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Eine Filmkritik von Katrin Knauth

Anatomie einer Entführung

Dieser Film gibt uns Rätsel auf. Am hellerlichten Tage entführen drei seltsame Typen einen Jungen, mit dem sie nichts weiter vorhaben, als ihn an ihrem bizarren Trip ans Meer teilhaben zu lassen. Auf der Autofahrt dorthin, als wäre es ein ganz normaler Familienausflug, machen die Vier Halt im Supermarkt, flanieren durch den Zoo und stillen ihren Hunger im Restaurant. Und als der Tag sich dem Ende neigt, wird der Entführte plötzlich und ganz unerwartet wieder freigelassen.
Hinter Entführungen stecken zumeist erpresserische Motive – da geht es um Politik oder Geld, im schlimmsten Fall auch um sexuelle Schandtaten. Doch nichts von all dem motiviert die drei Kidnapper in 19, den jüngeren Usami (Daijiro Kawaoka) einen Tag lang seiner Freiheit zu bemächtigen. Solch vermeintlich grundlose Art von Entführung hat sich tatsächlich vor einigen Jahren im Freundeskreis des japanischen Regisseurs Kazushi Watanabe abgespielt. Zumal Entführungen in Japan ohnehin sehr ungewöhnlich sind, gab diese Skurrilität Watanabe den Abstoß, darüber einen Film zu drehen. Der damals 19-Jährige Regisseur entwickelte zunächst einen Kurzfilm mit dem seinem Alter entsprechenden Titel 19. Vier Jahre später baute er diesen aus und debütierte mit dem gleichnamigen abendfüllenden Spielfilm.

Schade, dass der Kurzfilm auf der DVD des Piffl Verleihs nicht mit enthalten ist, hätte man doch gern zwischen Kurz- und Langversion einen Vergleich gezogen. Aus dem beigelegten Booklet erfahren wir dafür, dass sich Watanabe im längeren Spielfilm hauptsächlich auf die Figurenzeichnung konzentriert. So real sich die Entführung zwar im Groben ereignet hat, so fiktiv sind jedoch ihre Charaktere und deren eigenartigen Handlungen. Watanabe hat ein recht eigenwilliges Darsteller-Ensemble entwickelt. Da ist auf der einen Seite das seltsame Entführer-Trio Yokohama, Kobe und Chiba, deren Namen japanischen Regionen entsprechen. Yokohama (gespielt vom Regisseur selbst), der coolste, gesprächigste, aber auch egoistischste Typ gibt den Ton der Dreierbande an. Kobe (Ryo Shinmyo), der schweigsame, in sich gekehrte Fahrer ist fast ausschließlich nur im Hintergrund zu erleben. Und dann ist da noch der kettenrauchende Fotoliebhaber Chiba (Takeo Noro) mit der tief herunter gezogenen Wollmütze.

Auf der anderen Seite das verschüchterte Opfer Usami, zunächst fassungslos und verstört, später angepasst und devot und die ganze Zeit über hilflos und kindlich. Eine weitere Figur kommt hinzu, als die Vier das Meer erreichen und dort ein Junge in Usamis Alter herum sitzt und von den Entführern ebenfalls in Beschlag genommen wird. Als die Beiden angekettet im Auto sitzen, kommt es zu einem tragischen Zwischenfall, der durch seine Brutalität in dem bislang recht gewaltlos verlaufendem Film sehr verstörend wirkt.

Durch langes Herumexperimentieren in der Postproduktion hat Watanabe genau den bleichen, milchigen Look seiner Bilder kreiert, den er bereits beim Drehbuchschreiben im Kopf hatte. Als Spaghetti-Western-Fan inszenierte er einige genretypische Sequenzen und ließ den Staub am Strand wie bei Sergio Leone durch die Luft wirbeln. So außergewöhnlich die Bildsprache, so schrill und verrückt auch die den teilweise recht langen Einstellungen unterlegten Gitarrenklänge. 19 ist ein bizarres Roadmovie, der seine Fans ganz sicher unter den Independentfilmliebhabern finden wird.

19

Dieser Film gibt uns Rätsel auf. Am hellerlichten Tage entführen drei seltsame Typen einen Jungen, mit dem sie nichts weiter vorhaben, als ihn an ihrem bizarren Trip ans Meer teilhaben zu lassen.
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