Girlfight – Auf eigene Faust

Girlfight – Auf eigene Faust

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Das Leben ist hart – sie ist härter

Diana Guzman hat nichts zu lachen, denn das Leben in Brooklyn ist hart: für ein paar Schuhe kann man umgebracht oder in einer versifften Seitenstraße vergewaltigt werden. Auch ihr Vater hält nicht viel von Diana und statt ihrem Frust konstruktiv zu begegnen, lässt sie lieber ihre Fäuste sprechen. Nach einer erneuten Prügelei droht ihr der Schulverweis.

Stoisch lässt Diana (Michelle Rodriguez) die Abmahnung über sich ergehen, denn selbst wenn sie vom College fliegen würde, wen würde es schon kümmern? Sandro (Paul Calderon), ihren Vater wohl nicht, und ein Vorbild ist er ebenfalls nicht für sie, denn er verzockt sein Geld, ist ohne Bierflasche kaum anzutreffen und hat maßgeblich Schuld an dem Suizid ihrer Mutter. Lediglich ihr Bruder Tiny (Ray Santiago) hat andere Ambitionen, ist sensibel und künstlerisch veranlagt und möchte sich lieber bilden als boxen. Als Diana das erste Mal in den Brooklyn Box Club kommt, wo ihr Bruder auf Wunsch des Vaters trainiert, wird sie von der archaischen und animalischen Ästhetik des Boxsports gefangen genommen. Für sie steht fest, dass sie boxen will. Aber wie soll sie als Frau in eine Männerdomäne einbrechen? Außerdem kann sie sich den Trainer finanziell nicht leisten, auch wenn er bereits Interesse an ihr gezeigt hat. Diana beschließt dennoch, nichts unversucht zu lassen, um ihren Traum wahr werden zu lassen, und bald schon stellt sich ihr ungewöhnliches Boxtalent heraus. Wie gut, dass sich ihr Trainer Hector (Jaime Tirelli) nicht von ihren Wutausbrüchen beeindrucken lässt und ihr immer wieder vor Augen hält, dass es nicht nur auf Kraft ankommt, sondern dass Technik und Taktik weitaus wichtiger sind. Ohne das Wissen des Vaters und ihrer besten Freundin Marisol (Elisa Bocanegra) nutzt Diana jede Sekunde, um in der Boxhalle und auf der Tartanbahn zu trainieren und wird von Tag zu Tag besser. Bald schon kann sie ihr Können unter Beweis stellen, denn es wird eine neue Regelung eingeführt, wonach Männer und Frauen in der gleichen Gewichtsklasse gegeneinander antreten dürfen. Dummerweise ist der einzig verfügbare Gegner Adrian (Santiago Douglas), zu dem sie eine zarte, wenngleich nicht unproblematische Liebesbeziehung entwickelt hat …

Die Ödnis von Dianas Leben ist dauerhaft im Film präsent, nicht zuletzt durch das überzeugende Mimikspiel von Michelle Rodríguez, die mit Girlfight ihr Debut als Hauptdarstellerin hatte. Sie setzte sich beim Casting vor acht Jahren gegen 350 potentielle Mitbewerberinnen durch, und die Regisseurin und Drehbuchautorin Karyn Kusama — die früher ebenfalls Boxunterricht nahm — fand in Michelle Rodríguez ihre Traumbesetzung. Wie maßgeschneidert scheint die Afroamerikanerin für die Rolle der rebellischen und unangepassten Diana Guzman zu sein, die den normativen Geschlechtergrenzen trotzt – nicht nur, weil sie den Wunsch hat, Boxerin zu werden. Das Aufbrechen von traditionellen Rollenmustern ist das durchgängige Thema dieses mitreißenden Filmes. Sei es, dass die Geschwister Guzman die Rollen vertauschen, da Tiny empfindsam und kreativ dargestellt wird, während Diana der aggressive Hitzkopf ist, so finden sich auch in den Figuren von Adrian oder von Hector immer wieder Momente von vermeintlich weibliche Attributen, wie Verletzlichkeit und Sensibilität. Neben den großartigen schauspielerischen Leistungen wird Girlfight von der Filmmusik Theodore Shapiros getragen, der ebenfalls klassische (Musik)Traditionen aufbricht und beispielsweise Flamenco mit heißen Elektrorhythmen kombiniert. Die Bilder hingegen sind unprätentiös, passen sich so dem spartanischen Schauplatz vom Boxring an und lassen viel Raum für die inneren Konflikte der Protagonistin und den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Auch acht Jahre nach der Produktion wirkt Girlfight immer noch zeitgemäß und modern und hat nichts von seiner Aktualität verloren. Die damalige Newcomerin Michelle Rodriguez wurde für ihre Rolle als Diana Guzman u.a. mit dem Independent Spirit Award in der Kategorie „Best Debut Performance“ ausgezeichnet und erhielt den Preis für die „Best Female Performance“ auf dem Deauville Film Festival. Rodriguez spielte unter anderem in Resident Evil und der TV-Serie Lost mit. Auch für die Regisseurin Karyn Kusama war Girlfight ihr Spielfilmdebut, für das sie vier Nominierungen und sieben Auszeichnungen erhielt, unter anderem in Canne den Award of the Youth. 2005 drehte sie Aeon Flux mit Charlize Theron in der Hauptrolle, 2007 führte sie Regie für eine Episode von The L-Word, und aktuell befindet sie sich in der Vorproduktion zu Jennifer’s Body, einer Horrorkomödie.
 

Girlfight – Auf eigene Faust

Diana Guzman hat nichts zu lachen, denn das Leben in Brooklyn ist hart: für ein paar Schuhe kann man umgebracht oder in einer versifften Seitenstraße vergewaltigt werden.

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