Die Sprache des Herzens

Die Sprache des Herzens

Eine Filmkritik von Lida Bach

Im Dialog mit einem taubblinden Mädchen

Frankreich, Ende des 19. Jahrhunderts: Ein Bauer bringt seine halbwüchsige Tochter in eine von Ordensfrauen geführte Anstalt für taubstumme Mädchen. Aber Marie (Ariana Rivoire) ist nicht nur gehörlos, sondern auch blind. Als eine Nonne sie anfasst, schlägt sie um sich und flüchtet auf einen Baum. Die Oberin (Brigitte Catillon) weigert sich, das wilde barfüßige Mädchen mit dem ungekämmten Haar aufzunehmen. Aber der jungen Schwester Marguerite (Isabelle Carré) lässt die Isolation Maries keine Ruhe: "Wie kann man mit ihr sprechen, ihr zuhören?", schreibt sie in ihr Tagebuch. Sie ringt der Oberin die Erlaubnis ab, sich um das Mädchen zu kümmern. Obwohl Marie Vertrauen zu der sanften Marguerite fasst, deren Gesicht sie ausgiebig ertastet, wird es viele Monate dauern, bis sich die Kommunikation zwischen der Ordensschwester und ihrem Zögling weiter entwickelt.
Das Drama Die Sprache des Herzens des französischen Regisseurs Jean-Pierre Améris basiert auf einem realen Schicksal. Im Abspann erfahren die Zuschauer, dass Marie Heurtin leidenschaftlich gern Domino spielte und den taubblinden Mädchen, die nach ihr in die Anstalt kamen, ein Vorbild war. Sie starb 1921 im Alter von 36 Jahren. Als der Film beginnt, liegt vor der unerfahrenen Ordensschwester Marguerite eine Herkulesaufgabe: Sie ist beseelt von dem Wunsch, dem Mädchen eine Sprache beizubringen und es so in die Gemeinschaft der Menschen zu holen. Aber Marie ist kaum zu lenken und zu beeinflussen. Der Film zeigt ihr grundlegendes Problem sehr drastisch und einleuchtend am Beispiel der Tischmanieren, die ihr Marguerite antrainiert: Jede Aufforderung, etwas zu tun, erfährt Marie als körperlichen Zwang, denn man fasst sie unvermittelt an, führt ihren Arm, gibt ihr Dinge in die Hand, schiebt sie vorwärts, zerrt sie zurück. Marie wird davon regelmäßig überrascht, überrumpelt, versteht den Sinn nicht. Für Marguerite, die schier die Hoffnung verliert, kommen die Meilensteine in Maries Entwicklung dann ebenfalls ziemlich unerwartet, beim Schaukeln im Garten etwa.

Marie versteht sehr lange nicht, was ein Zeichen ist – dass man mit einer Bewegung der Hände die Begriffe für Messer, Karotte, Brot ausdrücken kann. Aber sobald sie das Prinzip der Sprache entdeckt, folgt eine sprunghafte Entwicklung. Man hätte gerne mehr darüber erfahren, wie Marie abstrakte Begriffe wie Geduld verstehen lernt, aber der Film stellt diese Fortschritte lediglich fest, wie Wunder. Mit seiner zielstrebigen und geradlinigen Erzählweise umschifft er auch die Klippen der Rührseligkeit oder die bange Frage, ob man Marie eventuell allzu sehr mit Glaubensfragen traktiert hat. Die Religion spielt nämlich eine erstaunlich geringe Rolle. Sobald Marie erst einmal Gefallen am Lernen entwickelt hat, hält ihr disziplinierter Weg des Fortschritts den ganzen Film auf Kurs. Marguerites Rolle beschränkt sich auf die Person der wohlwollenden Mentorin, die ihre Augen von ihrem Schützling nicht abwenden mag. Und obwohl der Film viele sinnliche Szenen hat, in denen es um Maries ertastete, erfühlte Erfahrungen geht, ist die Beziehung der beiden Charaktere nie überschwänglich oder aufwühlend. Die Kamera betrachtet sie bei aller Sympathie auch mit einer gewissen Distanz.

Isabelle Carré spielt Marguerite als fröhliche, neugierige Person, die Maries Wissbegierde mit einem strahlenden Lächeln beantwortet. Ariana Rivoire stellt Marie sehr glaubwürdig dar, auch indem sie ihr bis zum Schluss eine introvertierte, geheimnisvolle Aura und eine gewisse Unberechenbarkeit verleiht. Die Ruhe des Alltags in der Ordensanstalt, die sinnlichen Bilder im Grünen und die sanft begleitende Streichermusik verstärken die positive Atmosphäre der Geschichte behutsam. Der solide kleine Film bietet keine inszenatorischen Höhenflüge, sondern erzählt mit einfachen Mitteln, was eine von Zuneigung geprägte Beziehung zu leisten vermag.

(Bianka Piringer)
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Der Weg aus der Stille


Sie ist die Tochter meiner Seele", sagt die idealistische Ordensschwester Marguerite (Isabelle Carré) über ihre Schülerin Marie (Ariana Rivoire), im Stillen zu sich selbst und laut als Hintergrundmonolog für das Publikum. Letztes braucht dabei eigentlich gar nicht solche emphatischen Bekenntnisse, um mit der jungen Hauptfigur von Jean-Pierre Améris auf realen Begebenheiten basierendem Melodram Die Sprache des Herzens zu fühlen.

