst zweiten Spielfilm einer jungen Filmemacherin, beinahe zu routiniert. Mit Gustavs Ankunft jedoch sind alle Zweifel vergessen, da stürzt sich die Kamera auf Anne, darauf, was sie wahrnimmt und wie es sie verändert. In einer wunderbaren Szene schaltet sie während einer Dinnerparty mit Freunden die dudelige Fahrstuhlmusik im Hintergrun auf Soft Cells Tainted Love um, dreht voll auf, gießt sich noch einen Campari ein und während die Stimmen ihrer langweiligen Bekannten noch gedämpft herüber klingen, tanzt sie auf eine Weise, dass man beim besten Willen nicht unterscheiden kann, ob das nun selbstvergessen ist oder reinste Pose.

Wenn sich ein Film im Jahr 2019 mit den Problemen der gehobenen Mittelschicht auseinandersetzt, dann sollte er es wohl so machen wie Queen of Hearts. Weg vom Wohlfühlkino, weg von Versöhnlichkeit und Hätscheln der Blase. Wenn uns May el-Toukhy anhand der Figur der Anne etwas vorführt, dann den gewaltigen, aber nicht immer direkt sichtbaren Unterschied zwischen Aufrichtigkeit und Symbolpolitik. Ein Thema, dass auf den großen Filmfestivals genau richtig aufgehoben ist.

Queen of Hearts (2019)

Weil sie ihren minderjährigen Stiefsohn verführt, gefährdet eine Frau sowohl ihre Karriere wie auch ihre Familie und wird schließlich dazu getrieben, eine fatale Entscheidung zu treffen, die sich nicht mehr rückgängig machen lässt.

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