Stollen (2020)

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Pöhla im Erzgebirge ist eine Gemeinde mit einer langen Tradition im Bergbau – doch die Stollen sind mittlerweile stillgelegt, deren Spuren aber noch überall sichtbar. Nun soll der Bergbau wieder aufgenommen werden – und damit stellt sich für das Dorf und seine Bewohner die Frage nach der eigenen Identität.

Stollen (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Licht und Dunkel

Wer das Wort „Stollen“ hört, denkt womöglich schnell an zweierlei: einerseits an die Bergstollen, die zur Gewinnung von Erzen oder Sonstigem angelegt werden. Andererseits natürlich auch an das gleichnamige Backwerk, das besonders die Vorweihnachtszeit prägt. In Laura Reichwalds Dokumentarfilm „Stollen“ geht es nun um Stollen in beiden Wortbedeutungen, denn in Pöhla im Erzgebirge spielt beides im Alltag der Bewohner*innen einen wichtige Rolle – umso mehr, da der Film in der Vorweihnachtszeit angesiedelt ist.

Wenn man das Thema des sehr persönlichen Films mit wenigen Worten umschreiben soll, dann fällt einem mit Sicherheit sehr schnell die Dichotomie zwischen Tradition und Zukunft ein – und damit verbunden auch die Themenkomplexe Identität und Heimat. Die Menschen, mit denen Laura Reichwald spricht und denen sie viel Platz einräumt, sind sich ihrer Traditionen sehr wohl bewusst, sie bilden für sie einen Kompass und Werterahmen, der aber immer auch hinterfragt und auf den Prüfstand gestellt wird.

Entlang der geschickten Figur des doppelten Wortsinns des Filmtitels fächern sich die Beobachtungen von Laura Reichwald in zwei parallelen und nur scheinbar entgegengesetzten Strängen auf: Steht der Bergwerksstollen für die ökonomischen wie ökologischen Aspekte der Problemlage, entspinnt sich an der Metapher des Backwerks die Frage nach persönlicher Lebensgestaltung innerhalb einer sich wandelnden Zeit und Umwelt.

Und die zeigt sich in Stollen vor allem in den Gebräuchen und Traditionen der Vorweihnachtszeit, den aus dem 18. Jahrhundert stammenden Schwibbögen etwa und den anderen Gegenständen, mit denen die Einwohner*innen ihre Häuser und Wohnungen festlich schmücken. Ganz nebenbei erfährt man da, dass der Schwibbogen durchaus auch eine Verbindung zum Bergbau hat und das Licht, das beim Adventsschmuck von zentraler Bedeutung ist, nicht nur eine christliche Symbolik hat, sondern durchaus auch als Gegenpol zur Dunkelheit in den Bergwerksstollen verstanden werden muss.

Eine weitere zentrale Rolle innerhalb des eher persönlichen Erzählstrangs spielt das Thema Glauben. Mehrmals zeigt Laura Reichwald sowohl eine kirchliche Jugendgruppe wie auch einen Chor bei den Proben für das Weihnachtsfest und verdeutlicht auf diese Weise, welche große Rolle – und allein das ist ja schon eher eine Ausnahme in den neuen Bundesländern – Frömmigkeit und Glaube hier spielt.

Auch wenn Stollen sehr eindeutig in Pöhla mit seinen spezifischen Gegebenheiten und Traditionen verortet ist, weist der Film doch weit über den eigentlich Ort hinaus und zeigt zentrale Probleme auf, wie sie auch in anderen deutschen Regionen vorzufinden sind – sei es das Ruhrgebiet, Oberbayern oder anderen Gegenden, die dem Strukturwandel unterworfen sind.

Dass der Bergbau hier wieder aufgenommen werden soll, stößt beispielsweise keinesfalls auf ungeteilte Zustimmung, sondern wird vielfach und trotz aller stolzer Bergbau-Tradition äußerst kontrovers diskutiert innerhalb des Filmes. Die gesundheitlichen Risiken, die mit dem Abbau von Uran und anderen Rohstoffen einhergehen, werden mehr als einmal thematisiert. Ebenso die Folgen, die die neuen Pläne für die ohnehin stark belastete Umwelt haben werden.

Stollen ist aber nicht nur ein beobachtender Dokumentarfilm, sondern zugleich auch ein teilnehmender, bei dem das Filmteam gleich an mehreren Stellen in das Geschehen mit einbezogen wird. Etwa bei der Zubereitung des Teiges für das Backwerk, während der ordentlich Rum zum Einsatz kommt. Auf die Frage, ob man sich denn ein Schlückchen davon genehmigen wolle, lehnt die Regisseurin dankend ab, woraus sich ein kleiner Dialog entspinnt, bevor der Rest der Flasche auch noch über die Rosinen gekippt wird. Am Ende, wenn sich das Filmteam verabschiedet und sich daraus ein weiterer Dialog entspinnt, dann hat man als Zuschauer*in das Gefühl, dass nicht nur die Filmemacher*innen ihren Protagonist*innen nahegekommen sind, sondern auch wir.

Stollen (2020)

Ist Tradition die höchste Ehre oder das größte Unglück? Darüber streitet man in Pöhla, einem Dorf im Erzgebirge. Ungeachtet der verheerenden gesundheitlichen Folgen hält man auch 30 Jahre nach der Wende die Bergbaubräuche lebendig. Mit der Schließung der letzten (Uran-)Stollen 1992, die Land und Leute 800 Jahre irreversibel geprägt haben, war man gezwungen, sich eine neue touristische Orientierung zu geben. Besonders im Advent vereint sich im „Weihnachtsland“ alte Tradition und wirtschaftliches Interesse. Psychogramm einer Region, die um ihre Identität ringt.

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