Neukölln Unlimited

Neukölln Unlimited

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen

Hassan, Maradona und ihre ältere Schwester Lial Akkouch kommen aus einer musikalischen Familie: Alle drei können tanzen wie die Weltmeister, Lial hat außerdem eine tolle Stimme. Aber die Geschwister fühlen sich wie unter einem Damoklesschwert. Sie können jeden Tag in den Libanon abgeschoben werden. Dass sich in ihrem Leben das sozialpolitische Thema mit der Tanzleidenschaft verbindet, ist ein Glücksfall für einen ungewöhnlich mitreißenden, unterhaltsamen Dokumentarfilm, der bei der Berlinale 2010 den Gläsernen Bären in der Sektion Generation 14plus erhielt.
Neukölln Unlimited erzählt von einem Einzelschicksal, das skandalös klingt und trotzdem kein Einzelschicksal ist. In Deutschland leben weit mehr als 100.000 Menschen mit einer Duldung. Das heißt sie haben keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, sondern ihre Abschiebung ist nur vorübergehend ausgesetzt. Zwar kann „vorübergehend“ recht lange dauern – die Familie Hakkouch kämpft mittlerweile schon 16 Jahre für ein dauerhaftes Bleiberecht. Aber die Abschiebung kann auch ganz plötzlich kommen. Das haben Hassen (heute 18), Maradona (14) und Lial (19) am eigenen Leib erfahren. Sie wurden vor vier Jahren frühmorgens von der Polizei geweckt, in einen Flieger gesetzt und in den Libanon ausgewiesen – ein Land, das noch nie die Heimat der in Deutschland aufgewachsenen Kinder war.
Zwar hat es die Familie geschafft, wieder zurückzukommen. Doch sie können erneut abgeschoben werden, wenn sie nicht nachweisen können, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Weil die Eltern getrennt leben, versuchen Hassan, Maradona und Lial ihre Mutter und die jüngeren Geschwister finanziell zu unterstützen. Für ihre Auftritte als Breakdancer und Sängerin bekommen sie Geld.

Aber wird das in den Augen der Ausländerbehörde reichen? Und werden es die drei schaffen, mit ihrer Kunst so erfolgreich zu sein, dass die Einkünfte dauerhaft fließen? Aus diesem einfachen Prinzip bezieht der Film seine Spannung. Denn der Kampf ist längst nicht gewonnen. Jeder Tag, jeder Wettbewerb ist eine neue Herausforderung. Maradona zum Beispiel schafft es bis in die Qualifikation zum TV-Wettbewerb „Das Supertalent“. Ihm winkt die Siegerprämie von 100.000 Euro, sollte er es auf den ersten Platz schaffen. Dann wären die Geldsorgen und die Angst vor Abschiebung erst mal passé.

Für den Druck, der auf den Geschwistern lastet, hat zumindest Hassan ein Ventil. In seinen HipHop-Songs kann er die Wut über die Behörden rauslassen. Aber Maradona, dem Hassan auch eine Art Vaterersatz sein will, hat ständig Probleme mit der Schule. Er bekommt einen Verweis nach dem anderen und droht endgültig zu fliegen.

Die Regisseure Augostino Imondi und Dietmar Ratsch haben einen politisch engagierten und zugleich unterhaltsamen Film gemacht. Sie lassen die Energie spürbar werden, die in diesen Jugendlichen und jungen Erwachsenen steckt. Die Geschwister Akkouch wollen keine Opfer sein. Sie trainieren wie die Wilden, um ihrem Ziel näher zu kommen: dem dauerhaften Bleiberecht in einem Land, das schon immer ihre Heimat war. Dass die Entschlossenheit der jungen Leute so ansteckend wirkt, ist unter anderem den rasant geschnittenen Tanzeinlagen zu verdanken. Aber auch dem Soundtrack, der neben den HipHop- und Dance-Nummern auch Kompositionen bietet, in die Anklänge an libanesische Folklore gemischt wurden. So kommen nicht nur Jugendliche auf ihre Kosten, sondern auch ältere Semester.

Neukölln Unlimited

Hassan, Maradona und ihre ältere Schwester Lial Akkouch kommen aus einer musikalischen Familie: Alle drei können tanzen wie die Weltmeister, Lial hat außerdem eine tolle Stimme. Aber die Geschwister fühlen sich wie unter einem Damoklesschwert. Sie können jeden Tag in den Libanon abgeschoben werden.
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Meinungen
anonym2 · 20.06.2010

an anonym:
Es gehört nun mal zu unserer Demokratie, dass man auch gegenüber Behörden und der Politik Kritik ausüben darf.
Dieses Recht gilt auch für ausländedische Familien. Kritik auszuüben heißt nicht, dass alles Mist ist, und ist auch keine Stimmungsmacherei, wie Sie es unterstellen.
Ich hab den Film gesehen und war begeister von der Familie und ihr Durchhaltevermögen und ihrer Entschlossenheit trotz allen Hürden nicht aufzugeben.
Bevor Sie sich also unnötig ärgern, sollten Sie sich den Film vorher angeschaut haben um sich eine Meinung bilden zu können. Wenn Sie kein Interesse am Film haben, sparen Sie sich bitte aber Ihre unnötigen Kommentare.

anonym · 18.05.2010

Ohne den Film gesehen zu haben, sondern allein anhand der Filmbeschreibung:

Wird durch diesen Film nicht unnötig Stimmung gegenüber den Behörden, also der Exekutive, gemacht, die nur die ihnen vorgegebenen Gesetze der Legislative umsetzen müssen? Mich ärgert sowas...

Kommentare

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