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In seiner Romanverfilmung „Warten auf Bojangles“ schickt Régis Roinsard seine beiden Stars Romain Duris und Virginie Efira auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle, an der wir unweigerlich teilhaben.

Warten auf Bojangles (2021)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Schneller als alle Lügen?

Schon lange bot das Kino keinen derart furiosen Einstieg. Wir sind an der Riviera, im Jahre 1958. Festlich-elegante Kleidung, Cocktails, lockere Konversationen auf der Sommerterrasse mit Meeresblick. Es ist das Wochenende des Erfolgs – und der Autohändler und Hochstapler Georges Fouquet (Romain Duris) erlaubt sich einen Spaß, indem er einer illustren Gesellschaft allerhand Fantasiegeschichten auftischt, von einer Verwandtschaft zu Graf Dracula bis hin zu einem wilden Leben als US-Amerikaner. Und plötzlich ist da Camille (Virginie Efira). Oder heißt sie Antoinette? Womöglich gar Rita? Völlig egal! Es wird energisch mit Champagnergläsern geworfen, getanzt, gelacht – und als das Partyvolk Georges mit dessen Lügen konfrontiert, folgen lustvolle Sprünge ins Wasser, eine turbulente Fahrt mit dem Cabriolet und eine symbolische Hochzeit in einer kleinen Kapelle mit anschließender Liebesnacht auf dem Altar.

„Schneller, sonst holen uns Ihre Lügen ein!“, hatte Camille gerufen, als das Paar in Georges’ Auto von der Feier geflohen war. Und auch als Georges die nach dem stürmischen Kennenlernen plötzlich verschwundene Camille beim Wiedersehen umwirbt, enthalten deren Worte eine Warnung: „Ich bin launisch, wissen Sie?“ Der Regisseur Régis Roinsard schildert in Warten auf Bojangles auf Basis des gleichnamigen Debüt-Erfolgsromans von Olivier Bourdeaut das, was gemeinhin als Amour fou bezeichnet wird: eine Liebe, die alle Vernunft mit Aplomb über Bord wirft, um sich in ein unberechenbares, emotionales Abenteuer zu stürzen.

Wie bereits in seinem ersten Langfilm Mademoiselle Populaire (2013) legt Roinsard ein Stück Zeitgeschichte mit einem veritablen Kino-Traumpaar im Zentrum vor, das eine herrliche Ausstattung bietet und in den schönsten Farben erstrahlt. Doch während sein Debüt als amüsante Variante des Sportfilms im Großen und Ganzen ein nostalgischer Spaß bleibt, kippt Warten auf Bojangles zunehmend ins Dramatische. Im Paris der 1960er-Jahre haben sich Georges und Camille mit ihrem kleinen Sohn Gary (Solan Machado Graner) ein Leben aufgebaut, das hauptsächlich aus abendlichen Partys besteht. Die Post bleibt ungeöffnet; für die Realität ist in diesem Haushalt schlichtweg kein Platz.

Als Camille Gary aus der Schule nimmt, um ihn zu Hause zu unterrichten, deutet sich an, dass das familiäre Konstrukt zerbrechlich ist. Und als schließlich der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, wird klar, dass es so nicht weitergehen kann. Die Einbrüche des Alltags bringen wiederum Camilles psychische Erkrankung stärker zum Vorschein, die sich im heiteren Rausch so vortrefflich kaschieren ließ. Hier gelingt es dem Film, die mentale Verfassung der Protagonistin ernst zu nehmen, ohne sich von seinem betont überzeichneten und zuweilen ins Absurde hineintanzenden Konzept zu verabschieden.

Georges und Camille lieben sich, daran lassen das Skript, die Inszenierung und vor allem auch das furchtlose Spiel von Virginie Efira und Romain Duris keinerlei Zweifel. Und ebenso unzweifelhaft ist die Liebe, die das unkonventionelle Paar für den Sohn Gary empfindet. Dessen Leben besteht aus Marcel-Proust-Lektüre, intellektuellen Diskussionen mit Party-Gästen und der Versorgung seines extravaganten Haustiers (ein Kranich). Das ist einerseits eine einzige große Feier – und andererseits auf höchst fragilem Boden gebaut. Zwischen Eskapismus und der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen, muss letztlich Georges den geeigneten Weg für die Familie finden. Nicht alle Abzweigungen, die Warten auf Bojangles nimmt, mögen dabei gänzlich überzeugen. Dennoch zählt Roinsards Werk zu jenen audiovisuellen Erfahrungen, die in ihrer Wucht mitreißen und noch sehr lange nachhallen.

Warten auf Bojangles (2021)

Es ist Liebe auf den allerersten Blick, zumindest bei Georges, der der fantasievollen und spontanen Camille sofort verfällt. Doch so schnell wie sie ihm erschienen ist, so schnell ist Camille auch wieder verschwunden. Georges muss Camille erst zu dieser Liebe überreden, aber dann tauchen sie gemeinsam ein in ein leidenschaftliches Leben fernab aller Konventionen im Frankreich der 50er Jahre. Jede Nacht wird zum überschwänglichen Fest, auf dem sie zu Mr. Bojangles tanzen und ihre Freunde mit verrückten Geschichten unterhalten. Nach der Geburt ihres Sohnes Gary gehört auch er ganz selbstverständlich zu dieser exzentrischen Welt dazu. Doch sie kennen beide auch die dunkle Seite von Camille, die bittere Wahrheit, die ihr Leben zunehmend zu zerstören droht… Kurzerhand trifft Georges eine tiefgreifende Entscheidung in der Hoffnung, seine große Liebe und seine Familie ein letztes Mal zu retten. (Quelle: Studiocanal)

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