Filth and Wisdom

Filth and Wisdom

Ohne Schmutz kein Preis

Andriy Krystiyan (Eugene Hutz), kurz A. K., ein abgefahrener Freak aus der Ukraine, der in London lebt und beharrlich an seinem großen Durchbruch als Musiker arbeitet, fläzt sich vor die Kamera, um eine Episode aus seinem Leben zu erzählen. Der hagere, zähe Endzwanziger mit dem scheußlich-schaurigen, absolut stilechten Schnauzbart sowie einem Hang zu derbem Punk und drastischen modischen Ausfallschritten, die immer wieder ein wohliges Grinsen produzieren, bemüht den gesamten Anti-Charme seines harten Akzents und seiner kruden Lebensphilosophie, um sein Publikum zu schockieren. Doch da die Geschichte des facettenreichen Überlebenskünstlers in vollen Zügen absurd erscheint und alle Register der Stereotypen zieht, gerät Filth and Wisdom eher zu einem komischen Klamauk mit satirischen Seitenhieben auf manchen Aspekt des Wertekonsens der westlichen Gesellschaften.
Der Mann ist eindeutig Herzblut-Musiker, doch das ernährt in noch nicht, so dass A. K. in lukrativeren Nebenjobs macht, die mitunter auch noch die Wohnung sauber halten: Er empfängt hitzige Herren, die nur allzu gern dienernd auf den Knien vor ihm herumrutschen und denen er mal mehr, mal weniger engagiert Befehle erteilt und den nackten Hintern versohlt. Seine Mitbewohnerinnen Holly (Holly Weston) und Juliette (Vicky McClure) jagen ihrerseits einem großen Traum hinterher und müssen sich derweil ebenfalls mit ungeliebten Tätigkeiten über Wasser halten. Die sendungsbewusste Juliette, die in der Drogerie von Sardeep (Inder Manocha) arbeitet, einem reichlich gesegneten Familienvater, der so heimlich wie selig an ihrem Mäntelchen schnüffelt. Die zielstrebige junge Frau zweigt permanent Medikamente ab und sammelt sie, um einmal Krisenregionen in Afrika damit zu versorgen, die sie als aufopfernde Helferin zu bereisen gedenkt – daran liegt ihre ganz persönliche Sehnsucht. Holly hingegen trainiert seit Jahren für ein ernsthaftes Engagement als Ballett-Tänzerin, das sich jedoch nicht abzeichnet, so dass die bewegliche Grazie aus wirtschaftlicher Ungemütlichkeit heraus in einer Stangen-Tanz-Bar anheuert, wo sie sich den Unflätigkeiten und lüsternen Annäherungen ihres Chefs Harry Beechman (Stephen Graham) und seines opulenten DJs (Ade) ausgeliefert sieht. Auch mit von der Partie ist der erblindete Professor Flynn (Richard E. Grant), ein Nachbar der Dreier-WG, der besonders mit A. K. befreundet ist, der häufig die Einkäufe für ihn erledigt, ihn moralisch ausbalanciert und philosophische Diskurse mit ihm bestreitet – eine chaotische bis psychotische Gesellschaft, die letztlich doch ein Stück näher an das große Glück rückt.

Filth and Wisdom stellt das Regiedebüt des US-amerikanischen Superstars Madonna dar, das auf der diesjährigen Berlinale in der Panorama-Reihe zu sehen war. Im Mittelpunkt der Handlung steht der exzentrische Punk-Sänger und Gitarrist Eugene Hutz (Alles ist erleuchtet / Everything is illuminated, 2004), dessen Auftritt mit seiner Band Gogol Bordello, die bereits gemeinsam mit Madonna auf der Bühne stand, einen Höhepunkt der schrägen Klamotte bildet. Anhand der altbekannten Durch-Schmutz-zur-Weisheit-Devise hangelt sich der Film munter und rasant an sämtlichen gängigen Unerhörtheiten entlang, die er mal witzig, mal ein wenig überdreht und allzu albern abgreift. Wie die meisten ersten Regiearbeiten weist auch Madonnas viel beachteter Auftakt einige frische Ideen und gut gelungene Aspekte auf, ebenso wie dramaturgische Schwächen und Überspitztheiten, die im Grunde keiner Seifenblase mehr gefährlich werden können. Dennoch ist Filth and Wisdom vor allem innerhalb des komischen, schamlos karikierenden Genres ein überraschend kurzweiliger Film, der auf Grund seiner variantenreichen Kameraführung von Tim Maurice-Jones beinahe bei Zeiten eine Comicstrip-Atmosphäre erzeugt, die durch das überzeichnete Agieren der Darsteller unterstrichen wird. Mutig ist der Film vor allem in dreierlei Hinsicht: Er verlässt sich auf die Zugkraft eines bisher nicht gerade berühmten Schauspielers als einzigen konsequenten Charakter, er enthält eine derbe Kritik an einem weithin akzeptierten und geschätzten Gutmenschentum und er scheut keine auch noch so gewaltigen Peinlichkeiten, die dadurch bereits wieder niedlich wirken – kein übler, schriller Trash für den Anfang.

Filth and Wisdom

A. K., Juliette und Holly teilen sich in London eine Wohnung. Während alle drei nach Höherem streben, ist ihr Alltag höchst mundän.
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