Der zornige Buddha

Der zornige Buddha

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Mit Buddha zu mehr Bildungsgerechtigkeit

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Bildung ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben, das gerade jungen Menschen aus prekären Milieus Teilhabe und damit ein besseres Dasein ermöglicht. Was aber, wenn die Hürden hoch sind, weil diejenigen, um die es hier geht, Ausgestoßene und sozial Geächtete sind? Stefan Ludwigs dokumentarische Langzeitbeobachtung Der zornige Buddha hat genau so einem Fall nachgespürt; sein Film zeichnet ein Bild der Hoffnung, das beispielhaft ist oder zumindest sein sollte.
Das ungarische Dorf Sajókaza mit rund 3000 Einwohnern im Osten des Landes ist so etwas wie ein Brennpunkt, an dem die eingebildeten oder die tatsächlichen Probleme Ungarns und anderer osteuropäischer Länder wie unter dem Brennglas vergrößert und verdichtet erscheinen. Hier ist eine große Roma-Gemeinde angesiedelt, die einer immer älter werdenden und verunsicherten "einheimischen" Bevölkerung gegenübersteht. Die Ausgrenzung, die die Sinti und Roma dort erfahren, gehört zu deren Alltag, und die nationalistische Regierung eines Viktor Orbán tut ihr Übriges dazu, dass sich daran nichts ändert, sondern sich der Status eher noch weiter verschlechtert. Hinzu kommt, dass die Roma dem Gedanken institutionalisierter Bildung eher kritisch gegenüberstehen.

Ein doppeltes Hindernis also. Doch János Orsós, der der Initiator eines ungewöhnlichen Projektes ist, kann das alles nicht schrecken. Der aus einer Roma-Familie stammende Lehrer ist bekennender Buddhist und hat gemeinsam mit seinem ungarischen Kollegen Tibor Derdák genau auf der unsichtbaren Grenze in dem Dorf, die die "Einheimischen" und die Roma voneinander trennt, das buddhistische Ambedkar-Gymnasium gegründet. Hier sollen, so das ausdrückliche Bestreben der beiden Pädagogen, Roma-Kinder das ungarische Abitur machen können.


Die Inspiration für diese ungewöhnliche Institution kam aus Indien, von der Kaste der "Unberührbaren", den sogenannten Dalits. Weil deren Lage innerhalb des starren Gefüges des Kastensystems so aussichtslos war, regte der indische Rechtsanwalt, Politiker und Sozialreformer B.R. Ambedkar im Jahre 1956 eine Massenkonvertierung von rund 388.000 Dalits zum Buddhismus an, der im Gegensatz zum Hinduismus auf den Prinzipien der Gleichheit, Freiheit und Güte beruhe. Ein enorm mutiger Schritt, in dessen Tradition sich die Schule von Orsós und Derdák sieht. Was auch auf der Einsicht Orsós’ beruht, dass die Roma mit den Dalits nicht nur ihre indischen Wurzeln, sondern auch der soziale Status verbindet – Ausgestoßene sind sie beide, die einen hier in Europa. die anderen im fernen Indien.

In seiner über drei Jahre realisierten Langzeitbeobachtung widmet sich Stefan Ludwig aber nicht nur den beiden Köpfen, die sich immer wieder gegen ignorante Behörden durchsetzen und staatlicher Willkür erwehren müssen. sondern auch in einer fein austarierten Gewichtung drei Zöglingen, an denen der Zuschauer die verschiedenen Probleme und Schwierigkeiten gut erkennen kann. Denn so nobel das Anliegen auch sein mag, das Orsós und Derdák verfolgen: Die Kinder und Jugendlichen wissen genau, dass selbst mit dem Abitur in der Tasche der weitere Weg enorm steinig und hart sein wird.

Die Stärke von Der zornige Buddha liegt neben seiner Nähe zu den Figuren auch darin, dass der Filmemacher trotz aller Sympathie für das Projekt und seine Initiatoren immer wieder auch die Schattenseiten thematisiert. Dies lässt einige Längen und Abschweifungen verschmerzen, die sowieso nicht überdecken können, dass der Film zwar von einem Einzelfall erzählt, viele der Prinzipien aber, die man als Zuschauer vorgeführt bekommt, auf einer etwas abstrakteren Ebene durchaus zum Nachdenken und -machen anregen. Gerade vor dem Hintergrund der gigantischen Aufgaben, die durch die Zunahme von Migration und das immer stärkere Auseinanderdriften der sozialen Schichten in Deutschland entstanden sind, muss man dankbar sein um jeden Ansatz, der versucht, die Denkschemata und sozialen Verkrustungen aufzubrechen.

Der zornige Buddha

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Bildung ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben, das gerade jungen Menschen aus prekären Milieus Teilhabe und damit ein besseres Dasein ermöglicht. Was aber, wenn die Hürden hoch sind, weil diejenigen, um die es hier geht, Ausgestoßene und sozial Geächtete sind?
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