Lake Tahoe

Lake Tahoe

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Berlinale 2008: Wettbewerb

Zunächst glaubt man sich im falschen Film oder vermutet ein Versehen des Cutters oder Vorführers. Denn die einzelnen statischen Einstellungen von vorstädtischen Industriebrachen werden von jeweils einer langen Schwarzblende unterbrochen, während der die Tonspur weiterläuft und zentrale Ereignisse im wahrsten Sinne des Wortes einfach ausblendet. So beispielsweise auch den Crash, mit dem diese Geschichte um den sechzehnjährigen Juan (Diego Cataño) ihren Anfang nimmt. Es folgen weitere starre Einstellungen, die den Jungen auf seiner Odyssee zeigen – er sucht eine Werkstatt, die ihm hilft, den Wagen wieder flott zu bekommen, doch die Arbeitsmoral und das Vertrösten der örtlichen KFZ-Meister nimmt schon beinahe kafkaeske Züge an. Mit stoischer Gelassenheit ergibt sich der Junge in sein Schicksal, lässt sich durch den Tag treiben, wartet immer wieder kleine Ewigkeiten auf die versprochene Hilfe, erträgt die Unverschämtheiten eines kauzigen alten Werkstattbesitzers, für den er schließlich sogar dessen Hund spazieren führt, kommt einer sehr jungen Mutter näher, die ihm am liebsten auch nur ihr Baby zur Aufbewahrung überlassen würde und lernt David kennen, der von Kung-Fu wesentlich mehr versteht als von Autos. Zwischendrin macht er immer mal wieder einen Abstecher nach Hause, wo sein kleiner Bruder Joaquín auf sich allein gestellt ist und seine Mutter sich aus jeglicher Verantwortung gestohlen hat und ihr eigenes Leben führt. Und trotz aller Komik, die in dieser Geschichte steckt, spürt man doch die ganze Zeit, dass hier etwas nicht stimmt, weil Juan all dies so klaglos und stoisch mit sich geschehen lässt. Erst am Ende wird sich alles auflösen, wird sich zeigen, dass Juan wie seine ganze Familie um den verstorbenen Vater trauert, dass dieser Tod eine Erstarrung und Lähmung ausgelöst hat, die sich auf alles auswirkt. Und doch besteht Hoffnung: Denn Juan hat an diesem Tag, an dem er seinen Unfall hatte, nicht nur einen Freund, sondern vielleicht auch die Liebe gefunden. Das Leben geht weiter, auch wenn es mühsam sein mag. Und manchmal sind es gerade die scheinbar ereignislosen Tage, an denen sich alles ändert…
Staubtrocken wie die verwahrlosten Stadtansichten und mitunter mit grimmigen Humor erzählt Fernando Eimbcke in seinem unspektakulären und gerade deswegen sehr eindringlichen Film eine Geschichte zwischen Trauer, Melancholie, absurdem Witz und der Hoffnung, dass das Leben nach einem schweren Verlust irgendwann wieder seinen gewohnten Gang gehen und vielleicht sogar erfüllt und schön sein kann. Mit Sicherheit ist Lake Tahoe kein Film für das ganz große Publikum, doch er weiß durch Ruhe und Konsequenz zu gefallen. Wer so etwas mag und somnambule Emotionalität goutieren kann, der wird an diesem Film Gefallen finden.

Lake Tahoe

Zunächst glaubt man sich im falschen Film oder vermutet ein Versehen des Cutters oder Vorführers.
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