Tanz der toten Seelen (1962)

Tanz der toten Seelen (1962)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein Klassiker des Horrorfilms – im neuen Gewand

Es beginnt alles recht harmlos: An der roten Ampel einer namenlosen Stadt irgendwo in den USA vereinbaren zwei junge Männer in einem Auto mit drei Frauen ein Wettrennen. Kaum schaltet die Ampel auf Grün, jagen die Wagen los und liefern sich einen harten Fight auf der Landstraße. Als die beiden Fahrzeuge eine Holzbrücke passieren, gerät der Wagen der Frauen ins Schleudern, durchbricht das Geländer und stürzt in den Fluss. Die eiligst einberaumte Suche nach eventuellen Überlebenden bringt kein Ergebnis. Bis eine der drei Frauen, die junge Organistin Mary Henry (Candace Hilligoss), Stunden nach dem Unfall, scheinbar unverletzt aus dem Wasser steigt. Was sie in der Zeit nach dem schrecklichen Unfall erlebt, das zeigt der Regisseur Herk Harvey, dessen einziger (Spiel-)Film Carnival of Souls (dt. Titel: Tanz der toten Seelen) bleiben sollte, auf sehr eindrückliche Weise, die bis heute erhebliche Folgen für die weitere Entwicklung des Horror- und Mystery-Genres gehabt hat. Filme wie jene von David Lynch oder die Werke von M. Night Shyamalan wären ohne diesen Streifen, der in den 1960ern an den Kassen der US-amerikanischen Autokinos (ach, seelige Zeiten waren das damals...) grandios floppte, schlichtweg nicht denkbar.

Ganz ohne Gemetzel und Splatter-Effekte lässt Herk Harvey seine Heldin durch eine befremdliche Zwischenwelt irren, in der sie immer wieder entsetzlichen Gestalten begegnet. Erscheinungen, die der jungen Frau klar machen, dass mit ihr etwas nicht stimmen kann. Sind es die Folgen des Unfalls? Oder Erscheinungen eines verwirrten Geistes, der das Unglück und den Tod der beiden Freundinnen nicht verwunden hat? Spät erst erkennt Mary die ganze grausame Wahrheit und realisiert, was ihr wirklich widerfahren ist. Und dass auch sie dem Tod nicht entrinnen kann.

Carnival of Souls, der heute in unzähligen Artikeln und Veröffentlichungen hymnisch gefeiert wird, sollte der einzige Spielfilm Harveys bleiben. Der Regisseur, der sein Geld vor allem mit Schulungs- und Werbefilmen verdiente, sollte den späten Triumph seines Werkes bei der Veröffentlichung auf DVD nicht mehr miterleben – Harvey starb im Jahr 1996 an den Folgen einer Krebserkrankung. Sein Film Carnival of Souls aber lebt heute noch fort und ist ganz und gar nicht untot, sondern quicklebendig und inspirierend wie eh und je. Trotz etlicher kleiner Anschlussfehler ist Carnival of Souls ein kleines, großes Meisterwerk mit einem gespenstischen Gespür für Atmosphäre und Spannung. Und darüber hinaus eine stete Mahnung an die Allgegenwärtigkeit des Todes, an ein Leben, das rasch, viel zu rasch vorbeifliegen kann. Wahrscheinlich liegt hierin das wahre Grauen dieses Films: Dass er zeigt, wie schnell alles vorbei sein kann, wie leicht und beinahe unbemerkt wir vom Leben in den Tod gleiten, wie sehr wir doch am Leben hängen, uns daran festklammern. Weil es alles ist, was wir haben.

Wer den Film, den man auf gar kein Fall verpassen haben sollte, schon kennt, für den hält diese Neuveröffentlichung von Sunfilm Entertainment trotzdem noch eine gehörige Überraschung parat. Denn zum ersten Mal präsentiert sich diese dunkel schimmernde und oft übersehene Perle des Horrorfilms in einer nachkolorierten Fassung, die es so in der Aufführungsgeschichte dieses Films nie gab. Ob diese Neufassung allerdings der Weisheit letzter Schluss darstellt, ist doch eher fraglich: Harveys Grusel lebt gerade von der Reduktion auf das Allernötigste, von der Ökonomie der Inszenierung und den wundervoll arrangierten Bilder des Kameramanns Maurice Prather. Diese wiederum entfalten vor allem in Schwarzweiß ihre volle Wirkung.

Obgleich behutsam und passend zum Stil und zum Entstehungszeitraum des Werkes koloriert, wirkt sich die Farbgebung vor allem bei dem Make-up der Untoten nicht immer positiv auf den Film aus. Was in Schwarzweiß durchaus zum Gruseln anregt, sieht in der neuen Fassung eher aus, als habe es eine ambitionierte Maskenbildnerin etwas zu gut gemeint mit dem übermäßigen Farbauftrag. Wobei man sich dann schon fragen muss, was eigentlich der tiefere Sinn der Nachkolorierung ist? Filmhistorisch jedenfalls gibt es dafür keinen Grund.

Wer sich übrigens durch den Unfall auf der Brücke und die schlussendliche Auflösung an Christian Petzolds Film Yella erinnert fühlt, befindet sich durchaus nicht auf dem Holzweg. Denn Carnival of Souls, jener für gerade mal 30.000 Dollar realisierte und immer noch viel zu unbekannte Kultklassiker diente als Vorbild für diesen Film. Das hier ist aber das Original – und sollte in keiner gutsortierten Horrorsammlung fehlen. Auch wenn es nicht unbedingt die neue Farbversion dieses Filmes sein muss.

Tanz der toten Seelen (1962)

Es beginnt alles recht harmlos: An der roten Ampel einer namenlosen Stadt irgendwo in den USA vereinbaren zwei junge Männer in einem Auto mit drei Frauen ein Wettrennen. Kaum schaltet die Ampel auf Grün, jagen die Wagen los und liefern sich einen harten Fight auf der Landstraße. Als die beiden Fahrzeuge eine Holzbrücke passieren, gerät der Wagen der Frauen ins Schleudern, durchbricht das Geländer und stürzt in den Fluss. Die eiligst einberaumte Suche nach eventuellen Überlebenden bringt kein Ergebnis.

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