Oi! Warning

Oi! Warning

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Von Skins und Punks

Filme, die sich mit extremen Ausprägungen der Jugendkultur wie Punks oder vor allem Skinheads beschäftigen, erreichen in der Regel unter dem Gesichtspunkt ihrer soziokulturellen Relevanz von vornherein eine erhöhte Aufmerksamkeit in den Medien. Dies trifft auch auf das Spielfilmdebüt Oi! Warning der Brüder Benjamin und Dominik Reding von 1999 zu, dessen Titel bereits auf die Musik der entsprechenden Szene hinweist – und auf den Aspekt der Gefahr, dem innerhalb der Geschichte über einen Jugendlichen, der bei den Dortmunder Skinheads andockt, eine tragende Bedeutung zukommt. Die Kritiken über den in Schwarzweiß gedrehten Jugendfilm, der auf einigen internationalen Filmfestivals aufgeführt und ausgezeichnet wurde, fielen seinerzeit überwiegend beeindruckt bis begeistert aus, womit nicht zuletzt der künstlerische Anspruch der Regisseure honoriert wurde, der sich in ihrem teilweise experimentellen Umgang mit Bildern und Tönen manifestiert.
Als der jugendliche Janosch (Sascha Backhaus) von der Schule fliegt, packt er kurzerhand ein paar Sachen zusammen und macht sich mit seinem Motorroller vom heimatlichen Bodensee auf ins Ruhrgebiet, um seinen alten Kumpel Koma (Simon Goerts) zu besuchen. Am Dortmunder Hauptbahnhof wird er Zeuge, wie eine Gruppe von Skinheads einen Mann in demütigender und brutaler Weise attackiert, wobei sich bald herausstellt, dass es Koma ist, der die Glatzen dabei anführt. Die Wiedersehensfreude ist groß, und Janosch kommt bei Koma und dessen schwangerer Freundin Sandra (Sandra Borgmann) unter, wo er sich wachsend mit der ihn umgebenden Skinhead-Szene identifiziert, auch wenn ihm die aggressiven Ausbrüche des egozentrischen Kickboxers Koma mitunter sichtlich suspekt sind. Als Janosch sich entschließt, wieder eine Schule zu besuchen, verliebt sich seine spießige Mitschülerin Blanca (Britta Dirks) in den mittlerweile glatzköpfigen Jungen, der halbherzig eine Beziehung mit ihr eingeht. Janosch übt sich zwar engagiert in seinem neuen Habitus als Skinhead, doch als er nähere Bekanntschaft mit dem Punk Zottel (Jens Veith) macht, gerät die Ausschließlichkeit dieser Ausrichtung ins Wanken ...

Oi! Warning ist die Geschichte von Gewalteskalationen innerhalb einer Subkultur, die hier kaum in die Nähe von Rechtsextremismus gebracht, sondern als persönliche Lebenshaltung in vielerlei Aspekten präsentiert wird. Ein Skin, der zu gewalttätigen Ausbrüchen neigt, bei einer Brauerei arbeitet und mit seiner Freundin Zwillinge bekommt, bewegt sich durchaus jenseits der gängigen Klischeezeichnungen, ebenso wie die homoerotischen Beziehungen der jungen Männer untereinander in ihrer ausführlichen Darstellung jenseits von seichtem Provokationsgehabe für dieses Genre als erfrischende Innovation erscheinen. Dennoch gerät die Gestaltung vor allem der Hauptfiguren bei Zeiten allzu forciert, so wie die gegensätzlichen inhaltlichen Komponenten der Handlung mitunter überkonstruiert wirken – innerhalb einer Dramaturgie, die einerseits mit kleinen Holprigkeiten aufwartet und sich andererseits ab und zu wortreich auch dort verausgabt, wo die eindrucksvollen Bilder absolut für sich hätten sprechen können.

Innerhalb der Mischung zwischen professionellen Schauspielern und kultig-authentischen Laien gelingt Benjamin und Dominik Reding ein stimmiger Balanceakt, dessen dichte Atmosphäre den Zuschauer für die kleinen Schwächen des debütantischen Übereifers entschädigt. Das subkulturelle Universum wird hier ganz hervorragend mit den Ambivalenzen des Alltags geschildert, wobei die wohl unvermeidliche Zuspitzung auf ein pessimistisches Ende die Funktion einer Warnung durchaus erfüllt. Mal mit heiterer, überspitzter Leichtigkeit, dann wieder mit bedrohlicher Härte agieren die Protagonisten auf dem Territorium ihrer bewegten Identitäten, was sich immer wieder in kraftvollen und auch witzigen Bildern der Kamera Axel Henschels ausdrückt. In dieser teilweise beachtlich künstlerischen Gestaltung liegt die große Stärke von Oi! Warning, dessen Eingangssequenz mit dem nackten, selbstverliebten Koma und seiner Freundin Sandra diesen Anspruch bereits deutlich transportiert.

Die umfangreichen Extras auf der DVD ermöglichen einen intensiven Einblick sowohl in die Entstehung des Films als auch in seine Hintergründe, die von den Filmemachern erläutert werden. Unübersehbar ist, wie viel Engagement und auch Herzblut in diesem erfolgreichen Debüt steckt, zu dem 2002 sogar ein Buch mit reichlich Material für Fans erschienen ist.

Oi! Warning

Filme, die sich mit extremen Ausprägungen der Jugendkultur wie Punks oder vor allem Skinheads beschäftigen, erreichen in der Regel unter dem Gesichtspunkt ihrer soziokulturellen Relevanz von vornherein eine erhöhte Aufmerksamkeit in den Medien.
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