Diese Hauptfigur ist, anders als der Name des französischen Originals Marie Heurtin vermuten lässt, nicht die taubstumme und blinde Titelgestalt. Vielmehr ist es die lungenkranke, doch von unermüdlichem Enthusiasmus getriebene Nonne, die in die abgeschlossene Welt des Mädchens durchdringt, welcher der Film folgt. Nicht nur die Erzählperspektive der Fremdsicht auf das Mädchen, welches im Jahr 1885 von ihren überforderten Eltern in die Klosterschule gegeben wird, erinnert unweigerlich an die Biografie Hellen Kellers und Arthur Penns darauf basierendes Meisterwerk The Miracle Worker. Auch in den Entwicklungsstadien der des anfangs scheinbar fruchtlosen Lehrprozesses ähneln sich die Plots. Bei ihrer Ankunft reagiert Marie aus Frustration über die Kommunikationsbarriere gegenüber ihrem Umfeld auf dieses oft aggressiv. Schließlich erlebt sie ihren entscheidenden Moment der Erkenntnis mit dem Begreifen des ersten Wortes und somit des Konzepts von Sprache. Ihre Integration in ein normales Umfeld scheint von hier an eine Frage des reinen Dekorums. Dennoch gelingt es Améris Dank der guten Darstellerinnen ein eigenes empfindsames Drama zu erzählen, wenn er sich auf die innige Beziehung Maries und Marguerites konzentriert. Leider verharrt der Regisseur und Drehbuchautor wie Marie, die trotz der gefeierten geistigen Befreiung das Schwesternkloster aus unerklärten Gründen zeitlebens nie verlässt, auf vertrautem Handlungsterrain, statt die komplexeren Aspekte der seelischen Bindung zu erkunden.

So zeigt der an sich spannende Blick auf ein bisher nahezu unbekanntes Leben lediglich die bekannte Figur einer selbstlosen Lehrerin, in deren Einsatz bis zum Tod in diesem besonderen Falle sogar ein religiöser Opfergedanke anklingt. Gott wolle, dass sie Marie die Sprache vermittele – und dazu ein christliches Weltbild - argumentiert Marguerite gegenüber der zweifelnden Oberschwester (Brigitte Catillon),. Dieser Überzeugung folgt sie ungeachtet ihrer angegriffenen Gesundheit, die sich stetig verschlechtert. Im Sterben kann Marguerite den Tod, von dem sie an anderer Stelle so geradeheraus spricht, dann doch nicht widerstandslos hinnehmen und muss ihrerseits eine Lektion erhalten. Ihr Verhalten spiegelt Maries einstigen Trotz gegenüber der unsichtbaren Welt um sie herum. Die Schülerin, die ihre Lehrerin und engste Vertraute nun pflegt, ist hingegen durchaus in der Lage – natürlich tränenreich - Abschied zu nehmen und Marguerite dadurch etwas über spirituelle Genügsamkeit beizubringen. Lehrerin und Schülerin haben die Plätze getauscht. Nun, da Marguerite in der Handlung und scheinbar auch im Leben überflüssig geworden ist, verschwindet sie aus beiden. Die Rolle der engagierten Unterrichterin, die zukünftig andere Taubblinde aus der Sprachlosigkeit leiten wird, übernimmt Marie. Deren geistige Stimme beschließt den Film, jetzt, da Marguerite verstummt ist. Doch auch die zweite Erzählerin schweigt über inszenatorische Anachronismen wie moderne Kleidung und narrative Vagheiten.

Warum hat sich zwischen Marie und ihren als fürsorglich und liebend dargestellten Eltern augenscheinlich keine Form von Verständigung durch Gebärden entwickelt? Warum gewöhnten sie die Tochter nicht von klein auf an grundlegende soziale Anforderungen des sozialen Miteinanders wie Körperpflege und Kleidung? Warum verbietet Marguerite den Schwestern, Marie ihr krankheitsbedingtes Fortreisen zu erklären? Was hat es mit dem frühen Tod Maries im Alter von nur 35 Jahren auf sich? Und lagen die bemerkenswertesten Erfolge ihres späteren Lebens tatsächlich, wie eine Textkarte nahelegt, im Domino?

Die Sprache des Herzens findet keinen Platz für Antworten, wohl aber für so manche pathetischen Töne. Die aber bringen letztendlich kein Licht in das Dunkel, welches das ambitionierte Werk so gern überwinden möchte.

Die Sprache des Herzens

Frankreich, Ende des 19. Jahrhunderts: Ein Bauer bringt seine halbwüchsige Tochter in eine von Ordensfrauen geführte Anstalt für taubstumme Mädchen. Aber Marie (Ariana Rivoire) ist nicht nur gehörlos, sondern auch blind. Als eine Nonne sie anfasst, schlägt sie um sich und flüchtet auf einen Baum. Die Oberin (Brigitte Catillon) weigert sich, das wilde barfüßige Mädchen mit dem ungekämmten Haar aufzunehmen.
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