Mr. Suzuki - A Man in God's Country (2020)

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In „Mr. Suzuki“ wird vermeintlich die Suche von Yoshiko nach einem Ehemann inszeniert. Doch die filmische Dystopie ist so viel mehr: ein Spiegel unserer Gegenwart, Vergangenheit und hoffentlich nicht der Zukunft.

Mr. Suzuki - A Man in God's Country (2020)

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Hinter der Fassade

In einem Wohnheim für alte Menschen irgendwo in einem fiktiv-dystopischen, zeitlich schwer verortbaren Japan – irgendwo zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Yoshiko (Asako Ito) arbeitet und lebt dort zusammen mit fünf alten Frauen, die junge Noriko (Nao Yasunaga) assistiert ihr. Zwei Frauen von einer staatlichen Behörde waren schon wieder da, sie sprachen eine letzte Warnung aus: Yoshiko muss endlich anständig werden, soll heißen heiraten, ansonsten verliert sie ihre Arbeit, ihr Zuhause und wird aufs Land verbannt. Sie hat nur noch zwei Monate Zeit, ihr Geburtstag naht. Da scheint der Unbekannte, der zerzaust, mitgenommen und mit Fahrradhelm plötzlich in „Utopia“ (dem Wohnheim) auftaucht, gerade recht zu kommen: Er ist so gut wie jeder andere und Yoshiko zögert nicht lange, um ihm einen papiernen Antrag zu machen. So weit, so skurril, so komisch.

Die ersten Noten von Mr. Suzuki – A Man in God’s Country rufen jedoch Erinnerungen an The Lobster oder auch Divergent wach, spielt mit einigen Themen und präsentiert diese in einer klar kulturell japanischen Konfiguration. Das Porträt eines zu stark geschminkten, perfekt gescheitelten Mannes mit unzähligen Abzeichen auf der Brust eröffnet in vertikaler Bewegung den Film: Es ist das Bildnis eben dieses „Gottes“, vor dessen öffentlichen Konterfei man sich verbeugen muss und dessen Politik wunderschöne Familien für die Zukunft seines wunderschönen Landes fordert. Wer nicht mitspielt, der fliegt. Denn Bürokraten, Institutionen, Polizei und die eigenen Nachbarn sind nur allzu bereit, die Politik umzusetzen – ohne sie zu hinterfragen. Wer sie hinterfragt, und das tut Yoshiko, die muss um ihre Existenz fürchten. Es ist ein Film über eine dystopische, sci-fi-inspirierte Gesellschaft, in der Menschen zu Hochzeitsmessen gehen, bei der ein zu braungebrannter, zu weißzahniger Bürgermeister Hof hält. Über eine Gesellschaft, in der junge Gott-Klone – perfekter Mittelscheitel – bewaffnet mit Smartphones ihre Jagd auf Obdachlose ohne Nummern am Arm live-streamen. Spätestens dann ist klar, dass die Komik bitterer Ernst ist.

Man könnte Mr. Suzuki zwischen all den Filmen übersehen, dessen recht günstige Produktion man ihm ansieht. Der diese jedoch mit moralischer Wucht und ethischer Brisanz mehr als wettmachen kann. Die zentrale Paarung von Yoshiko und Mr. Suzuki, dessen wahre Identität selbst ihn nicht vor dem wild gewordenen Mob retten kann, könnte darüber hinwegtäuschen, dass es nur um die Frage der (Un-)Freiheit einzelner Individuen in Gesellschaften geht. Denn obwohl der Film klar an der japanischen Gesellschaft und dem Paradox des Gottesherrschers ausgerichtet ist, kann er auch auf Entwicklungen in anderen Ländern übertragen werden – aktuell und aus der Vergangenheit. Denn die proto-faschistischen Dynamiken, die der „Got“‘ als Staatsoberhaupt in Gang setzte, erzeugen Unfreiheiten und Mittläufertum, die nur allzu bekannt sind. Und trotzdem oft genug unerkannt bleiben. Das macht Mr. Suzuki zu einem hochaktuellen Film, den man unbedingt sehen sollte.

Mr. Suzuki - A Man in God's Country (2020)

Ein fiktives Land, das so vertraut wirkt – eine Dystopie, die so gegenwärtig wirkt. Der Herrscher dieses Landes wird »Gott« genannt und die Menschen müssen sich vor seinen überall prangenden großflächigen Portraits verbeugen. Seit 20 Jahren wurde Gott nicht mehr gesehen, er hat sich aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen, heißt es. In dieser Welt aus Jugend und Gehorsam führt Yoshiko ein kleines Pflegeheim namens »Utopia«, wie ein Relikt aus einer anderen Welt mit Ecken, Kanten und Eigenwilligkeit. Aber Yoshiko ist im mittleren Alter und noch unverheiratet – eine Todsünde in dieser schönen, neuen Welt, die mit Verbannung aufs Land bestraft wird. Als eines Nachts ein Obdachloser auftaucht, nimmt sie ihn bei sich auf, mit dem Plan, ihn zu heiraten, um ihr »Utopia« nicht zu verlieren. (Quelle: Filmfest Oldenburg 2021)

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