Milos Forman - What Doesn't Kill You

Milos Forman - What Doesn't Kill You

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Die Forman-Formel

Meine Mutter durfte sich nicht einmal von mir verabschieden." Der ehemalige Dorf-Polier, der Ende der 1930er Jahre unter den neuen Machthabern schnell zum örtlichen Gestapo-Chef aufgestiegen war, hatte Miloš Formans Mutter nach Auschwitz deportieren lassen: Mit dem Stempel "Rückfahrt unerwünscht" auf dem Briefpapier ... Im Anschluss blickt der zweifache Oscar-Preisträger in Miloš Forman – What Doesn’t Kill You beim Erzählen dieser besonders tragischen Episode seines Lebens ins Leere. Dieser Moment gehört emotional wie visuell zu den stärksten in Miloslav Šmídmajers facettenreichem Dokumentarfilmportrait über den weltbekannten Filmemacher aus der ehemaligen Tschechoslowakei, dem als europäischen "Neue-Welle-Regisseur" in den 1970er Jahren der Sprung über den großen Teich ins Herz der Filmindustrie glückte: nach Hollywood.
Eine echte Sensation war das damals, erst recht, wenn man bedenkt, dass Forman – in Zeiten des Kalten Kriegs – aus dem so genannten Ostblock stammte und sich überdies zuvor als Absolvent der Prager Filmhochschule und frecher Erneuerer der Kinosprache in seiner Heimat schon einen Namen gemacht hatte. Geist trifft Geld geht nicht? Aber sehr wohl doch, wenn man Formans Werdegang weiterverfolgt, obwohl der Prämierte selbst stets bescheiden geblieben ist und sich sogar im strengen nordamerikanischen Studiosystem seine tschechoslowakischen Wurzeln nie austreiben ließ: "Menschen wussten plötzlich, wer man war, man wurde endlich zurückgerufen", kommentiert Forman in leicht spöttischer Elder-Statesman-Manier gegenüber der wunderbar unsichtbaren Dokumentarfilmkamera von Vlastimil Zan und Martin Kubala den Umstand des plötzlichen Erfolgs kommerzieller wie künstlerischer Art in den USA.

In 1970ern und 1980ern gelang ihm das Kunststück, gleich zweimal in der Oscar-Hauptkategorie "Bester Film" prämiert zu werden, was vor ihm nur den US-Amerikanern Frank Capra und Francis Ford Coppola geglückt war. Dazu mit zwei echten Kultfilmen, die bis heute immer wieder aufgeführt werden: Einer flog über das Kuckucksnest (1975) mit Jack Nicholson in einer seiner besten Hauptrollen und Amadeus (1984) mit dem ebenso unvergessenen Tom Hulce als musikalischem Enfant terrible, das Bischöfe wie Frauenherzen verzaubern – und genauso gut lustvoll veralbern – konnte.

Es war dieser frisch-freigeistige Stil gegen Obrigkeiten und Totalitarismen, den Forman auch vielen seiner US-Filme aufdrückten konnte. Das war ihm zuvor schon in seinem Heimatland gelungen, ehe ihm dort 1968 im Zuge des Prager Frühlings quasi das Filmemachen verboten worden war und er mit seinem Drehbuchpartner Jean-Claude Carrière für die Realisation von Taking Off (1971) ins amerikanische Exil gehen musste. Ohne einen Penny in der Hand quartierte er sich im berühmt-berüchtigten Chelsea Hotel in NYC ein. Dem Hotelbesitzer versprach er – wie viele Künstler vor ihm in dieser legendären Unterkunft – das Ganze einmal durch künstlerischen Erfolg zurückzahlen zu können, womit er letztlich nicht zu hoch gepokert hatte: Heute wohnt Miloš Forman in einer urigen Filmvilla vor den Toren der Metropole und besitzt gleichzeitig eine prächtige Stadtwohnung gegenüber dem Central Park. Beides vollgestellt mit Büchern, weil Forman einst bei Milan Kundera studiert und durch ihn frühzeitig die Liebe zur Literatur und illustren Figuren der (Kultur-)Geschichte entdeckt hatte, was seinem Œuvre (z.B. Valmont, Larry Flynt – Die nackte Wahrheit oder Goyas Geister) auch anzusehen ist.

Gerade für das Typenhafte, das Schrullige wie Exzentrische (u.a. das Schicksal Andy Kaufmans in Der Mondmann) interessierte sich Forman als gleichermaßen populärer wie geachteter Regisseur in seiner Filmvita, die von Goldenen und Silbernen Bären gekrönt ist, welche – typisch Forman-Humor – eingestaubt zwischen Hauptpreisen und wieder anderen Wälzern stehen und den Filmemacher schlichtweg ein ums andere Mal daran erinnern, dass es sich künstlerisch wie politisch eben doch lohnt, nach oben aufzubegehren, bestehende Systeme zu hinterfragen und das ganze Leben mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors anzugehen: Anders war die Realität auch in früheren Zeiten kaum auszuhalten.

Eben jene Bottom-up-Weltsicht ist auch Miloslav Šmídmajers stilistisch zurückgenommenen, aber thematisch vollkommen gelungenen Portraitfilm anzumerken, der im Zugang von einer großen persönlichen Nähe des Filmemachers zur Forman-Familie lebt, sich selbst dabei nicht allzu ernst nimmt und sich formal von Beginn an auf eine sehr lebendige Handkamera stützen kann: Šmídmajers Kameraleute sind schlichtweg in den richtigen Momenten präsent, wenn Forman nach Jahrzehnten in den USA zum ersten Mal wieder länger in seine europäische Heimat zurückkehrt – und dabei unter anderem mit seinen beiden Söhnen aus erster Ehe zusammenkommt oder das mehrfach enteignete Hotel seiner Eltern nach langer Zeit wieder betritt.

Šmídmajer hoher Sinn für erzählerische Verdichtung sowie eine zuweilen frei-assoziative Montagestruktur mit reichlich Found-Footage-Material und wenig verstaubten Archivbildern sorgen dafür, dass Miloš Forman – What Doesn’t Kill You bei weitem mehr geworden ist als eine bloße Filmbiografie oder ein reiner one-man-feature-film. Realisiert mit kleinem Team und wenig Equipment innerhalb eines Jahres und angereichert mit zahlreichen prominenten O-Ton-Gebern (wie Michael Douglas, Woody Harrelson oder Javier Bardem) kann Šmídmajers filmische Annäherung an den großen Landsmann 100 Minuten lang überzeugen – und unterhalten: Denn Miloš Forman ist auch im realen Leben ein begnadeter Anekdotenerzähler.

Milos Forman - What Doesn't Kill You

"Meine Mutter durfte sich nicht einmal von mir verabschieden." Der ehemalige Dorf-Polier, der Ende der 1930er Jahre unter den neuen Machthabern schnell zum örtlichen Gestapo-Chef aufgestiegen war, hatte Miloš Formans Mutter nach Auschwitz deportieren lassen: Mit dem Stempel "Rückfahrt unerwünscht" auf dem Briefpapier ...
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