388 Arletta Avenue

388 Arletta Avenue

Eine Filmkritik von Lida Bach

Eine Frage des Blickwinkels

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Der aufstrebende Werbefachmann James (Nick Stahl) ist auffällig nervös, seit seine Frau Amy (Mia Kirshner) das Apartment im gehobeneren Teil von Toronto verlassen hat. Nach einem Streit will die junge Doktorandin Abstand gewinnen. Das besagt der Zettel, den James zuhause findet, während von Amy jede Spur fehlt. James beschleicht der Verdacht, sie sei nicht freiwillig gegangen. Ähnliches vermutet die Polizei, nur fasst sie James selbst ins Auge. Letztes hat bereits jemand anderes getan. Der unsichtbare Beobachter observiert jeden Winkel um 388 Arletta Avenue. Alle seine versteckten Kameras haben ein Ziel: James.
Auf den ersten Blick erscheint Randall Coles adretter Suspense-Streifen als lediglich ein weiterer Mitläufer des Found-Footage-Genres. Das Geschehen beginnt am Titelort, den Amy und James verlassen. Den ersten Blick auf die Protagonisten erhascht der Zuschauer von Weitem durch die Linse einer Videokamera. Durch verdächtige Aufnahmewinkel vermittelt Cole schnell, dass die zielgerichteten Bilder nicht wie im Automatenhorror ATM von einer Überwachungsanlage stammen. Jedenfalls keiner von der offiziellen Sorte, die gefilmten Passanten die Illusion von Sicherheit geben soll. Das genaue Gegenteil bezwecken die Kameras, durch die Regisseur und Zuschauer den selbstsicheren Hauptcharakter Schritt für Schritt die Fassung verlieren sehen. Darin bricht Regisseur Cole mit den Standards der Fake-Reality-Filme. In ihnen wird der Schrecken unerwartet aufgezeichnet, denn die Figuren haben selten die Absicht Aliens, Zombies oder Geister zu filmen und falls doch, ahnen sie nicht, was ihnen letztendlich vor die Linse laufen wird.

In 388 Arletta Avenue hingegen ist keine der Aufnahmen zufällig. Ebenso wenig die Musik, die James auf seinem PC findet und die zuerst von einer Mix-CD in seinem Auto ertönt. Die Songs berühren ihn persönlich, so dass er annimmt, die Musikauswahl stamme von Amy. Die scheinbar harmlose Vermutung enthüllt sich schon einen Augenblick später als suspekt. James verbindet explizit Unangenehmes mit den Songs auf der CD, die seine Frau nicht zu kennen versichert. Der darauf folgende Streit liefert äußerlich eine Begründung für Amys Verschwinden. Das ist nicht der Gipfel des Paranoia-Plots, in dem sich James wiederfindet, sondern erst der Anfang… Das amüsante Katz-und-Maus-Spiel ist auch eines mit den Zuschauersympathien. Für diese ist James kein sonderlich heißer Anwärter. Seine Freundin betrügt er, den einstigen Klassenkameraden Bill (Devon Sawa) hat er in der Schule terrorisiert und beiläufige Fingerzeige deuten neben einem Hang zu psychischer Gewalt auf eine Neigung zu Brutalität und Alkoholmissbrauch. James Schwägerin (Krista Bridges) scheint für ihre Abneigung ihm gegenüber gute Gründe zu haben und ist damit nicht die einzige.

Besorgte Telefonate mit Amys Bekanntenkreis enthüllen wenig über ihren Verbleib, dafür einiges über James. Sein Umfeld hegt tiefe Abneigung gegen ihn, die in den an den unwahrscheinlichsten Orten verborgenen Kameras einen indirekten Ausdruck zu finden scheint. Der von sich selbst etwas zu sehr eingenommene Protagonist erhält nun die ungeteilte Aufmerksamkeit, die er sich insgeheim zu wünschen schien – und nun nicht mehr loswird. Das psychologische Spiel seines Stalkers strapaziert neben James Nerven zwar auch die Logik und Glaubwürdigkeit der Handlung bis zum Äußersten, aber unterhält dennoch passabel bis zur Schlussrunde. Solange man nicht den Fehler begeht, der Kamera zu trauen.

388 Arletta Avenue

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Der aufstrebende Werbefachmann James (Nick Stahl) ist auffällig nervös, seit seine Frau Amy (Mia Kirshner) das Apartment im gehobeneren Teil von Toronto verlassen hat. Nach einem Streit will die junge Doktorandin Abstand gewinnen. Das besagt der Zettel, den James zuhause findet, während von Amy jede Spur fehlt. James beschleicht der Verdacht, sie sei nicht freiwillig gegangen.
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