Chocolate

Chocolate

Eine Filmkritik von Renatus Töpke

Horror-Doppelpack

Double Feature aus der Masters of Horror-Reihe, die Regisseur und Produzent Mick Garris aus der Taufe hob. Und siehe da, der Beitrag vom Initiator und Stephen-King-Hausregisseur (u.a. Schlafwandler, The Stand und die Shining TV-Version) ist dann auch einer der schwächeren und überzeugt nur mit guten Darstellern, die vergeblich von einer halbgaren Handlung und wenig Originalität abzulenken versuchen.
Jamie, gespielt von E.T.’s ehemaligen Freund Henry Thomas (11:14), ist geschieden und vegetiert einsam in seiner Bude vor sich hin. Unerwartet überkommen den jungen Mann jedoch Visionen. Bald stellt sich heraus, dass es die Sinneseindrücke einer blonden Frau sind, durch deren Augen er auch bald sehen kann. Geräusche, Berührungen und Gefühle dieser Frau übernehmen immer öfter von Jamie Besitz (das ist vor allem unfreiwillig komisch, als er Damenbesuch hat und völlig wegtritt – auch noch, als seine Ex-Frau samt Kind auftaucht). Fasziniert von der anderen Person (er darf sogar einen weiblichen Orgasmus erleben!), verliebt sich Jamie in die Unbekannte. Als die Frau schließlich einen Mord begeht und Jamie diesen buchstäblich hautnah miterlebt, macht er sich auf die Suche nach ihr. Als er ihr endlich gegenüber steht und ihr die Situation schildern will, nimmt das Drama seinen Lauf…

Trotz einiger wirklich schmerzhafter Mängel schafft es Chocolate zeitweise zu unterhalten und Spannung zu erzeugen. Neben Hauptdarsteller Henry Thomas, der gute Arbeit abliefert, fällt vor allem Matt Frewer (Dawn of the Dead) auf, der einen alternden Möchtegernrocker gibt. Nur leider ist völlig unverständlich, warum sich diese 60 Minuten-Produktion mit so vielen Nebendarstellern und –handlungen abgibt, um im letzten Drittel sämtliche über Bord zu werfen. Über all das könnte man noch hinwegsehen, doch über die fehlende Erklärung, warum Jamie die Visionen hat, kann man einfach nur den Kopf schütteln. Regisseur und Autor Garris bekommt keine Stringenz in seine Story und macht aus einer viel versprechenden Grundidee durchschnittliche Genrekost.

Cigarette Burns: Filmsammler Ballinger (Udo Kier) beauftragt den verschuldeten Kinobesitzer Jimmy Sweetman, den mit allerhand Mythen und Geheimnissen umgebenen Film "La Fin Absolue du Monde" (Das absolute Ende der Welt) zu finden. Der als verschollen, gar als vernichtet geltende Film wurde nur ein einziges Mal auf einem Festival in den 70ern gezeigt. Das anwesende Publikum verlor während der Vorführung den Verstand und schlachtete sich gegenseitig ab. Sweetman, der schon ewig davon träumt, den Film zu sehen, ist nach ersten Bedenken Feuer und Flamme. Auch wegen der 200.000 Dollar, die ihm als Prämie versprochen werden. Was folgt ist eine Reise in den Abgrund von Sweetmans Seele und die einer Gesellschaft, die den Glauben schon lange verloren hat. Auf seiner Suche trifft Sweetman auf einen Kritiker, der die damalige Vorführung von "La Fin Absolue du Monde" überlebte und dessen Haus von Papier überquillt. Als sich herausstellt, dass all die Tausende Seiten seine Besprechung dieses Films sind, an der er noch immer arbeitet, läuft es einem kalt den Rücken runter. Erinnerungen an Jack Torrance werden geweckt. Sweetman gerät schließlich in die Hände perverse Snuff-Filmer, die vor seinen Augen eine Frau köpfen und ihn mit allerlei Gefasel ohnmächtig quatschen. Doch mit jedem Schritt, den Sweetman dem Film näher kommt, wird auch seine eigene Veränderung deutlich. Und er scheint ein Teil dieses bizarren Films zu werden, hat Visionen und Blut an den Händen.

Zuerst das Gute: John Carpenter hat wieder Regie geführt. Straight wie eh und je (OK, mit Ausnahme von Ghosts of Mars, bei dem eine verschachtelte Handlung über den x-ten Aufguss von Rio Bravo respektive Assault hinwegtäuschen sollte), drastisch in der Erzählweise und schön bebildert (Carpenters erster Nicht-Cinemascope Film seit Body Bags von 1993 übrigens). Doch der Wurm ist drin. Ständig wird vom schlimmsten Film überhaupt erzählt und gewarnt und gemurmelt. Und dann ist das, was man davon sieht, äußerst schwacher Murks. Die Videosequenzen in The Ring waren da um einiges verstörender, gerade weil sie mehr verbargen, als das sie zeigten. In diesem Zusammenhang muss man jedoch Udo Kiers wahnsinnigen Selbstmord mit dem Filmprojektor lobend erwähnen. Tolle Idee, leider auf der deutschen DVD geschnitten.

Was sich weiterhin störend bemerkbar macht, ist die Länge von Cigarette Burns. Mit knapp 60 den Vorgaben der Masters of Horror-Serie angepasst, sind Löcher in der Handlung mehr als deutlich. Immer wieder scheinen Szenen zu fehlen, sind Handlungselemente nicht ausgeschöpft und wirken unfertig. Zum Ende hingegen geht alles holterdiepolter und ehe man es sich versieht, ist das groß vorbereitete Final vorbei. Und das mehr als dürftig. Wo ist der Wahnsinn? Wo das Apokalyptische, dass immer wieder beschworen wurde? Dann doch lieber Lamberto Bavas Demoni 2 ansehen, der 1985 wirklich die Untoten aus der Leinwand steigen lies.

Was hätte man aus der wirklich guten Grundidee vom Film, der die Zuschauer wahnsinnig werden lässt, machen können. Was bleibt ist eine laue Mischung aus The Ring, Polanskis Die neun Pforten und Carpenters eigenem Die Mächte des Wahnsinns. Es ist fraglich, ob man John Carpenter, der ausgewiesene Meilensteine wie Assault, Halloween oder Das Ding aus einer anderen Welt gedreht hat, an denen er sich nun mal noch immer messen lassen muss, in dieser Form wieder auf der großen Leinwand sehen will.

Chocolate

Double Feature aus der Masters of Horror-Reihe, die Regisseur und Produzent Mick Garris aus der Taufe hob.
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