KlassenLeben

KlassenLeben

Aus dem Alltag eine integrativen Schulklasse

Luca, Marwin, Dennis, Johanna, Christian und 15 andere Kinder treffen sich zum Halbjahresbeginn in der Berliner Fläming-Schule. Sie gehören zur Klasse 5d, der Förderklasse der Schule, in der Schüler extrem unterschiedlicher Fähigkeiten zusammen lernen. Vier der Kinder sind als behindert eingestuft, von lernschwach bis schwerbehindert, und werden nicht benotet. Die Klasse hat zwei Betreuerinnen, einige Fachlehrer und die Klassenlehrerin, Frau Haase. Sie gilt als streng, aber fair. Ihre große Liebe gilt dem Theater. Und das ist auch der Grund, warum der Regisseur überhaupt auf die Idee zu diesem Film kam. Denn als er 1995 Darsteller für seinen Film Orange Kiss suchte, führte ihn das Casting auch an die Fläming-Schule in die Klasse von Frau Haase. Fasziniert von dem integrativen Ansatz nahm er sich vor, den Alltag dieser innovativen Schulform filmisch zu begleiten.

Ein Schulhalbjahr lang beobachtete er den Alltag der außergewöhnlichen Klasse, sorgsam registrierte er die Spiele auf dem Pausenhof, den Stress und die Angst vor den Prüfungen, die Proben für ein Theaterstück und das ganz normale Miteinander, das hier ausgezeichnet funktioniert. Bereits seit 1975 wird in der Fläming-Grundschule der integrative Ansatz verfolgt, mit erstaunlichen Ergebnissen. Und doch haben sich bislang in Deutschland kaum Nachahmer gefunden, die das Konzept umsetzen

Hubertus Siegert bezieht in seinem Film Klassenleben keine Stellung in der seit Jahren immer wieder aufkochenden Debatte um „richtige“ oder „falsche“ Unterrichtsformen und die Notwendigkeit von integrativem Unterricht oder Eliteschulen. Er zeigt vielmehr – gleichsam auf Augenhöhe – den Lernalltag der kleinen Hauptdarsteller, voller kleiner Momente des Glücks und gelegentlichen Frustrationen Ein wohltuend unaufgeregter Beitrag zu einer mitunter hitzig geführten Diskussion, der zeigt, dass funktionierende Formen längst praktiziert werden und funktionieren, klein und unspektakulär, aber umso wirksamer. Pädagogen jedenfalls werden diesen Film mögen, alle anderen Zuschauer müssen schon ein großes Maß an Interesse mitbringen für die Fragestellungen, die der Film aufwirft.

KlassenLeben

Luca, Marwin, Dennis, Johanna, Christian und 15 andere Kinder treffen sich zum Halbjahresbeginn in der Berliner Fläming-Schule.

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Meinungen
Rainer Döhle · 30.08.2005

Ein wirklich sehenswerter Film. Nicht, weil er ein Hohelied auf das Integrationsmodell singen und unkritisch Erfolge mit glücklichen Kindern und Lehrern abbilden würde, denn das tut er nicht. Ja, gezeigt werden immer wieder die spontanen, mal altklugen, mal charmant-naiven Kommentare, die wir alle an Kindern, egal ob behindert oder nicht, so lieben. Gezeigt werden aber auch die realen Konflikte. Da ist ein in Tränen aufgelöster Junge, der das schlechte Zeugnis nicht verkraftet und den man erst überreden muss, deswegen nochmal mit der strengen Lehrerin zu reden - eine andere Schülerin plaudert von ihrem Traum, in dem sie sich wünscht, sie würde selbst morgens als Lehrerin aufwachen und diese ihrerseits als Schülerin, der sie dann harten Sportunterricht aufbrummen würde; da wird gezeigt, wie mühsam an Referaten gearbeitet wird und es bei manchem ohne Spickzettel nicht gehen will; und es bleiben Sätze haften, wie "Man weiß ja nicht, wie lange sie noch leben wird", gesprochen von einer Fünftklässlerin über die schwerstkranke Freundin im Rollstuhl, die von den Kindern behutsam gestreichelt wird. Und dazwischen hundert kleine, aber treffende Szenen, Running Gags, auch viel Rührendes, wie das Mädchen, das mit einem Jungen am Kichern ist, sich herrlich mit ihm versteht, aber der Kamera gegenüber beteuert, dass das ja nichts wirklich Ernstes sei. Schließlich sieht man am Ende auch die strenge Lehrerin auftauen und die Kinder umarmen und man begreift, das alle Beteiligten nicht nur viel gelernt haben, sondern dass sie gereift sind, eine Gruppe geworden sind. Das alles kommt wunderbar ohne jede Bemühtheit, ohne Belehrung und gute Absicht daher, dass man am Ende gar nicht mehr hinschaut, wer ist nun eigentlich behindert und wer nicht, weil es nicht wirklich eine Rolle spielt.
In einer Diskussion zum Film hat der Regisseur verdeutlicht, welche Arbeit hinter diesen gut 90 Minuten Film stecken, die natürlich aus einem viel umfangreicherem Material komprimiert werden musste - man sieht dem Film die Mühe nicht an. Auch hat Siegert den ästhetisch-künstlerischen Aspekt betont und gesagt, weil er auf eine bestimmte Dramaturgie hingearbeitet habe, sei der Film im eigentlichen Sinn nicht realistisch. Ich sage: Doch, das ist er. So, wie auch unsere eigene Schulzeit in wenigen bleibenden Bildern in unseren Köpfen steckt, so sieht man auch hier das Wesentliche. Nichts ist gestellt, alles ist so gesagt und erlebt worden. Und trotzdem bleibt es in jedem Wortsinn ein offener Film. Ein Film, in dem sich die Kinder, wie selbstverständlich öffnen. Ein Film ohne Happy End - man kann sich als Zuschauer selbst ausmalen, wohin der Weg der Kinder wohl gehen mag. Und auch die Frage, was von einem solchen Schulmodell zu halten ist, wird nicht vorgefertigt beantwortet. Alles eben genau wie im Leben.

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