Liebes Ich

Liebes Ich

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Herz und Tiefgang

Die Berliner Regisseurin Luise Makarov hatte für ihren DFFB-Abschlussfilm von vornherein eine ziemlich außergewöhnliche Idee im Kopf: Was würdest du dir selbst schreiben? Gerade in einem Brief, den du im Grunde immer schon einmal bekommen wolltest? Was wäre dir dabei besonders wichtig und welche (Lebens-)Aspekte würdest du, ob bewusst oder nicht, sicherlich ausklammern?
Öffentlich sprach sie dazu wildfremde Menschen an, ihr bitte einen derartigen Brief zu schreiben. Makarov machte in diesem Zuge auch viele Aushänge in ihrer Heimatstadt, suchte dafür immer weiter das Gespräch mit nicht selten überraschten Berlinern auf der Straße oder in der U-Bahn – und erzählte am Ende wirklich jedem ihrer Freunde und Bekannten von diesem zugegebenermaßen etwas seltsam klingenden Konzept für einen Dokumentarfilm. Dieser Aufwand lohnte sich: Am Ende erhielt sie gut 300 Antworten – und ebenso viele Anknüpfungspunkte für ihr nun konkret werdendes Filmprojekt.

Was im ersten Moment vielleicht noch nach einer spröden psychoanalytischen Versuchsanordnung klingen mag, verwandelt sich in Makarovs fertigen Bekenntnisfilm – anders lässt sich Liebes Ich kaum in Worte fassen – auf der Kinoleinwand in etwas wirklich Beglückendes: Dermaßen authentisch geht es im Dokumentarfilm selten zu, Selbstentblößungen keineswegs ausgeschlossen. Das beginnt schon bei der jungen Filmemacherin selbst – und zeigt sich umso mehr im Lebensweg ihrer älteren Schwester Anne, die nach der Krebserkrankung ihrer Mutter, der Geburt ihrer eigenen Tochter Gilda und einem Zwischenstopp in Tel Aviv nun wieder in ihrer ursprünglichen Basis Berlin gelandet ist.

Sie ist die erste Protagonistin, die Luise Makarov mit ihrer kleinen Kamera besucht. Infolge des eigenen Elternseins nicht zwingend glücklich ("Ich freu mich immer, wenn jemand anders mit Gilda spielt."), fühlt sie sich in ihrem gegenwärtigen Leben irgendwie zwischengeparkt. Vor Gildas Geburt war sie gerade noch dabei, sich als Fotografin und Künstlerin zu etablieren. Aber im Moment sieht sie beruflich einfach kein Land mehr, fühlt sich ständig eingeschränkt und obendrein ganz und gar unkreativ. Ist das Ganze allein ein verlängerter Babyblues – oder bereits der Beginn einer echten Sinnkrise?

Auch André hat der Regisseurin geantwortet – und einen dieser besonderen Briefe an sich selbst verfasst. Luise Makarov stößt bei ihrer persönlichen Begegnung auf einen jungen Mann, der vom ganz Großen träumt – und vom ganz Kleinen leben muss. Er liest ihr vor: "Trinken, Saufen, Drogen, Tanzen. (...) Ich bin’s leid, pleite zu sein. (...) Nicht reich möchte ich sein, sondern gut." Als studierter, kunstaffiner Fotograf hängt er bereits seit Jahren in den eigenen Seilen fest, bis eines Tages wirklich nichts mehr vorwärtsgeht, wie er ihrer Kamera gesteht, und ihm das ständige Leben-am-Limit schlichtweg reicht.

In all dem persönlichen Chaos erreicht ihn schließlich plötzlich sogar noch die Chance, in einem renommierten Südtiroler Kunstmuseum anheuern zu können. Wird jetzt tatsächlich alles anders werden oder der innere Schweinehund wieder einmal lediglich weggesperrt – bis zum nächsten Ausbruch? Luise Makarov filmt ihn zu Hause, wo André während des wunderbar offenen Gesprächs noch im Bett liegt und meist nur mit geschlossenen Augen erzählt. Diese regelrecht intimen, niemals voyeuristischen Momente zeichnen Makarovs elegant zurückgenommenen Dokumentarfilmstil aus: Sie lässt erst einmal vieles laufen, ist eine genaue Zuhörerin, das wird rasch – und gleich mehrfach – überaus deutlich.

Detlef dagegen, alleinstehend und um die 60 Jahre alt, übt einerseits gerne evangelische Kirchenlieder, tritt andererseits aber auch schon mal in einer Karaoke-Bar auf, um mitten in der Nacht Harald Juhnkes "So leb dein Leben" inbrünstig vor Publikum zu schmettern. In seinem Blick manifestiert sich Makarovs dokumentarisches Grundinteresse ("Ich möchte die Kraft und die Träume der Menschen spürbar werden lassen, gerade auch in ihrer Unerfüllbarkeit") für Liebes Ich besonders eindringlich. Was ist Wunsch, was ist Wirklichkeit in meinem Leben? Immer wieder gelingt es ihr, dass ihr einer der kurzzeitig Begleiteten offen gegenüber der Kamera gesteht: "Verrückt, wenn ich das lese. Da kriege ich Gänsehaut." Das ist oft anrührend, niemals rührselig.

Natürlich sind all diese sehr individuellen Momente trotzdem keine großen Geschichten im eigentlichen Sinne, darum geht es in Makarovs Film auch gar nicht. Vielmehr spürt sie leichtfüßig, mit reichlich Empathie und großer persönlicher Offenheit etwas anderem Höherem nach. Pathetisch gesprochen: All dem Sinn und Unsinn ("Dann werd’ ich vielleicht Tierfilmer.") des Lebens, egal in welcher Altersstufe oder Lebensphase man gerade steckt, all den Möglichkeiten und Glücksmomenten ("In zwei Tagen werde ich erfahren, dass ich schwanger bin."), ohne die verpassten Chancen wie tragischen Augenblicke ("Schwierig, es gibt so vieles, was ich ihr sagen würde.") auszusparen. Alles in allem ist Liebes Ich ein höchst inspirierender Dokumentarfilm, einer mit Herz und Tiefgang sowie langer Nachwirkung: Fortsetzung dringend erwünscht.

Liebes Ich

Die Berliner Regisseurin Luise Makarov hatte für ihren DFFB-Abschlussfilm von vornherein eine ziemlich außergewöhnliche Idee im Kopf: Was würdest du dir selbst schreiben? Gerade in einem Brief, den du im Grunde immer schon einmal bekommen wolltest? Was wäre dir dabei besonders wichtig und welche (Lebens-)Aspekte würdest du, ob bewusst oder nicht, sicherlich ausklammern?
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme von

Luise Makarov

Weitere Filme mit