Fahrenheit 11/9 (2018)

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„How the f**k could that happen?“ Donald Trump ist der 45. Präsident der USA. Das ist amtlich, gleichzeitig immer noch nicht zu glauben. „Hoffentlich machen Sie mal keinen Film über mich“, unkte Donald Trump Ende der 1980er Jahre gegenüber Michael Moore. Doch – er hat ihn gemacht: „Fahrenheit 11/9“.

Fahrenheit 11/9 (2018)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

This is (not) America

„Alles schien nach Plan zu laufen für Hillary“ heißt es zu Beginn von Michael Moores Fahrenheit 11/9, eine dokumentarische Auseinandersetzung mit dem 45. US-Präsidenten Donald Trump. Ein selbstherrlicher Choleriker und halbseidener Immobilienmillionär als Staatsoberhaupt von Amerika? Dazu wird es in den Vereinigten Staaten sicherlich nicht kommen, dachten nicht nur die Demokraten, Millionen linksliberaler Amerikaner sowie die gespannte Weltöffentlichkeit kurz vor dem 8. November 2016.

Schließlich lag Trump im Gros der Umfragen keineswegs in Führung und viele Stars aus dem Musik- und Filmzirkus wie Jay-Z, Beyoncé oder George Clooney („Es wird keinen Präsidenten Trump geben“), die sich zuvor medienwirksam für Hillary Clinton eingesetzt hatten (darunter auch Michael Moore selbst), waren bis zuletzt siegessicher. Bei Konzerten wurde die demokratische Präsidentschaftskandidatin bereits als „die nächste Präsidentin der USA“ vorgestellt …

Und wie jeder inzwischen weiß, kam es am Ende vollkommen anders: Seit dem 20. Januar 2017 agiert eben jener Donald John Trump im Oval Office als mächtigster Mann der Erde. Er kündigt langjährige internationale Abkommen auf und lässt den Börsenmaklern in New York freie Hand, hofiert gerne die Superreichen und hat auch keine Probleme, sich mit Diktatoren (Kim Jong-un) und Autokraten (von Putin bis Erdogan) zu treffen. Dazu feuert Trump monatsweise wichtige Mitarbeiter, die sich kurz darauf publikumsträchtig zurückmelden.

Jene Reihe aus Chaos und Chaotentum ließe sich ohne Umstände weiter füllen und Michael Moore (Bowling for Columbine, Fahrenheit 9/11) lässt dementsprechend in den ersten zwanzig Minuten seines neuen Films auch kaum eine Gelegenheit aus, den amtierenden Präsidenten frontal anzugehen und ihn mit vertrauter Michael-Moore-Holzhammermethodik, Klängen aus Mozarts berühmtem Requiem sowie einem wahren Schnittfeuerwerk einen filmemacherischen Boxschlag nach dem anderen zu versetzen.

Oft nur um des nächsten Gags willen, gewohnt ultrasubjektiv oder leider zum Teil recht dämlich: So legt er beispielsweise Trumps Stimme aus dem Off über historisches Archivmaterial mit Adolf Hitler am Rednerpult, was weder thematisch noch filmästhetisch zusammenpasst. Vorher wird Trump bereits eine sexuelle Affäre mit seiner Tochter Ivanka unterstellt: „Wenn Ivanka nicht meine Tochter wäre, würde ich sie daten“, heißt es da zum Beispiel aus dem Munde Trumps in einer US-Talkshow. Überhaupt habe Trump „seine Verbrechen immer vor aller Augen“ begangen, ist Michael Moore überzeugt, der dem heutigen US-Präsidenten bereits Ende der 1980er Jahre in der Talkshow von Roseanne Barr das erste Mal direkt gegenübersaß und von ihm damals sogar Lob für seinen Film Roger & Me zugesprochen bekam.

Ausgewogenheit oder intellektuelle Tiefe waren Moores Sache nie, das ist auch in Fahrenheit 11/9 kaum anders. Was allerdings positiv überrascht, ist die Tatsache, dass sich Moore im Laufe dieses insgesamt überlangen, kontextuell zersplitterten Films als Person zunehmend zurücknimmt und stattdessen vor allem jungen, politisch aufgeweckten Amerikanern das Feld überlässt. Diese Generation hat die aktuelle Großwetterlage im eigenen Land und in der Welt schlichtweg satt: Deshalb engagiert sie sich.

Sie kandidiert und vernetzt sich. Sie erkämpft höhere Löhne und das Recht auf eine gesetzliche Krankenversicherung. Oder startet gleich Protestmärsche und Gegenbewegungen mit weltweiter Aufmerksamkeit – z.B. den „March For Our Lives“, einen der größten Massenproteste in der Geschichte der USA. Das macht Fahrenheit 11/9 in der Summe zwar nicht zu einem durchgängig brillanten Dokumentarfilm, aber in jedem Fall zu einem gleichsam richtigen wie wichtigen, obwohl er die eingangs gestellten Grundfragen nach dem „Warum ist Trumps Aufstieg gerade in den USA passiert“ – und vor allem: „Wie kommen die Amerikaner wieder aus dieser politischen Misere heraus?“ – prinzipiell nur wenig überzeugend beantworten kann.

Trotzdem kehrt Michael Moore mit Fahrenheit 11/9 in toto deutlich mehr zu seinen Anfängen als politisch aufgeweckter Filmemacher (wie in Roger & Me von 1989) zurück. Wieder recherchiert er die meiste Zeit des Films vor Ort in seiner krisengebeutelten Heimatstadt Flint in Michigan, wo der republikanische Ex-Gouverneur Rick Synder zwei Jahre lang die überwiegend afroamerikanische Bevölkerung, darunter viele Kinder, mit bleiverseuchtem Wasser „versorgte“, während in die Fabrikhallen von General Motors reinstes Naturschutzwasser floss.

Am Ende ist Fahrenheit 11/9 stilistisch wie narrativ ebenso zerfahren wie das gesamte Land: Es gibt eben es nicht das eine Amerika, sondern es existieren lediglich „multiple Americas“, wie es eine der vielen Protagonistinnen einmal punktgenau formuliert. Und somit kann selbstredend auch Fahrenheit 11/9 nicht der einzige, erst recht nicht der einzig wahre Film zu diesem auffällig diffusen „Trumpland“ sein: Aber er ist in jedem Fall ein sehenswerter Beitrag zum Status quo der USA sowie dem Mut vieler unangepasster US-Bürger, die dem verhassten Mann im Weißen Haus zeigen wollen, wer das Volk wirklich repräsentiert.

Fahrenheit 11/9 (2018)

Michael Moores neuer Film „Fahrenheit 11/9“ ist ein ebenso provokanter wie vergnüglicher Blick auf die verstörenden Zeiten, in denen wir uns gerade befinden: : Moore geht dabei vor allem zwei zentralen Fragen der Trump-Ära nach, wie er es selbst  beschreibt: „How the f**k did we get here, and how the f**k do we get out?“

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Meinungen
Robert Bingener · 22.09.2018

Hallo liebes kino-zeit-Team,

wisst ihr schon, wann Moores neues Werk in den deutschen Kinos startet?

Herzlichen Dank!

Kommentare

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