Der Meister und Margarita

Der Meister und Margarita

Eine Filmkritik von Gregor Ries

Sympathy for the Devil

In der Reihe „Masterpieces of Cinema“ veröffentlicht Koch Media eine weitgehend in Vergessenheit geratene Fantasy-Satire nach Michail Bulgakows bekanntestem Roman, der in Folge noch weitere Adaptionen erfuhr. Im Grunde handelt es sich eher um eine Interpretation, da der jugoslawische Regisseur Aleksandar Petrovic (Gruppenbild mit Dame) zahlreiche Elemente der Vorlage zu einer bissigen Attacke gegen Staatswillkür, Zensur und Unterdrückung umarrangierte. In der Co-Produktion von 1972 versammelte er neben einer weitgehend jugoslawischen Besetzung die Stars Ugo Tognazzi als „Meister“ Nikolaj, Mimsy Farmer als seine Assistentin und Geliebte Margarita sowie Alain Cuny als Strippen ziehender Satan. Zwei Jahre später traten Tognazzi und Cuny erneut zusammen in Berühre nicht die weiße Frau auf, einer weiteren derb-surrealen Satire, die dieses Mal den US-Kolonialismus aufs Korn nahm.
Im Roman Der Meister und Margarita erscheint der Teufel in Person des mysteriösen Gelehrten Woland samt schwarzer Katze in Moskau, um Unruhe zu stiften und es mit den Bürokraten und Steigbügelhaltern aufzunehmen. Dort tritt der Meister erst nach der Hälfte in Erscheinung, um als Historiker ein Buch über Jesus‘ Konfrontation mit Pontius Pilatus zu verfassen. Auf einer zweiten Ebene werden Kapitel aus seinem Werk eingewoben. (Im gleichen Jahr verfilmte Andrzej Wajda den religiösen Handlungsstrang als Pilatus und andere – Ein Film für Karfreitag.) Als Schriftsteller muss der Maestro scheitern, der sich in die verheiratete Margarita verliebt, da er keinen Verleger findet und seine Buchauszüge von Kritikern verrissen werden. Daraufhin nehmen sich der Beelzebub und seine Handlanger Nikolajs Gegner vor, was aber letztlich nicht verhindern kann, dass der Künstler in einer psychiatrischen Anstalt landet.

Den kompletten Stoff des einst nur gekürzt freigegebenen Klassikers, der sich zu den wichtigsten Werken der sowjetischen Literatur entwickelte, kann man nur schwerlich in Spielfilmlänge abhandeln. Immerhin lieferte er 2005 die Vorlage für eine russische Fernsehserie und zwei mehrteilige deutsche Hörspielreihen. Regisseur Petrovic und seinen Autoren gelang es, die disparaten Handlungsbausteine zu einer übersinnlichen Parabel zu verdichten, die Kritik an der Repressionspolitik der Stalin-Ära übte, aber auch auf die Gegenwart der Siebziger abzielte. Es verwundert nicht, dass die Verfilmung von Der Meister und Margarita in Jugoslawien für zwei Jahrzehnte verboten wurde. Das deutliche Faust-Motiv der Vorlage erscheint abgeschwächt, da der Meister hier keinen direkten Pakt mit dem Teufel eingeht.

In der Filmversion wird der Pilatus-Strang mittels Proben für eine geplante Aufführung in das erschütterte Leben des angesehenen Dramaturgen Nikolaj Maksudov eingewoben. Vorgeblich dient man dem Autor zwar Lob und Zustimmung an. Doch als seine Bühnencharaktere kritische Äußerungen wie „Macht bedeutet Gewalt“ deklamieren, sehen der Theaterleiter und linientreue Kritiker die staatlichen Grundwerte bedroht. Ausgerechnet der Höllenfürst persönlich, der mit seinen Helfern Azazelo und Korovjev den Proben beiwohnt, versucht die Premierenabsage zu verhindern. Als seine Methoden nicht fruchten, greift der angebliche „Fachmann für schwarze Magie“ zu rabiateren Mitteln.

Im Gespräch mit Theaterchef Berlioz zeigt sich der distinguierte Gentleman erfreut über den grassierenden Atheismus. Doch letztlich sieht er dann darin eine persönliche Herausforderung und Beleidigung, denn wer nicht an Gott glaubt, zweifelt auch die Existenz des Teufels an. Niemand will dem Meister glauben, dass es sich bei den rätselhaften Todesfällen und dem Spuk nicht um reine Hypnose und Autosuggestion handelt. Dass Nikolaj von der Anwesenheit des Satans überzeugt ist, kommt seinen Feinden gerade recht, um ihn für verrückt erklären zu lassen.

Petrovic setzt auf Überblendungen und Zeitlupeneinsatz, um eine entrückte Stimmung aufzubauen. Bald macht die Romanze der ersten Hälfte Platz für die tödlichen Faxen der infernalischen Spießgesellen. Es überrascht angesichts des derben Humors letztlich nicht, dass Co-Autorin Barbara Alberti (zuletzt Missverstanden) ebenfalls an zwei Filmen der Bud Spencer & Terence Hill-Reihe beteiligt war. Negativ macht sich zudem bemerkbar, dass die titelgebenden Protagonisten im letzten Drittel weitgehend aus der Handlung verschwinden. Abgesehen von diesen Schwächen glückt der bitteren Studie über Kunst- und Meinungsfreiheit die Balance aus stimmungsvollem Liebesdrama, politischer Anklage und skurriler Fantasy-Saga. In Erinnerung bleiben neben den Leistungen der Hauptdarsteller der typisch einschmeichelnde, melancholische, aber auch etwas sentimentale Score des großen Ennio Morricone.

Der Meister und Margarita

In der Reihe „Masterpieces of Cinema“ veröffentlicht Koch Media eine weitgehend in Vergessenheit geratene Fantasy-Satire nach Michail Bulgakows bekanntestem Roman, der in Folge noch weitere Adaptionen erfuhr. Im Grunde handelt es sich eher um eine Interpretation, da der jugoslawische Regisseur Aleksandar Petrovic („Gruppenbild mit Dame“) zahlreiche Elemente der Vorlage zu einer bissigen Attacke gegen Staatswillkür, Zensur und Unterdrückung umarrangierte.
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