Colombianos

Colombianos

Eine Filmkritik von Kirsten Kieninger

Familienbande und andere Fallstricke

Dieser Film liefert gekonnt ab: eine packende Story, Protagonisten mit starker Leinwandpräsenz, sehenswerte Bilder, geschmeidige Montage, überzeugender Musikeinsatz, reibungslose Dramaturgie, emotionale Momente, großes Kino. Ein perfekter Film – und dafür ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm der 55. DOK Leipzig. Denn Colombianos ist kein Spielfilm, auch wenn er ganz wie einer rüberkommt. Für einen Dokumentarfilm vielleicht ein wenig zu perfekt gestaltet, um wirklich noch authentisch zu sein?
Doch das fragen wir uns erst später, denn zunächst lassen wir uns gerne 90 Minuten lang mitreißen von der dramatischen Geschichte um zwei ungleiche Brüder: Pablo und Fernando sind bei ihrer kolumbianischen Mutter Olga in Schweden aufgewachsen. Fernando ist inzwischen nach Kolumbien gezogen, studiert dort Medizin, hat eine Freundin und sein Leben gut im Griff. Der jüngere Pablo wohnt noch zuhause in Stockholm, zieht mit seinem geliebten Pitbull Mixtra und seinen Kumpels durch die Stadt und dröhnt sich mit Alkohol und Drogen zu. Gegensätzlicher könnten die beiden nicht sein. Dort der aufstrebende Student, der seine Zukunft fest im Blick hat und hier sein kleiner Bruder, mit glasigen Augen, ohne Plan, immer kurz vor dem Absturz.

Um Pablo vor dem völligen Absturz zu bewahren, nimmt Fernando ihn bei sich in Medellín auf und arbeitet ein persönliches Entgiftungs-, Sport- und Resozialisierungsprogramm für ihn aus. Innerhalb von sechs Monaten soll der kleine Bruder clean und fit für seine Zukunft werden. Pablo lässt sein Stockholmer Umfeld hinter sich und joggt mit seinem Bruder durch Medellín. Doch seine Sucht holt ihn trotz Fernandos Fürsorge wieder ein. Während der große Bruder noch stolz ist, dass Pablo auch ganz ohne Alkohol kann, hat der Zuschauer diesen schon beim heimlichen Trinken gesehen. Während Fernando noch glaubt, mit dem Gitarrenunterricht für Pablo einen guten Griff gemacht zu haben, kifft der kleine Bruder schon fröhlich mit dem Gitarrenlehrer. Bis auch Fernando endlich begreift, dass seine Fürsorge ins Leere läuft und Pablo schließlich einwilligt, in eine Entzugsklinik zu gehen.

Doch kaum wieder entlassen, ist Pablo zurück auf dem alten Trip, heftiger als vorher. Das ruft Mutter Olga auf den Plan, die nun verzweifelt – aber dennoch fotogen wie eine echte Telenovela-Dramaqueen – in Medellín auf der Matte steht, um ihrem Kleinen auf die Füße zu treten. Die Familienbande sind eng, zu eng für Pablo, der jetzt nur noch einen Ausweg sieht: er muss sich davon lösen. Gegen den Widerstand von Bruder und Mutter beschließt er, alleine nach Stockholm zurück zu gehen, um seinen eigenen Weg zu finden.

Über vier Jahre hinweg hat die schwedische Filmemacherin Tora Mårtens ihre drei Protagonisten in Schweden und Kolumbien begleitet. Sie ist ganz nah dran an Pablo, Fernando und Olga, an ihren Gesprächen, Sorgen und Handlungen. Sie montiert ihr Material szenisch, verdichtet gekonnt und schafft es, den dramaturgischen Bogen so zu spannen, dass jede Szene voll ins Schwarze trifft, die 90 Filmminuten wie im Flug vergehen und dabei auch emotional mitreißen: energiegeladen, nachdenklich, humorvoll, tragisch und hoffnungsvoll.

Am Ende wischt man sich die eine oder andere Träne der Rührung aus den Augenwinkeln und denkt: Wow, was ist das für ein Film! Dann reibt man sich die Augen und überlegt: Was für ein Film ist das? Ein Dokumentarfilm, der seine Protagonisten bei ihrer Joggingrunde auf den Straßen der Stadt mal eben aus vier ausgewählten Kamerapositionen ablichtet: vom Bürgersteig, aus einem parallel fahrenden Auto heraus, von einem Haus herunter und – man staunt – sogar durch Flugaufnahmen. Ein beobachtender Dokumentarfilm, bei dem die Kamera selbstverständlich dabei ist, wenn der Protagonist heimlich trinkt und sich auf dem Dach versteckt, um unbemerkt zu kiffen. Ein Dokumentarfilm, der wirklich alle entscheidenden Momente, Aktionen und Gespräche im Bild hat, um perfektes Storytelling abzuliefern.

Und schon beginnt die Frage zu nagen, inwieweit das lediglich am glücklichen und formbewussten Händchen der Filmemacherin liegt, oder ob die Regisseurin an diesem dokumentarischen Glücksgriff noch ein wenig gedreht hat. Was wurde extra für die Kamera (nach-)inszeniert? Welche Dialoge nur auf Regieanweisung so pointiert geführt? Dass die Protagonisten und ihre ganze Geschichte authentisch sind, daran will ich auch in Zeiten von Scripted Reality und This ain't California noch gerne glauben. Doch je mehr heute die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarischem verschwimmen oder vorsätzlich verwischt werden, desto misstrauischer wird der Blick auf die Leinwand. Notgedrungen. Schade eigentlich. Das Austesten von Genre-Grenzen und Ausreizen von Zuschauererwartungen ist ein hochinteressantes Feld, auf dem sich viele tummeln und dessen Ränder immer wieder neu abgesteckt werden. An einer einzigen Spielregel allerdings würde ich mich gerne orientieren: Verantwortungsbewusstsein und Fairplay des Filmemachers gegenüber seinen Protagonisten und dem Zuschauer. Ich will gerne darauf vertrauen, dass auch Tora Mårtens sich daran orientiert hat. Denn dann ist Colombianos tatsächlich ein sehenswerter Film und würdiger Preisträger der Goldenen Taube für den Besten Dokumentarfilm.

Colombianos

Dieser Film liefert gekonnt ab: eine packende Story, Protagonisten mit starker Leinwandpräsenz, sehenswerte Bilder, geschmeidige Montage, überzeugender Musikeinsatz, reibungslose Dramaturgie, emotionale Momente, großes Kino. Ein perfekter Film – und dafür ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm der 55. DOK Leipzig.
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