Die Reise zum sichersten Ort der Erde

Die Reise zum sichersten Ort der Erde

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Strahlende Aussichten

Irgendwie kann einem dieser Mann fast leid tun, der im Mittelpunkt von Edgar Hagens Film Die Reise zum sichersten Ort der Erde steht. Seine Reisen, auf denen ihn der Regisseur begleitet, sind Reisen ohne jegliche Hoffnung darauf, dass das Ziel jemals erreicht werden wird. Weil es, so macht der Film behutsam und zwischen den Bildern klar, den sichersten Ort der Erde gar nicht gibt und ihn auch nie geben wird. Insofern gleicht die Arbeit von Charles McCombie und seinen Mitarbeitern dem sinnlosen Tun der griechischen Sagengestalt Sisyphos. Kaum glaubt sich McCombie am Ziel, entstehen neue Widerstände, tun sich ungeahnte Schwierigkeiten auf, so dass jede vermeintliche Lösung immer wieder zu scheitern droht. Sein Job? Seit rund 40 Jahren ist Charles McCombie einer der weltweit führenden Experten für die Suche nach geeigneten Standorten für den Atommüll. Vier Jahrzehnte im Dienste einer Aufgabe, die zermürbend ist wie kaum eine andere.
Mit der Atomkatastrophe in Fukushima vor vier Jahren hat ein Umdenkprozess in Sachen Kernenergie stattgefunden – wobei das vor allem für Deutschland gilt, auch wenn die Energiewende hierzulande immer wieder in Frage gestellt wird. Allerdings ist der Sinneswandel keineswegs global zu beobachten und damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die die Diskussionen um den Atomstrom spätestens seit Mitte der 1970er Jahre begleitet: Wo sollen die hochgiftigen und stark radioaktiven Abfälle, die über Hunderttausende von Jahren ihre Strahlenlast behalten, überhaupt gelagert werden? Schon allein die Dimensionen des anfallenden Materials sind gewaltig: 350.000 Tonnen sind es derzeit – und Jahr für Jahr kommen 10.000 Tonnen neue Abfälle dazu.

Doch es sind nicht allein diese Dimensionen, die Angst machen, sondern auch der ungebrochene Energiehunger vieler Länder, die den Bau etlicher neuer Kernkraftwerke planen: Wie letztes Jahr bekannt wurde, plant alleine China den Bau von 58 neuen Atommeilern, die innerhalb der nächsten acht bis zehn Jahre ans Netz gehen sollen, in Russland sind 31 neue Anlagen in Planung. In Indien sollen in den nächsten Jahren 18 AKW entstehen und selbst in Japan, das unmittelbar von dem Super-GAU betroffen war, sollen in den nächsten Jahren 9 neue Kraftwerke entstehen, was das Problem der Endlagerung noch weiter verschärfen wird.

Edgar Hagen begleitet nicht nur Charles McCombie bei seiner Suche, sondern trifft auch auf andere Menschen, die auf die eine oder andere Weise vom Atomstrom und seinen Folgen bewegt sind. Wie beispielsweise den chinesischen Experten Ju Wuang, der das ganze Ausmaß des Dilemmas in ein Sprichwort aus seiner Heimat packt: „Wenn man ein Haus baut, darf man die Toilette nicht vergessen“. In New Mexico trifft er auf einen Bürgermeister, der seine Ortschaft am liebsten meistbietend an die Atomkonzerne vermieten würde, um dort deren Hinterlassenschaften zu lagern – Hauptsache, die Summe stimmt.

Wohltuend ist dabei vor allem, dass Edgar Hagen sich selbst spürbar zurücknimmt und drauf vertraut, dass die Menschen, die er aufgespürt und denen er Fragen gestellt hat, das erklärte Ziel seines Films schon selbst transportieren werden. Und genau das tun sie auch. Am Ende wird offensichtlich, was wir schon lange ahnten: Den sichersten Ort der Welt gibt es gar nicht. Stattdessen verschließen wir weiterhin die Augen vor einem Problemen, an dem noch Generationen nach uns zu tragen haben werden. Am Ende muss selbst Charles McCombie eingestehen, dass er im Prinzip in seinem Tun gescheitert ist: Nach 40 Jahren gibt es bis heute kein einziges Endlager, sondern nur Provisorien, die sich allesamt im Laufe der Zeit nur als Zwischenstationen herausgestellt haben. Dass McCombie zugleich trotz seiner frustrierenden Erlebnisse immer noch ein Befürworter der Atomenergie ist, der aber anders als viele der Verantwortlichen die Bürde der Endlagerproblematik sehr ernst nimmt, macht aus ihm schon beinahe einen tragischen Helden.

Die Reise zum sichersten Ort der Erde

Irgendwie kann einem dieser Mann fast leid tun, der im Mittelpunkt von Edgar Hagens Film „Die Reise zum sichersten Ort der Erde“ steht. Seine Reisen, auf denen ihn der Regisseur begleitet, sind Reisen ohne jegliche Hoffnung darauf, dass das Ziel jemals erreicht werden wird. Weil es, so macht der Film behutsam und zwischen den Bildern klar, den sichersten Ort der Erde gar nicht gibt und ihn auch nie geben wird.
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