Geschichten des alltäglichen Wahnsinns

Geschichten des alltäglichen Wahnsinns

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Von Fimmeln, Spleens und Mucken

Ein tschechischer Film mit Geschichten über den alltäglichen Wahnsinn – diese Konstellation ruft unweigerlich sofort Erinnerungen an wunderschöne Fernsehserien wie Pan Tau und Die Märchenbraut wach. Und es ist auch bei diesem Film von Petr Zelenka aus dem Jahre 2004 die milde, humanistische und melancholische Komik, die ihn auszeichnet und dem Zuschauer die tröstliche Gewissheit vermittelt, dass es gerade die mehr oder minder kleinen Schrägheiten sind, die das Dasein vor einer allzu großen Gewöhnlichkeit bewahren.
Petr (Ivan Trojan) verbringt keine guten Zeiten, seit seine ehemalige Freundin Jana (Zuzana Slajová) ihn verlassen hat, und bei jeder Begegnung mit ihr bemüht er sich, ihr wieder näher zu kommen, was Jana allerdings energisch unterbindet, weil sie Petr für einen hoffnungslos schrägen Vogel hält, und das sicher nicht zu Unrecht. Doch betrachtet man die Lebenswelten des jungen Mannes, der im Mikrokosmos des Prager Flughafens arbeitet, genauer, so ist es weniger er selbst als vielmehr die Menschen in seiner Umgebung, die ihn mit ihren kleinen Verrücktheiten in den ganz alltäglichen Wahnsinn verwickeln, allen voran seine eigenen Eltern. Seine Mutter (Nina Diviskova), eine Frau mit sozialpolitischem Bewusstsein und missionarischem Engagement, bemüht sich seit Jahren vergeblich, ihren Mann David (Miroslav Krobot) noch einmal aus der Reserve zu locken, der beinahe ganztägig in die Betrachtung von aus Bierflaschen aufsteigenden Bläschen versunken ist. Doch dann kommt Bewegung in die Situation, als David, der früher Nachrichtensprecher im Fernsehen war und seine Texte noch Wort für Wort im Gedächtnis hat, von einer Bildhauerin zum Kunst- und Bewunderungsobjekt auserkoren wird, während seine Frau schlichtweg durchdreht, als sie aus Altersgründen vom Blutspendezentrum abgelehnt wird – und das, nachdem sie jahrelang eifrig gespendet hat und dort beinahe so etwas wie ein zweites Zuhause gefunden hatte. Petrs Chef (Karel Hermánek) zieht seinen Angestellten ins Vertrauen und offenbart ihm seine erotische Zuneigung zu einer Schaufensterpuppe, während seine neuen Nachbarn ihn als Zuschauer beim Liebesakt engagieren, und das sind längst nicht alle sonderbaren Possierlichkeiten, in die Petr zunehmend verstrickt wird. Immerhin wird er dadurch von seinem Liebeskummer abgelenkt und sein Erscheinen bei Jana wird rar, woraufhin sich diese wieder stärker für ihn interessiert und ihm schließlich sogar ihre eigene kleine Schrulle eingesteht. Als es am Schluss so aussieht, als sei alles nun wesentlich besser für ihn geworden, gerät ein sorgfältig inszenierter Liebesbeweis für Jana dann doch völlig anders, als Petr es mit Hilfe seiner Kollegen geplant hatte – wie unpassend wäre auch ein gewöhnliches glückliches Ende für einen Film über den alltäglichen Wahnsinn.

Autor und Regisseur Petr Zelenka (Year of The Devil / Rok dábla, Loners / Samotári), der auch nach wie vor gern Theaterstücke schreibt und arrangiert, gehört in Tschechien zu den berühmtesten Filmemachern der Gegenwart und seine Filme wurden international bereits mehrfach ausgezeichnet. Seit dem letzten Jahr lebt und arbeitet er in Krakau, wo er ein Theaterprojekt realisiert. Zelenka ist für seine kritische Position gegenüber den populären Protagonisten des Kulturbetriebs bekannt und bezeichnete den Schriftsteller Milan Kundera im Warschauer Theaterinstitut gar einmal unverblümt als Idioten, doch in seinen Filmen ist es gerade das natürliche Verständnis mit Verzicht auf moralisch-drohende Untertöne für die menschlichen Verschrobenheiten, das ihn als scharfsichtigen Humanisten ausweist, dessen Komik keineswegs in überheblichen Spott abgleitet. Geschichten des alltäglichen Wahnsinns / Príbehy obycejného sílenství ist ein leiser, unspektakulärer und herzerfrischender kleiner Film über das Leben jenseits einer glatten Routine und dabei eine Absage an die Haltung, stets den Anschein einer so genannten Normalität zu wahren und damit möglicherweise eine gute Portion Glück zu opfern.

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Ein tschechischer Film mit Geschichten über den alltäglichen Wahnsinn – diese Konstellation ruft unweigerlich sofort Erinnerungen an wunderschöne Fernsehserien wie Pan Tau und Die Märchenbraut wach.
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