Intimitäten

Intimitäten

Auf der Suche nach wahrhaftiger Nähe

Gibt es bei einem professionellen Pornodreh überhaupt so etwas wie Momente der wirklichen Nähe und der Intimität? Und hat sich überhaupt schon einmal ein Dokumentarfilmer daran gewagt, ein Pornoset dokumentarisch zu beleuchten? Dies waren die Grundfragen, die den Dokumentarfilm-Regisseur Lukas Schmidt und seinen Produzenten Tom Streuber umtrieben. Zuerst versuchten sie es bei zahlreichen Hetero-Pornoproduktionen, die dem Vorhaben eines solchen Dokumentarfilms aber sehr kritisch gegenüber standen. Und je länger sich Schmidt mit dem Thema befasste, desto mehr merkte er, dass er mit schwulem Sex in dieser Beziehung viel weniger Probleme hatte. Denn dieser hatte ja nichts mit seiner eigenen Sexualität zu tun. Also entschied er sich, das Projekt Intimitäten mit der Berliner Gay-Produktion Cazzo Film zu machen.

Gemeinsam reisten Schmidt und das Filmteam zu einer Finca auf Mallorca, wo die Dreharbeiten stattfinden sollten. Die meisten der Akteure waren aus einem „Katalog“ ausgesucht worden und kannten sich nicht, bis sie schließlich am Set auftauchten. Doch das eigentlich erstaunliche erlebte Lukas Schmidt erst hinterher, wie er berichtet: „Am Set habe ich Pornografie nie erlebt. Da waren nur Leute, die Sex hatten, und andere, die zuschauten. Das an sich ist noch keine Pornografie. Als ich das Rohmaterial von Cazzo durchgekuckt habe, habe ich begriffen, wo Pornografie entsteht: Im Kopf des Kameramanns und im Bildausschnitt, den er dann auswählt.“

Was der Film im Kopf des Zuschauers an Assoziationsketten und Gedanken in Fahrt bringt, das wurde in der Laudatio des First Step Awards 2003, den Intimitäten in der Kategorie „Dokumentarfilm“ gewann, wundervoll einfach und nachvollziehbar auf den Punkt gebracht: „Dies ist ein Film, der mir beim ersten Anschauen wie ein Überfall vorkam, ein Film in den Randzonen des Tabubruchs und zugleich von einer außerordentlich großen, manchmal zarten Intimität. Ein Film über die Liebe und das Lieben ist immer schwer zu machen. Die Schwierigkeit steigert sich ins kaum Vorstellbare, wenn es um die Hitze der Sexualität und die Kälte ihrer kommerziellen Verwertung als Pornographie geht. Die buchstäblich nackte Handwerklichkeit in der Vorführung und Abbildung des Fickens und zugleich der Versuch, die Gesichter und Körper zu beleben und ihnen so viel Persönlichkeit zurückzugeben, dass sie als junge, auch von Sehnsucht bewegte junge Menschen erkennbar werden, — das alles ist in dem Film Intimitäten dem Dokumentaristen Lukas Schmid gelungen.“

Gezielte Tabubrüche und Grenzüberschreitungen sind längst gang und gäbe im Kino geworden, und mitunter sorgen solche Experimente immerhin für ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit, wie Michael Winterbottoms 9 Songs beweist, wenngleich sich dies meist nicht unmittelbar in den Besucherzahlen niederschlägt. Doch trotz eines mehr als expliziten Settings ist Lukas Schmidts Film weit davon entfernt, voyeuristischen Bedürfnissen seitens der Zuschauer nachzukommen. Sein Film ist vielmehr eine sensible Erkundung der Pornographie zwischen hitziger Erotik und eiskalt kalkuliertem Business. Ein Handel mit Körpern, der ungeniert und unmittelbar mit den Wünschen und Sehnsüchten aller Beteiligten spielt — denen der Produzenten, der Darsteller und der Zuschauer.

Intimitäten

Gibt es bei einem professionellen Pornodreh überhaupt so etwas wie Momente der wirklichen Nähe und der Intimität? Und hat sich überhaupt schon einmal ein Dokumentarfilmer daran gewagt, ein Pornoset dokumentarisch zu beleuchten?

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