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In „Tori and Lokita“ schildern Jean Pierre und Luc Dardenne die Situation zweier geflüchteter Wahlgeschwister – und bringen in ihrer Fiktion wieder ein großes Stück Wirklichkeit unter.

Tori and Lokita (2022)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

„Ich bin da.“

Nach einigen dokumentarischen Arbeiten und ersten Spielfilmen haben sich die belgischen Brüder Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne spätestens seit ihrem vielfach ausgezeichneten Werk „La promesse“ (1996) und dem mit der Goldenen Palme prämierten Cannes-Wettbewerbsbeitrag „Rosetta“ (1999) als Leinwand-Experten für präzise beobachtete Gesellschaftsstudien etabliert. Mit „Der Junge mit dem Fahrrad“ (2011) und „Zwei Tage, eine Nacht“ (2014) folgten zwei Filme, die mit Cécile De France beziehungsweise Marion Cotillard in den Hauptparts deutlich prominenter besetzt waren; in „Das unbekannte Mädchen“ (2016) wagte sich das Duo wiederum in die Gefilde des Krimi-Genres.

Tori and Lokita ist in mancher Hinsicht eine Rückbesinnung der Dardennes auf die eigenen Wurzeln. Die zentralen, titelgebenden Rollen sind wieder mit unbekannten Gesichtern besetzt; die Handlung ist weniger eindeutig nach einer Genre-Formel gestaltet – und doch spitzen sich die Ereignisse hier viel stärker zu, als es im Frühwerk der Brüder der Fall war. Bis hin zu einem überaus radikalen Ende, das uns verstört zurücklässt, dabei aber auf allzu manipulativ anmutende Stilmittel verzichtet.

Zu Beginn sehen wir, wie die junge Erwachsene Lokita (Joely Mbundu) von einer Beamtin befragt wird. Es geht um die Ausstellung ihrer Papiere, die schließlich erneut abgelehnt wird. Nach und nach erfahren wir, dass sich die Jugendliche als ältere Schwester des Waisenkindes Tori (Pablo Schils) ausgibt. Beide sind aus dem westafrikanischen Benin nach Belgien geflogen, aber nur Tori hat hier bisher Asyl erhalten.

Als von der Behörde ein DNA-Test angekündigt wird, geht Lokita auf ein Angebot des Pizzabäckers Betim (Alban Ukaj) ein, für den Tori und sie regelmäßig Drogen in der ganzen Stadt verkaufen. Sie soll für drei Monate in einen Bunker ziehen, um sich dort um eine unterirdische Cannabisplantage zu kümmern. Im Gegenzug für ihre Arbeit werden ihr Papiere und Geld versprochen. Letzteres benötigt sie auch, um ihre Mutter und Geschwister im Heimatland zu unterstützen und die Schulden bei ihrem Schmuggler zu begleichen.

Wie üblich bieten die Dardennes einen naturalistischen Einblick in ein Milieu, etwa wenn die von Benoît Dervaux geführte Handkamera den beiden Wahlgeschwistern durch Lüttich folgt – mal auf dem Weg zu Toris Schule, mal auf der wöchentlichen Runde, um Drogen an Geschäftsleute, Feiernde und Verzweifelte zu liefern. Lokita und Tori wirken in dem, was sie tun, verblüffend souverän – sie funktionieren, weil sie es müssen. In etlichen Filmen und Serien wird Stärke oft durch lockere Sprüche vermittelt; doch amüsante Schlagfertigkeit und ironische Distanz gibt es im Universum der Dardennes nicht – und genau dadurch entsteht ein hohes Maß an Authentizität. Die beiden Figuren erscheinen nicht übertrieben heroisch, was die Mischung aus Sozialrealismus und Genre-Elementen in einem stimmigen Rahmen hält.

Brüche ergeben sich immer dann, wenn Grenzen extrem überschritten werden – zum Beispiel, wenn es zu sexuellen Übergriffen auf Lokita durch Betim kommt oder wenn eine Trennung zwischen dem eingeschworenen Duo droht. Die enge Beziehung zwischen Tori and Lokita wird glaubwürdig eingefangen, was sowohl an der ungekünstelten Dialoggestaltung als auch am hingebungsvollen Spiel von Joely Mbundu und Pablo Schils liegt.

In einer Szene sitzt Lokita wie eine Gefangene in dem winzigen Raum, in dem sie drei Monate ausharren muss. Sie hat sich mit einem Mikrowellenherd Essen gekocht und beginnt, fernzusehen – bis sie den TV-Apparat ausschaltet und stattdessen auf ihr Handy schaut, dessen Hintergrundbild ein Foto von Tori ist. Ohne Worte (und ohne sentimentale Musik) ist damit alles gesagt über zwei Menschen, die immer füreinander da sind.

Tori and Lokita (2022)

Belgien in der Gegenwart: Der kleine Junge Tori und das heranwachsende Mädchen Lokita sind allein aus Afrika nach Europa migriert. Sie stellen ihre unbesiegbare Freundschaft den schwierigen Bedingungen ihres neu gefundenen Exils gegenüber.

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