Die Natur vor uns

Die Natur vor uns

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Seele der Natur

Der Fotograf Alfred Ehrhardt (1901-1984) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Der ehemalige Bauhaus-Schüler, der bei Josef Albers studierte und bei Kandinsky und Schlemmer hospitierte, war nicht nur ein begnadeter Fotograf, sondern ebenso Komponist, Organist und Chorleiter, Maler und Filmemacher. Ein echtes Multitalent eben. Heute ist Erhardts umfangreiches Werk ein klein wenig in Vergessenheit geraten und harrt seiner Neuentdeckung und –bewertung, die von Niels Christian Bolbrinkers Film eingeleitet werden könnte.
Dass sich Bolbrinker dem Leben und Werk des Fotografen widmet, ist kein Zufall: Als der Regisseur in den Siebzigerjahren sein Studium an der Hochschule der Bildenden Künste in Hamburg aufnahm, begegnete er Alfred Ehrhardt zum ersten Mal und wurde prompt Assistent bei einem der Kulturfilme, die Ehrhardt drehte. Das Thema war ebenso abenteuerlich wie die Dreharbeiten selbst: Es ging um Masken und Figuren afrikanischer Völker und deren Einfluss auf die klassische Moderne. Gedreht wurde ausschließlich in Museen, und die Dreharbeiten hatten eher etwas von einem Wochenendausflug an sich: „Wir fuhren in einem alten Opel mit einem kleinen Anhänger, in dem die Filmausrüstung untergebracht war, herum und wurden versorgt mit kargen Mahlzeiten, die Frau Lieselotte aus Stullenpaketen zauberte. Ich kam mir ein wenig wie jemand vor, der mit seinen etwas asketischen Großeltern auf Bildungsreise ist“, so erinnert sich Bolbrinker. Umso erstaunlicher war deshalb die Verwandlung des kleinen, gebeugten Mannes während des Drehens, in dessen Verlauf es Ehrhardt verstand, mit bescheidensten Mitteln die Aufnahmen auf ihre äußerste Essenz zu verdichten – ein Verfahren, das Bolbrinker dem großen Erfahrungsschatz Ehrhardts als begnadeter Fotograf zuschreibt.

Und dass Ehrhardt einer der ganz Großen der Naturfotografie war, dem möchte man nur allzu gerne zustimmen, wenn seine Bilder die Kinoleinwand ausfüllen: Muscheln, Korallen, das Wattenmeer in all seinen Erscheinungsformen, die Landschaften der Kurischen Nehrung und Islands – all das atmet eine tiefe und respektvolle Naturauffassung, die von Goethe und Schelling beeinflusst ist und die auch die Verantwortung des Menschen für den pfleglichen Umgang damit betont: „Schöpfung ist keine Angelegenheit von wenigen Tagen, am Anfang aller Zeiten. Schöpfung ist zu allen Zeiten und an allen Orten. Wir leben dauern mitten in ihr und sind ständig an ihr beteiligt,“ so sagte Ehrhardt einmal.

Bolbrinkers Film ist weniger eine Künstlerbiografie als vielmehr eine Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Schaffen Ehrhardts und seinem Kunstverständnis. Wie ein roter Faden zieht sich vor allem eine Frage durch den Film: Ist die Natur an sich schon ein Kunstwerk oder wird sie erst durch den Geist und den Blick eines Künstlers zu einem solchen?

So sehr die Fotografien Ehrhardts und die Sequenzen Bolbrinkers, die dieser im Wechsel gegen die faszinierenden Naturbilder setzt, auch begeistern mögen: Gerade angesichts der schwindenden Bekanntheit Alfred Ehrhardts hätte man sich eine gründlichere und auch kritischere Auseinandersetzung mit Leben und Werk des Künstlers gewünscht, hätte gerne mehr über seine künstlerische Motivation und seinen Werdegang erfahren. Zumal Ehrhardts Kulturfilme aus der Zeit des Dritten Reichs und seine Haltung dazu nur äußerst dürftig aufgearbeitet werden. Die Rechtfertigungen Ehrhardts jedenfalls und die Interviewpartner vermögen es nicht, diesen dunklen Fleck in der Geschichte zu erhellen. Möglicherweise bewahrheitet sich hier wieder einmal die Binsenweisheit, dass ein Zuviel an Nähe ein genaues Hinschauen nicht erlaubt.

Die Natur vor uns

Der Fotograf Alfred Ehrhardt (1901-1984) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Der ehemalige Bauhaus-Schüler, war nicht nur ein begnadeter Fotograf, sondern ebenso Komponist, Organist und Chorleiter, Maler und Filmemacher.
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