Saiten des Lebens

Saiten des Lebens

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Musikalische Midlife-Crisis

Vier Musiker betreten die Bühne. Drei Männer, eine Frau. Zwei Geigen, eine Bratsche, ein Cello. Das Publikum ist erwartungsfroh. Das Streichquartett setzt sich, greift zu seinen Instrumenten und hält inne. Eine bedrückende Melancholie liegt in der Luft. Ohne, dass nur ein Wort gesprochen worden wäre, nehmen Konzertzuhörer wie Kinozuschauer das Drama wahr, das sich gleich entspinnen wird.
So beginnt und endet Saiten des Lebens, das Spielfilmdebüt von Yaron Zilberman. Bereits in den ersten Szenen kommt er ohne Umschweife zum Ursprung der Tragödie: Peter (Christopher Walken), erfolgreicher Cellist und Musikprofessor, erkrankt an Parkinson. Als er seinen Mitmusikern Robert (Philip Seymour Hoffman), Juliette (Catherine Keener) und Daniel (Mark Ivanir) von der Erkrankung berichtet, droht nicht nur das Quartett auseinanderzubrechen. Auch die Beziehungen der vier Freunde geraten in eine Krise, als über die Jahre angesammelte Frustrationen endlich eine Entladung finden. Plötzlich verlangt Robert, einmal die erste Geige zu spielen, worüber nicht nur seine Freundschaft mit Daniel, sondern auch seine Ehe mit Juliette in die Krise gerät. Währenddessen verliebt sich Daniel in die Tochter der beiden (Imogen Poots), was nicht zur Harmonie der Gruppe beiträgt. Über ihren privaten Problemen verlieren die Streithähne das gemeinsame Ziel aus den Augen: mit Peter ein Abschiedskonzert zu spielen, bevor dieser endgültig die Kontrolle über seinen Körper verliert.

Yaron Zilberman gönnt seinem Publikum keine Pause von der Tragödie. Die Traurigkeit, die in der Anfangssequenz spürbar ist, zieht sich durch den gesamten Film, ohne dass komödiantische oder zumindest lebensfrohe Passagen das Drama unterbrechen würden. Es scheint als würde die Nachricht von Peters Krankheit für alle Beteiligten einen Abwärtsstrudel auslösen, in dem sie hilflos in den eigenen Untergang gezogen werden. Wie immer, wenn sich ein Element eines Systems, ein Mitglied einer Gruppe, verändert, muss sich auch die Gesamtstruktur neu ordnen. Dass innerhalb des Quartetts schwelende Beziehungskonflikte ausbrechen, birgt somit eine gewisse Logik. Als sich diese Stimmung jedoch auch noch auf den Konflikt zwischen Mutter und Tochter ausweitet und wir zum wiederholten Male die "Du hattest niemals Zeit für mich"-Rede auf der Leinwand hören müssen, erscheint dieses sich exponentiell steigernde Drama doch ein wenig konstruiert.

Christopher Walken liefert das perfekte Gesicht für seine Rolle, das von Natur aus eine gewisse Tragik ausstrahlt. Der Rest des Casts ist ebenfalls gut besetzt, auch wenn die Schauspieler im Finale als Musiker neben der wahren Cellistin Nina Lee nicht mehr überzeugen können. Imogen Poots fügt sich nahtlos in die Rolle der Nachwuchsgeigerin. Ihre sinnliche Mimik lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wohin der Privatunterricht bei Daniel einst führen wird. Doch trotz der treffenden Besetzung bleiben die Figuren wenig erfahrbar. Zu eindimensional ist ihr tragisches Portrait. Statt dem Zuschauer einen Einblick in die sonnigen Dimensionen ihrer Persönlichkeit zu gestatten, lässt Zilberman nur die individuellen Lebensdramen offenbar werden. Catherine Kenner ist als Juliette im Grunde nur damit beschäftigt, tief deprimiert an der Schulter eines Mannes zu hängen oder sich bis zum Tränenausbruch mit ihrer Tochter zu streiten. Und auch die männlichen Charaktere scheinen in einer kollektiven Midlife-Crisis gefangen zu sein.

Vielleicht geht es in Saiten des Lebens gerade um diese Art von Krise. Immer mehr Filme widmen sich dem Lebensabschnitt jenseits der vierzig. Das Kino wird "älter". Wie schon in dem thematisch und namentlich verwandten Regiedebüt von Dustin Hofmann, Quartett, geht es inhaltlich um das Älterwerden in Verbindung mit dem Verlust eigener Fähigkeiten, aber auch mit dem wertenden Rückblick auf das gelebte Leben. Nachdem Peter den Stein ins Rollen gebracht hat, setzen sich alle Figuren auf unterschiedliche Weise mit ihrem Scheitern auseinander – dem Scheitern als Musiker, Liebhaber und Mutter – und geraten darüber in eine Krise, in der sie sich gegenseitig nicht mehr unterstützen können.

Insgesamt verläuft diese multiple Krise jedoch erstaunlich ruhig. Die Storyline hält keine großen Hoch- und Tiefpunkte bereit, da sie doch im Grunde von Beginn an in den entschleunigten, depressiven Gefilden ansetzt und dort verbleibt. Das anhaltende Drama kann keine große Spannung generieren, die ewig leidenden Protagonisten motivieren kaum zur Identifikation. So gefühlvoll die Geschichte von Saiten des Lebens auch sein mag, so schnell ermüdet sie ihre Zuschauer auch.

Es ist schade, dass Yaron Zilbermann das Potential seiner Geschichte und seiner Figuren nicht ganz ausschöpft und seinem Publikum so wenig Abwechslung bietet. In der anhaltend tragischen Stimmung des Films können die talentierten Schauspieler, die wunderschöne Streichmusik und die sowohl treffende als auch sensible Darstellung verschiedener Lebenskrisen leider nicht mehr unterhalten, sondern nur noch deprimieren.

Saiten des Lebens

Vier Musiker betreten die Bühne. Drei Männer, eine Frau. Zwei Geigen, eine Bratsche, ein Cello. Das Publikum ist erwartungsfroh. Das Streichquartett setzt sich, greift zu seinen Instrumenten und hält inne. Eine bedrückende Melancholie liegt in der Luft. Ohne, dass nur ein Wort gesprochen worden wäre, nehmen Konzertzuhörer wie Kinozuschauer das Drama wahr, das sich gleich entspinnen wird.
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Meinungen
Ingrid Sattler · 02.08.2013

Die obenstehende Rezension kann ich gar nicht nachvollziehen. Ich fand den Film tief beeindruckend, keine Sekunde langweilig oder gar "ermüdend". Für mich war er stimmig, zutiefst berührend, mit einer klaren Geschichte, wunderbaren, perfekt besetzten Schauspielern in allen Rollen - von der hinreißenden Musik natürlich hingehen. Und Dustin Hoffmanns "Quartett" ist ein ganz anderer Film, außer dass auch von Musik und Musikern handelt...
Ich kann nur empfehlen: unbedingt hingehen, es lohnt sich!

Kommentare

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