Giselle

Giselle

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Die Anmut des Unglücks

Nichts ist tragischer und anrührender als unerfülltes Liebesbegehren, das mit dem Tod eines schönen jungen Mädchens endet. Wenn es zudem noch eine Ballerina ist, die sich vor Schmerz und Verzweiflung zu Tode tanzt, geht diese Geschichte ganz besonders zu Herzen, und ihre vielfältige Interpretation in unterschiedlichsten Ausformungen ist vorprogrammiert. So auch bei dem Ballett Giselle, einem Klassiker der romantischen Tanzkunst, der nun in der Aufzeichnung eines Gastspiels in der Deutschen Oper Berlin aus dem Jahre 1968 in die Kinos kommt.

Inspiriert durch den Tanz der Primaballerina Carlotta Grisi, die zu ihrer Zeit in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Star der europäischen Oper war, und von den tanzwütigen rheinischen Feenwesen aus Heinrich Heines Deutschland-Erzählungen verfasste der Dichter Théophile Gautier gemeinsam mit Vernoy de Saint-Georges das Libretto für Giselle. Als Choreograph zeichnete Jean Coralli, der Ballettmeister der Opéra de Paris verantwortlich, doch die Solo-Parts der Giselle für Carlotta Grisi, in denen sie in einer Vielfalt des Ausdrucks von schwebender Leichtigkeit über schwermütiges Pathos bis zu heftiger Verzückung brillierte, arrangierte ihr Lehrer und Lebensgefährte Jules Perrot eigens für seine Liebste. Die Musik, Originalkompositionen von Adolphe Adam, setzte mit den Variationen in Tempo, Tonart und Rhythmus seiner Leitmotive in der damaligen Zeit völlig neue Akzente, und die Uraufführung am 28. Juni in der Opéra de Paris war ein grandioser Erfolg.

Giselle ist ein Ballett, das den Tanz und seine betörende Wirkung an sich thematisiert, und seine Faszination besteht nicht zuletzt in dem Gegensatz der bitteren Realität der sich am Liebesleid zu Grunde tanzenden jungen Frau und der phantastischen Welt der „Willis“, in die sie nach ihrem Tode gerät. Heine beschreibt diese Wesen als ebenso anziehend wie grausam: „Die Willis sind Bräute, die vor der Hochzeit gestorben sind. Die armen jungen Geschöpfe können nicht im Grabe ruhig liegen, in ihren toten Herzen, in ihren toten Füßen bleibt noch jene Tanzlust, die sie im Leben nicht befriedigen konnten, und um Mitternacht steigen sie hervor, versammeln sich truppenweise an den Heerstraßen, und wehe dem jungen Menschen, der ihnen begegnet! Er muss mit ihnen tanzen, sie umschlingen ihn mit ungezügelter Tobsucht, und er tanzt mit ihnen, ohne Ruhe und Rast, bis er tot niederfällt.“

1. Akt: In einem Dorfe. In der höfischen Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts lebt die junge Giselle (Carla Fracci) mit ihrer Mutter in einem Dorf das Leben der kleinen Leute, durch einen sozialen Abrund von der Welt des Adels getrennt. Dies ändert sich für eine kleine Weile, als sich Prinz Albrecht (Erik Bruhn) zu seiner Kurzweil in der Verkleidung eines Bauers dem schönen Mädchen mit einem schwachen Herzen nähert und sie mit seiner galanten Art zu erobern versteht. Er verfällt der grazilen Tänzerin so sehr, dass er ein Haus in ihrer Nachbarschaft kauft, um ständig in ihrer Nähe sein zu können. Doch der Wildhüter Hilarion (Bruce Marks), der selbst in Giselle verliebt ist, lässt von Eifersucht getrieben die Tarnung des adeligen Charmeurs ebenso auffliegen wie dessen Verlobung mit Bathilde, einer Frau aus seinen Kreisen. Dieser Betrug ihres Liebsten erschüttert Giselle so sehr, dass sie sich tänzerisch das Leben nimmt.

2. Akt: Eine Waldlichtung. Als Hilarion an Giselles Grab Totenwache hält, erscheinen um Mitternacht die Willis mit ihrer Anführerin Myrta (Eleanor D’Antuono), um Giselle zu sich in die Mythenwelt zu holen. Den bezauberten Hilarion tanzen sie zu Tode, doch Prinz Albrecht, der von Schuldgefühlen verzerrt einer Vision seiner Geliebten in den Wald hinein folgt, locken sie vergebens, denn die über das Leben hinaus reichende Liebe Giselles beschützt ihn vor der Macht der Feen, die sie schließlich mit Anbruch des Morgens gänzlich verlieren. Der Geist seiner Angebeteten verzeiht ihm schließlich, so dass Albrecht Frieden findet und Giselle sich in das postmortale Schicksal ergibt, für immer eine der mörderischen Tänzerinnen der Willis zu sein.

Seit seiner Premiere ist das Ballett Giselle sowohl klassisch als auch modern häufig inszeniert worden. Beispielsweise hat der Choreograph Mats Ek 1982 seine Giselle als psychisch angeschlagene Frau dargestellt, die sich im zweiten Akt in der Psychiatrie wiederfindet, und das Dance Theatre of Harlem hat seine Tänzer 1984 in den Sümpfen von Mississippi agieren lassen. Die Rolle der Giselle ist ebenso wie die der Odette aus Schwanensee ein Traum für jede Ballerina, doch trotz der zahlreichen Erfolge von Giselle über anderthalb Jahrhunderte hinweg schwebt der Mythos von Carlotta Grisi als tanzend Liebende, Sterbende und letztlich Vergebende über jeder späteren Giselle. Der Film zeigt eine klassische Aufführung des bereits legendären American Ballett Theatre in der Choreographie von David Blair mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin. Für Freunde des Balletts sicherlich ein Muss, doch ebenso für Romantiker jener Art, die bereit sind, sich einmal jenseits von schmachtenden Dialogen auf das Medium des Tanzes und der Musik als Transportmittel für große Emotionen einzulassen.
 

Giselle

Nichts ist tragischer und anrührender als unerfülltes Liebesbegehren, das mit dem Tod eines schönen jungen Mädchens endet.

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Meinungen
Angela Baldelli · 14.03.2006

interessante Inzsenierung,es gab noch eine andere Verfilmung der Giselle mit Carla Fracci und Paolo Bertoluzzi, die ich vor Jahren in der Schweiz gesehen habe - davon suche ich auch entweder Video oder DVD.Carla Fracci als Giselle ist Spitze

Kommentare

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