Datsche (2018)

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Kleingartenanlagen ruft bei vielen Menschen Assoziationen an deutsche Regelungswut und soziale Kontrolle am Gartenzaun hervor. Das geht auch Lara Hewitt so, die eine Datsche trotzdem zum Traum von Sommeridylle und friedlichem Miteinander inspiriert hat.

Datsche (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Der Charme der regelwidrigen Parzellennutzung

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls hat auch die ostdeutsche Datsche, das Wochenendhaus mit Kleingarten, eine Würdigung verdient. Anders als der in Westdeutschland lange als spießig verrufene Schrebergarten erfreute sich die Datsche in der DDR großer Beliebtheit. Fast jeder zweite Haushalt genoss am Wochenende die kleine Freiheit und Idylle abseits der Plattenbauten und des reglementierten Alltags. Die Wiedervereinigung machte das Konzept der Laubenkolonie nicht zunichte, eben weil die Liebe zum Kleingarten ja eine gesamtdeutsche ist. Mittlerweile sind Schrebergärten auch bei jüngeren Stadtmenschen, die sich nach Buddeln in der Erde und selbst angebautem Gemüse sehnen, begehrt.

Die britische Künstlerin Lara Hewitt, die von 2012 bis 2017 in Berlin lebte, ließ sich dort ebenfalls vom Wunsch nach einer Datsche infizieren. Sie bekam eine Parzelle bei Potsdam, doch die Schrebergartenvereinigung rügte alsbald den ungepflegten Zustand des Gartens. Hewitt beschloss, ihren ersten Spielfilm in der Kolonie zu drehen, der mit den Worten „In liebevoller Erinnerung“ schließt. 

In dieser fröhlichen Geschichte verknüpft sie die kleingärtnerische Leidenschaft und Vereinsmeierei der Deutschen kreativ mit dem europäischen Gedanken eines interkulturellen Zusammenlebens. Die sommerliche Utopie im Film preist die Idee einer bunten Gemeinschaft, die sich gegen Vorbehalte am Gartenzaun durchsetzt, Reibereien verkraftet und auch die Attacken eines Ausländerfeindes übersteht. Der liebevoll spöttische Blick Hewitts auf deutsche Eigenheiten und den Culture Clash, den ausländische Sommergäste in der Kleingartenkolonie erleben, verleiht dem Film originellen und treffsicheren Humor.

Der junge New Yorker Valentin (Zack Segel) besucht zum ersten Mal die Datsche bei Potsdam, die er von seinem verstorbenen Großvater geerbt hat. Kaum steht er vor dem Gartentürchen, blafft ihn ein älterer Radfahrer wegen des Koffers an, der angeblich eine Unfallgefahr auf dem Weg darstellt. Die Schrecken fangen da erst an für Val. Herr Winter (Karl-Heinz Schulze), der Präsident des Kleingartenvereins, schaut vorbei und übergibt ihm ein Handbuch, damit er den Garten in Ordnung bringt und die Regeln der Anlage beachtet. Auf dem Dachboden der Datsche schläft zu Vals Überraschung ein Mann. Er heißt Adam (Kunle Kuforiji) und ist abgelehnter Asylbewerber aus Äthiopien. Aus Angst vor der Abschiebung versteckt er sich hier und Val verspricht ihm, dass er das weiter tun darf. Adam liebt außerdem das Gärtnern, er zeichnet Blumen und hegt in einem vor Blicken geschützten Streifen zwischen zwei Hauswänden ein paar Pflanzen. 

Doch zu Adams Entsetzen bringt Val schon bald ein paar Gäste ins Haus. In Potsdam hat Val nämlich den Argentinier Zorro (Juan Lo Sasso) kennengelernt, der für ein paar Tage einen Platz zum Schlafen sucht. Weil Val ihm sagt, dass er keine Leute kennt, lädt Zorro auf einer Internetplattform kurzerhand zwei Fremde ein. Es kommen der zackig-korrekte Stefan (Luis Lüps) aus Bayern und die schöne, lebenslustige Griechin Maria (Celine Yildirim). Die Gäste ermutigen Adam, sich frei in Haus und Garten zu bewegen. Die fünf jungen Leute verbringen trotz großer Mentalitätsunterschiede schöne Tage, essen zusammen, nehmen den Garten in Angriff, in dem Stefan sein Zelt verbotswidrig aufstellt. Doch Präsident Winter nimmt ihm das bunte Treiben überraschenderweise gar nicht so übel. Marias Charme hat seine Wirkung getan. Bald finden sich andere ältere Kleingartenbewohner mit der Kaffeetasse in der Hand am Gartenzaun ein und wechseln mit den Neuen freundliche Worte. 

Val und seine Gäste stellen eine komödiantisch ergiebige Gruppe dar, weil sie aus zum Teil konträren Charakteren besteht. Stefan ist die Karikatur eines Musterdeutschen, der Papier und Stift verlangt, als Val ihm seine drei Hausregeln mitteilt. Luis Lüps bringt diesen Charakter herrlich satirisch zur Geltung, bis in kleinste Gesten, wenn sich Stefan beispielsweise mit einem Blick auf die Armbanduhr zur Eile antreibt. Mit entwaffnender Unbekümmertheit lässt der Film Stefan aber in seinem Antagonisten, dem lässigen Drogendealer und Lebenskünstler Zorro, einen Freund sehen. Aber wer sich auf Couchsurfing einlässt, bringt ja auch eine grundsätzliche Offenheit mit und die Bereitschaft, das Verbindende zu suchen. Wenn Val und seine Gäste in Konflikte schlittern, weist ihnen das Gruppenerlebnis zugleich auch neue Möglichkeiten, sie zu überwinden. 

Nur einer stemmt sich erbittert gegen den frischen Wind, den die Gruppe in die Kolonie bringt. Gregor (Christian Harting) späht Vals Parzelle mit dem akribischen Ernst eines Stasi-Mannes aus. Er will die „Ausländer“ nicht dulden, befürchtet den Untergang der deutschen Kultur und führt vor, wie rasch verbaler Hass in Gewalt umschlagen kann. Hewitt zeigt sich mit dieser naiven, fröhlichen Sommergeschichte davon überzeugt, dass die deutsche Gesellschaft nationalistische und rechtsextreme Tendenzen überwinden kann. Es ist tatsächlich verlockend, den Gemeinschaftsgedanken einer Kleingartenkolonie auch als Modell für ein friedliches Miteinander von Nachbarn verschiedener kultureller Prägung zu begreifen. Die Freude am Gärtnern kann ansteckend sein.

Datsche (2018)

Ein Sommer, viele Grillwürstchen und offene Gartentüren sind mitunter alles, was es braucht, um sich darauf zu besinnen, dass uns viel mehr miteinander verbindet als trennt. Ein Film für alle, die sich nach Heimat sehnen oder sie bereits gefunden haben. Ein Liebeslied auf Deutschland und die Kraft, die in der Gemeinschaft liegt … und das alles in einem Film, für den sich eine gebürtige Engländerin verantwortlich zeichnet.

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