Der König und der Vogel

Der König und der Vogel

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein schelmisch-melancholisches Kleinod der Animationskunst

Im Frühjahr 1980 kam ein Zeichentrickfilm von Paul Grimault in die französischen Kinos, der noch vor seinem Erscheinen mit dem Prix Louis Delluc ausgezeichnet wurde und dessen Drehbuch auf der Zusammenarbeit des Regisseurs mit dem Autoren Jacques Prévert nach dem Märchen Die Hirtin und der Schornsteinfeger von Hans Christian Andersen beruht. Bereits 1952 erschien unter dem Titel La bergère et la ramoneur („Die Hirtin und der Schornsteinfeger“) eine unvollendete Fassung dieses Stoffes, die bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt und beinahe dreißig Jahre später als Der König und der Vogel vollendet und optimiert wurde. Im Jahre 2003 und erneut im Juli 2013 fand dieses schelmisch-melancholische Kleinod der anspruchsvollen Animationskunst, das aus dem Bildmaterial der 1950er und 1980er Jahre besteht und von 2001 bis 2003 fotochemisch und digital aufbereitet wurde, abermals seinen Weg in französische Lichtspielhäuser und ist nun erstmals auf DVD bei Studiocanal in Deutschland erhältlich.
Es ist der mutige, humorvolle Vogel in Frack und Zylinder mit dem frechem roten Schnabel, der gerade seine geliebte Gattin verlor, nunmehr allein für den lebhaften, vierköpfigen Nachwuchs sorgt und die Geschichte des hartherzigen, egomanischen Königs von Takicardie erzählt, der es als passionierter Jäger ganz besonders gern und grausam auf lebendige kleine Flugsubjekte abgesehen hat. Es ist eine futuristisch anmutende Welt mit einem etliche Stockwerke aufragenden, elektronisch raffiniert und mit unzähligen Falltüren ausgestatteten Schloss, wo der einsame König residiert und mit unnachgiebiger Repression seine eingeschüchterte Gefolgschaft regiert, während sein Volk erbärmlich in einer düsteren, abgeschirmten Unterstadt haust. Allein der Vogel wagt es, ihm kräftig und unerschütterlich Paroli zu bieten und steht damit auf der Abschussliste von „Charles dem V. und III. gleich VIII. und VIII., also XVI.“ ganz oben, wobei das bunteste und wildeste seiner Vogelkinder immer wieder in die Fallen des Königs gerät und ständig gerettet werden muss.

Tagsüber grast der König mit seinem Stab in Staatsgeschäften die trostlosen Stockwerke seines Palastes ab, lässt sich besonders gern in jedweder künstlerischen Form porträtieren und befördert in Ungnade gefallene Gestalten massenweise und blitzschnell in die Versenkung. Am Abend jedoch, allein in seinem Schlafgemach, gibt sich der König sentimentalen Schwärmereien um das Bildnis einer jungen Schäferin hin, das seine Wand ziert, während er das gegenüberliegende Gemälde eines Schornsteinfegers verabscheut. Eines Nachts ereignen sich magische Umtriebe dort: Die Statuen und Bilder erwachen zum Leben und verlassen ihre starren Positionen, um fortan selbst ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, und das neue Portät des Königs in Jägerpose nimmt kurzerhand dessen Platz ein, während er selbst nun Opfer seiner eigenen Fallen wird. Auch den ausgetauschten König gleichen Charakters verlangt es nach der Schäferin, die jedoch bereits liebreizenden Kontakt zum Schornsteinfeger aufgenommen hat, der mit ihr die Flucht ergreift.

Im Verlauf der spannenden Verfolgungsjagd durch die Höhen und Tiefen des Königreichs verbündet sich der Vogel mit der Schäferin und dem Schornsteinfeger, und es gelingt ihnen immer wieder, den bestens ausgerüsteten Schergen des Königs knapp zu entkommen – bis sie schließlich doch geschnappt werden und die Schäferin zur Hochzeit mit dem König gezwungen werden soll, während der Vogel und der Schornsteinfeger ins Arbeitslager verbannt werden. Als sie dort aufgrund der Verunglimpfung von Königs-Büsten zum Tode durch die Raubtiere des Regenten verurteilt werden, schlagen sich diese – bezaubert von der Musik eines blinden Leierkastenspielers aus der Unterstadt – auf die Seite der Revolutionäre, die fest entschlossen sind, wieder Sonne, Frohsinn und Freiheit für Menschen und Tiere in Takicardie zu erkämpfen. Doch zunächst gilt es, die Schäferin zu retten, die im Rahmen einer prunkvollen Zeremonie bereits widerwillig mit dem König vermählt wurde …

Die ideenreiche, sorgfältige Adaption eines starken, klassischen Stoffes, das ästhetisch ausgesprochen ansprechend gestaltete Szenario einer grausamen Diktatur und ihres Niedergangs, die atmosphärisch dichte und facettenreiche Musik von Wojciech Kilar sowie die gehaltvollen Dialoge und Chansontexte von Jacques Prévert lassen einen ganz charmanten, berührenden und dabei pfiffigen Zeichentrickfilm entstehen, der es vermag, kindliche wie erwachsene Gemüter gleichermaßen zu faszinieren. Die ausdrucksvolle Dynamik von Der König und der Vogel wird von einer mal hintergründigen, dann wieder plakativ witzigen Symbolik flankiert, und das weite Spektrum der menschlichen und tierischen Stimmungen dieses Films reicht von sanfter Schwermut bis hin zu explosiver Euphorie, so prägnant wie filigran visualisiert. Im Grunde sind es zwei Werke des 1989 mit dem Ehren-César ausgezeichneten Paul Grimault, die auf dieser DVD präsentiert werden, denn als Extra ist dessen letzter, selbstreferenzieller Film Tischrücken / La table tournante von 1988 enthalten, der durch seine wunderschöne Geschichte von der Arbeit des Zeichentrickfilmers im Spannungsfeld zwischen gewöhnlicher Realität und Fiktion besticht und ein wahrhaft würdiges Abschiedswerk darstellt.

Der König und der Vogel

Im Frühjahr 1980 kam ein Zeichentrickfilm von Paul Grimault in die französischen Kinos, der noch vor seinem Erscheinen mit dem Prix Louis Delluc ausgezeichnet wurde und dessen Drehbuch auf der Zusammenarbeit des Regisseurs mit dem Autoren Jacques Prévert nach dem Märchen „Die Hirtin und der Schornsteinfeger“ von Hans Christian Andersen beruht.
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