Swinger - Die wunderbare Welt des Partnertauschs (2019)

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In seinem offenen, aber niemals voyeuristischen Dokumentarfilm über Swinger erzählt Stefan Zimmermann von Paaren, die den sexuellen Kick in der Begegnung mit Fremden suchen. Der Film selbst verharrt aber weitgehend an der gar nicht mal so schönen Oberfläche.

Swinger - Die wunderbare Welt des Partnertauschs (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

(K)Ein buntes Treiben

Droht — sowieso und erst recht durch die Langzeitwirkungen der Covid-19-Pandemie — eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung zurück zu alten, längst vergangen geglaubten Zeiten? Noch ist es zu früh, um derlei Auswirkungen zweifelsfrei zu bestätigen, doch vieles deutet darauf hin, dass gesellschaftliche Errungenschaften en passant zu verschwinden drohen. In diesen besonderen Zeiten wird die Freiheit der Sicherheit oder zumindest einem subjektiven und vor allem suggerierten Sicherheitsempfinden allzu gerne bedenkenlos geopfert. Im Bereich der Sexualität meint man das schon länger und auch vor der Covid-19-Krise verspürt zu haben. Es herrscht ein neuer Geist der Prüderie; Misogynie, Queer- und Transfeindlichkeit nehmen zu oder zeigen sich zumindest immer ungenierter und so scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis auch andere, als „abweichend“ empfundene Formen der Sexualität in den Fokus selbsternannter Moral- und Sittenwächter geraten.

In verschiedenen Konstellationen erkundet der Regisseur Stefan Zimmermann die, wie der Untertitel des Films es benennt „wunderbare Welt des Partnertauschs“, lässt aber durch die Kamera und auch die Auswahl der Porträtierten zumindest leichte Zweifel entstehen, ob diese Welt tatsächlich so wunderbar ist, wie der Titel es behauptet.

Die Paare und Frauen, die Zimmermann für seinen Film ausgesucht hat, entsprechen vorwiegend nicht den von Werbewunderwelt und Pornografie normierten Schönheitsidealen, es sind vielmehr ganz normale Menschen beinahe jeglichen Alters, sie könnten Nachbarn sein oder wenig auffällige Bekannte, wir könnten ihnen beim Einkaufen begegnen, auf dem Amt, am Bahnhof oder sonstwo.

In genau kadrierten Bilder vermeidet Zimmermann alles Voyeuristische. Exakt eingerichtete Kamerapositionen und Blickwinkel lassen vieles von dem, was in den Zimmern der Swingerclubs oder zuhause passiert, allenfalls erahnen. Und das gehört definitiv zu den Stärken dieses Films.

Ob allerdings der Blick Zimmermanns selbst wirklich vorurteilsfrei ist, kann man zumindest hinterfragen: Das beginnt schon beim Filmtitel, den man durchaus auch ironisch verstehen kann, geht über die Auswahl der Songs (so wird der Film von Jonny Cashs „Ring of Fire“ eingeleitet) und zeigt sich weiterhin in vielen Einstellungen, die auf der Suche nach einer möglichst skurrilen Bildkomposition sind und sehr inszeniert wirken. Weil die Kamera in diesem Momenten sehr lang auf den Gesichtern verweilt und man als Zuschauer dabei manchen Moment erhascht, in denen man glaubt, Unsicherheiten in den Gesichtern vor allem der ProtagonistInnen zu entdecken, stellt sich mitunter ein Gefühl der Beklemmung ein. Auch weil das Bürgerliche und Kleinbürgerliche der Häuser und Wohnungen sowie der Swingerclubs und Treffpunkte mit sichtbarer Freude an der Normalität, Durchschnittlichkeit und Spießigkeit nicht nur gezeigt, sondern in Tableaus gerade herausgearbeitet werden. Wirkliches Interesse an den Hintergründen und Motivationen spürt man an kaum einer Stelle.

Die Feinfühligkeit, die den Film bei den heiklen, weil potenziell expliziten Szenen auszeichnet, ist zumindest an einigen Stellen, in denen es um das Gefühlsleben der ProtagonistInnen geht, nicht spürbar, sodass man sich letzten Endes fragt, was der Film eigentlich will. Aufklären, Verständnis wecken, eben doch in gewisser Weise ausstellen — oder vielleicht alles zusammen?

Mag sein, dass genau diese Art der Irritationen beabsichtigt ist, andererseits stellt sich durch sie ein Unbehagen gegenüber AkteurInnen ein, das sich weniger gegen die eigenen Vorurteile als gegen diese selbst richten könnte.

Swinger - Die wunderbare Welt des Partnertauschs (2019)

„Die Männer pinkeln auf die Frauen und alle sind glücklich”, erklärt die Leiterin eines Pornokinos stolz. Zimmermann gewährt einen frivolen Blick auf die Sexualität in den Wohnzimmern und Swingerclubs Deutschlands. Die unverblümte Offenheit des Films lässt nichts im Verborgenen und zeichnet ein humorvolles und zuweilen liebevolles Porträt von Paaren und Singles, die sich der schönsten Nebensache der Welt hingeben. Jede und jeder nach ganz eigenen Regeln und Vorlieben, aber alle mit einer befreienden Selbstverständlichkeit. 

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