Electric Boogaloo

Electric Boogaloo

Eine Filmkritik von Gregor Ries

Kreativer Wahnsinn

Mit Electric Boogaloo – The Wild, Untold Story of Cannon Films, marktschreierisch übersetzt mit „Die unglaublich wilde Geschichte der verrücktesten Filmfirma der Welt“, begibt sich Regisseur Mark Hartley auf die Spuren eines der erfolgreichsten Studios der 1980er. Mit Action, Sex und Teenagerstoffen hatten die israelischen Cousins Menahem Golan und Yoram Globus, später bekannt als „Go-Go Boys“, reichlich Erfolg auf dem internationalen Markt, doch die Formel hielt nicht ewig.
Der Durchbruch gelang Golan, selbst ein produktiver, aber wenig stilsicherer Regisseur, und Globus mit der Eis am Stiel-Serie, deren Coming-of-Age-Thematik bald für eine verkaufsfördernde Mischung aus Sex, Liebesschmalz und pubertärem Klamauk aufgebrochen wurde. In Interviews unterstrich Golan stets sein Konzept, unterbeschäftigte Altstars wie Roger Moore, Robert Mitchum, Rock Hudson oder Charles Bronson, der sich mit der Death Wish-Reihe zu einem der Zugpferde des Studios entwickelte, oder Altregisseure wie J. Lee Thompson, John Frankenheimer oder Michael Winner zu engagieren. Daneben etablierte man Actionstars wie Chuck Norris, Jean-Claude van Damme oder Michael Dudikoff und lancierte Fortsetzungen zu Genrehits wie eben Death Wish, The Texas Chainsaw Massacre oder The Happy Hooker.

Viele der „Cannon“-Renner boten schon damals Trash pur, wie die American Warrior/Ninja-Reihe, doch Golans Anspruch war es, ebenfalls mit Filmkunst auf Festivals zu punkten. Daher finanzierte man Norman Mailers bizarren Thriller Harte Männer tanzen nicht oder Andrei Konchalovskys Südstaatendrama Shy People – Bedrohliches Schweigen, die es selten zu regulären Kinostarts schafften. Der Anfang vom Ende wurde mit teuren, aber faden Großprojekten wie Over the Top mit Sylvester Stallone, Masters of the Universe oder Superman 4 – Die Welt am Abgrund eingeleitet, der mit seinen schlechten Spezialeffekten wie ein Fünfziger-Movie wirkte.

Mark Hartleys Interviewpartner machen die Studioinsolvenz unter anderem an der Misswirtschaft der Go-Gos fest, die Gewinne stets in neue Projekte pumpten, ohne eine solide finanzielle Basis aufzubauen. Golans Nachfolgestudio „21th Century“ mit der gleichen Formel hielt jedenfalls nicht so lange, wie es der Name versprach. Heute setzen Cannons ehemalige Mitarbeiter und Hausregisseure unter dem Label „Nu Image/Millennium Films“ das gleiche Rezept aus überzogener Action, wenigen teuren Prestigeobjekten und etwas Arthouse fort.

Jedenfalls bietet Cannons Aufstieg und Fall den perfekten Stoff für einen Spezialisten des Exploitation-Kinos: Zuvor drehte Mark Hartley schon „Making of“-Features zu nahezu jedem modernen australischen Filmklassiker, darunter auch zu einigen Trash-Perlen. Offenbar fand er damit Geschmack am Grindhouse-Komplex, am Futter für Auto-, Bahnhofskinos und Videotheken. Hartley legte die sehenswerten Dokumentationen Not Quite Hollywood: The Wild, Untold Story of Ozploitation (2008) über das neuseeländische Actionkino und Machete Maidens Unleashed (2010) über die B-Picture-Produktion auf den Philippinen nach, die hierzulande leider nur auf Festivals zu sehen waren.

Das einzig Negative, was man Hartleys Arbeiten stets vorwerfen kann, ist der streckenweise Overkill an Informationen. Es mag auf seine Fülle an Material zurückzuführen sein, dass man besonders zu Beginn mit einem Sturm an Statements von Beteiligten, Anekdoten und kurzen Filmclips überfüttert wird. Davon abgesehen gelang mit Electric Boogaloo, benannt nach der Fortsetzung des erfolgreichen Street Dance-Films Breakin’, ein hintergründiger Blick auf die Geschäftsgebaren zweier Filmverrückter, die mit schrägen, mitunter zweifelhaften Methoden den Markt aufmischten. Einen Vertrag mit Jean Luc Godard kritzelte Menachem Golan etwa während der Cannes-Filmfestspiele in einem Lokal publicitytüchtig auf eine Servierte. Über Godards obskure King Lear-Adaption mit Molly Ringwald, Woody Allen und Norman Mailer erfährt man hier ebenfalls erhellende Details.

Es ist durchaus beachtlich, wen Mark Hartley von Richard Chamberlain, Bo Derek, Michael Dudikoff, Elliot Gould oder Franco Nero bis zu Regisseuren wie Tobe Hooper oder Franco Zeffirelli alles vor die Kamera holen konnte. Enge Mitarbeiter wie Eis am Stiel-Regisseur Boaz Davidson, heute einer der „Nu Image“-Köpfe, liefern einen humorvollen Blick auf den kreativen Wahnsinn der „Cannon“-Werkstatt. Mancher Beteiligte ist auf die Politik seiner früheren Arbeitgeber nicht gut zu sprechen, wie etwa Rusty Lemorande. Von dessen Film Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1988 ) wurden aufgrund des versiegenden Geldhahns nur acht Minuten gedreht, so dass sein Material am Ende mit einem Werk von Albert Pyun gekoppelt werden musste.

Ausgerechnet die Protagonisten Menahem Golan und Yoram Globus selbst verweigerten Hartley ein Gespräch. Beide hatten sich schon dem Konkurrenzprojekt The Go-Go Boys – The Inside Story of Cannon Films von Hilla Medalia zugewandt, das sogar früher fertig wurde und in Frankreich einen regulären Kinostart erhielt. Allerdings stellt dies kein wirkliches Manko dar, denn von dem inzwischen verstorbenen Golan und dem eher zurückhaltendenden Globus existiert genügend Interviewmaterial, das in Boogaloo stets einfließt. Dem Trailer nach griff Medalia in ihrer israelischen Dokumentation streckenweise auf das gleiche knallige Material zurück wie Hartley, wobei bei ihr die Familiengeschichte stärker im Fokus steht.

Hartleys kurzweiliger, extrem unterhaltsamer Parforceritt durch die grelle Achtziger-Kinowelt ist ein Muss für Fans des Exploitation-Kinos. Die entfallenen Szenen auf der DVD schneiden durchaus vermisste Aspekte wie die gescheiterten Marvel-Projekte oder Mailers makaberen Harte Männer-Krimi an, wobei die Blu-ray noch zusätzlich eine Trailershow der meisten erwähnten „Cannon“-Filme enthält. Dass Ascot/Elite Hartleys Dokumentarfilm nun veröffentlicht, hängt auch mit dem zeitgleichen Releasetermin mehrerer Cannon/21th Century“-Heuler wie Captain America oder Ninja 3 – Die Herrschaft der Ninja im eigenen Haus zusammen.

Electric Boogaloo

Mit „Electric Boogaloo – The Wild, Untold Story of Cannon Films“, marktschreierisch übersetzt mit „Die unglaublich wilde Geschichte der verrücktesten Filmfirma der Welt“, begibt sich Regisseur Mark Hartley auf die Spuren eines der erfolgreichsten Studios der 1980er.
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