Der Übergang

Der Übergang

Eine Filmkritik von Peter Osteried

Kein 08/15-Hüttenhorror, sondern was für den (skalpierten) Kopf

Als Genre-Fan kann man erahnen, was passiert, wenn mehrere Personen in eine einsame Waldhütte kommen. Bei Der Übergang ist dies deutlich schwieriger, denn was wie Der große Frust beginnt, wird schließlich zu einem dichten, intensiven Thriller mit überlappendem SF-Element. Was langsam anfängt, wird schließlich zu einem mitreißenden Stück Genre-Kino, das dem Zuschauer nicht alles vorkaut, sondern auf dessen Lust und Fähigkeit zur Interpretation setzt.
Vor Jahren hat Tyler seine Mutter ermordet und dann seine Freunde angegriffen, als sie ihn im Haus fanden. Er kam in die Psychiatrie, ist nun aber nach vielen Jahren wieder frei. Er ist geheilt, so sagt man. Und nach all diesen Jahren wollen sich die Freunde wieder treffen. Die Zeit ist nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Manche haben geheiratet, andere haben Glatzen bekommen, wieder andere Karriere gemacht oder auch im Berufsleben versagt. Nun sind sie jedoch zusammengekommen, um in einer Hütte im verschneiten Wald zu feiern und sich an die alten Zeiten zu erinnern. Sie sind auch bereit, Tyler eine neue Chance zu geben. Tatsächlich schlägt er sich gut, aber bei einem nächtlichen Spaziergang findet er im Wald einen Korridor aus Licht. Er glaubt, wieder wahnsinnig zu werden und bringt seine Freunde tags darauf an den Ort. Auch sie sehen die ungewöhnliche Erscheinung. Sie finden aufregend, was sie gefunden haben, doch keiner von ihnen ahnt, welche Macht der Korridor über sie erlangt. Der Korridor sucht nach einer Verbindung – zu den Menschen, zu deren dunkelsten Emotionen…

Obschon hier eigentlich nicht viel passiert und die Handlungsträger nur miteinander reden, schafft es Regisseur Evan Kelly dennoch, eine Atmosphäre der Bedrohung aufzubauen. Es sind die Bilder, die hier in Harmonie mit der ätherischen Musik sind, und die den Zuschauer nie ganz zur Ruhe kommen lassen. Dennoch muss man auch sagen: In der ersten Hälfte des Films ist Geduld gefragt, denn oberflächlich betrachtet passiert nicht viel. Erst als der Korridor entdeckt wird nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf.

Der Film bietet Erklärungsmodelle, aber führt diese nicht soweit aus, dass sie allgemeingültig sind. Vielmehr fordert er den Zuschauer heraus, aus den Vorgaben seine eigene Interpretation zu gestalten. Man könnte sagen, dass der Korridor, der wächst und eine Verbindung zu den Menschen aufbauen will, eine Manifestation des zivilisatorischen Kontextes ist. Aber sein Ziel ist es nicht, Beschränkungen aufzubauen, sondern sie niederzureißen. Es gibt einen Grund, warum der Mensch in Gesellschaften leben kann. Weil er gewalttätige Impulse unterdrückt, weil er nicht loszieht und seinen Nachbarn erschlägt. Aber was, wenn die Blocker, die uns alle auf Linie halten, entfernt werden?

Wenn man jung ist, hört man von allen Seiten, dass man werden kann, was man will. Dass der Himmel das Limit ist und einem alles möglich ist. Doch je älter man wird, desto klarer wird auch, dass die Realität dieser schönen Idee Grenzen aufzeigt. Nicht jeder ist dazu bestimmt, Großes zu leisten. Tatsächlich sind es die wenigsten. Aber was fängt man mit einem Leben an, das keinen Sinn hat und keinem Ziel folgt? Der Film ist im besten Sinne eine Charakterstudie, weil er Menschen zeigt, die von der Realität gebrochen wurden und die nun durch den Korridor freigesetzt werden, aber zugleich Häftlinge eines neuen Gefängnisses sind: ihren eigenen Psychosen. Der Übergang funktioniert auf zweierlei Art. Als psychologisches Drama, aber auch als handfester Horrorfilm, denn im letzten Drittel wird der Gewaltpegel ganz schön nach oben gedreht. Grandios ist dabei aber auch, dass viele der Gräueltaten gar nicht gezeigt werden, aber in ihrer filmischen Beschreibung so intensiv sind, dass man glaubt, sie gesehen zu haben.

Die durchweg unbekannten Schauspieler (abgesehen von einem kleinen Auftritt von Nigel Bennett, Vampirfans als Lacroix aus der Serie Nick Knight bekannt) liefern erstaunlich gute Leistungen ab. Sie sind exzellent darin, erst den Schmerz des Verlustes (des Glaubens an sich selbst, ihrer geistigen Gesundheit, ihrer Träume und so vielem mehr) und dann den Abstieg in den Wahnsinn zu porträtieren. Der Übergang ist ein kleiner, effektiver Horror-Film mit SF-Element, der von einer traumwandlerischen, bedrohlichen Atmosphäre getragen wird. Kein Film für jedermann, aber Genre-Kost für ein anspruchsvolles Publikum.

Der Übergang

Als Genre-Fan kann man erahnen, was passiert, wenn mehrere Personen in eine einsame Waldhütte kommen. Bei“ Der Übergang“ ist dies deutlich schwieriger, denn was wie „Der große Frust“ beginnt, wird schließlich zu einem dichten, intensiven Thriller mit überlappendem SF-Element. Was langsam anfängt, wird schließlich zu einem mitreißenden Stück Genre-Kino, das dem Zuschauer nicht alles vorkaut, sondern auf dessen Lust und Fähigkeit zur Interpretation setzt.
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