O Amor Natural

O Amor Natural

Eine Filmkritik von Mike Swain

Poetry-Slam à la Rio

Eine der schönsten Erfahrungen überhaupt am Schreiben von Film- oder DVD-Kritiken ist, dass man als Rezensent immer mal wieder auf wahre filmische Perlen und Überraschungen stößt. Hand aufs Herz, wenn der Klappentext einer DVD ungefähr so lautet „peruanisch-holländische Dokumentarfilmerin lässt Passanten Lyrik eines brasilianischen Dichters vortragen“, sind die Erwartungen an den Silberling ziemlich niedrig. Mal wieder so ein Film für eine radikale Minderheit. Doch O Amor Natural entpuppt sich dann tatsächlich als einer dieser so raren filmischen Edelsteine, die den Kritiker überraschen und begeistern: Eine scheinbar simple Idee, gekonnt verfilmt, mit einem verblüffenden Ergebnis.
O Amor Natural lautet auch der Titel einer Anthologie erotischer Gedichten, die der brasilianische Dichter Carlos Drummond de Andrade eigentlich gar nicht veröffentlichen wollte. Doch nach seinem Tod wurde der Band trotzdem posthum verlegt. Sicher nicht unbedingt im Sinne Drummond de Andrades, der von Zeitgenossen als sehr schüchtern und zurückhaltend beschrieben wird. In seiner Lyrik erlebt man jedoch einen vollkommen anderen Menschen, der an seinem Lebensabend Texte von überschäumender Sinnlichkeit und Sensualität produzierte. Diese Gedichte lässt die niederländische Dokumentarfilmerin Heddy Honigmann in Rio de Janeiro Männer und Frauen, die ungefähr in dem Alter sind, in dem Drummond de Andrade die Texte verfasste, aus dem schmalen Band vorlesen.

In der Straßenbahn, am Strand natürlich oder in einem Hutgeschäft werden die Texte mal fast professionell, mal stockend, denn die Lesebrille kann nicht gefunden werden, vorgetragen. So verwandelt sich eine Lyrik-Sammlung in einen lebenden Text, der erst im Film einen wahren Ausdruck findet. Doch die Gedichte sind auch Anknüpfungspunkt für die Erinnerungen der Vorleser, die unkompliziert und mit erstaunlicher Offenheit und Direktheit über ihre eigenen sexuellen Erlebnisse und damit auch ihren Lebensweg berichten. Sei es die betagte Schwimmerin, die 1936 an der Olympiade in Berlin teilnahm oder der Friseur, der ob der vielen von Drummond de Andrade gepriesenen Hintern sichtlich aus der Fassung gerät. Dem Zuschauer offenbaren sich in O Amor Natural tiefe Einblicke in die unterschiedlichsten Lebensgeschichten, mal heiter, mal überraschend und manchmal auch ein wenig traurig. Doch das vorherrschende Sentiment der meist über 80-jährigen Damen und Herren ist eine gelassene Heiterkeit.

Natürlich ist O Amor Natural untertitelt, sogar sehr gut untertitelt, denn ansonsten würden Sprache und Vortrag zu viel von ihrer Kraft und Natürlichkeit verlieren. Und so zeichnet der Film ein liebevolles Bild einer ganzen Generation von Brasilianern, von deren Einfachheit und Unkompliziertheit in Sachen Sex man sich in Deutschland gerne mal eine Scheibe abschneiden könnte.

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Eine der schönsten Erfahrungen überhaupt am Schreiben von Film- oder DVD-Kritiken ist, dass man als Rezensent immer mal wieder auf wahre filmische Perlen und Überraschungen stößt.
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