Tapas Mixtas

Tapas Mixtas

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Die spanische Rolle

Tapas heißen die beliebten Appetithäppchen in spanischen Kneipen und Bars. Sie machen Lust auf mehr. Wenn man verschiedene davon kostet, kann man auf das Abendessen getrost verzichten. Genauso ist es mit dieser Kurzfilmrolle spanischer Regisseure.
Der spanische Film führt im deutschen Kino eher ein Schattendasein, wenn man von den großen Namen wie Pedro Almodovar, Bigas Luna, Fernando Trueba oder Alejandro Amenabar absieht. Dabei gibt es längst auch dort eine „neue Welle“ (nueva ola), einen neuen spanischen Film. Umso verdienstvoller ist es, dass die W-Film Produktions- und Verleihgesellschaft in ihr Kurzfilmprogramm Night of the Shorts nun auch eine Zusammenstellung von sechs Kurzfilmen spanischer Regisseure aufgenommen hat. Einer von ihnen, nämlich Daniel Sánchez Arévalo hat mit seinem Dunkelblaufastschwarz / AzuloscuroCasinegro inzwischen auch als Langfilmer hierzulande auf sich aufmerksam gemacht.

Kulinarische Tapas gibt es in unzähligen Variationen. An diese Vielfalt knüpfen die filmischen Tapas Mixtas an. Das ist ein überzeugendes Konzept. Er sorgt für Kurzweil und macht aus den zehn- bis 21-minütigen Streifen eine Rundreise durch Komödie, Beziehungsdrama, Animationsfilm, Thriller, Doku und Historienfilm. Das Gemeinsame sind hier gerade die Unterschiede – in Thema und Form.

Es beginnt mit Domicilio Habitual, einer schrillen Komödie von Robles Rafatal. Im Mittelpunkt steht ein Chef, der ein Monster ist. Zwar muss das Scheusal gleich zu Beginn sterben. Doch der lustvolle Tod in den Armen einer Prostituierten ist irgendwie nicht das gerechte Schicksal für einen, der immer schlechte Laune hat. Und so darf jeder seiner Feinde noch einmal ganz persönlich Rache nehmen.

Stiller und fast nur in den Gesichtern spielt sich das darauf folgende Drama ab. In Llevame a otro sitio von David Martin de los Santos fährt ein Ehepaar durch eine weite, öde Landschaft. Erst fünf Jahre sind sie verheiratet, aber in ihre Mienen haben sich Langeweile und Schmerz eingegraben. Ein Rollenspiel, in dem sie sich wie Fremde begegnen, erlaubt vorübergehend eine nie gekannte Offenheit. Doch die rückhaltlose Aussprache erweist sich als Bumerang.

Etwas für Picasso-Fans ist die Animation Minotauromaquia von Juan Pablo Etcheverry. Der Meister gerät hier in das Labyrinth des Minotaurus, wo Tod, Verfolgung und Schrecken herrschen. Erlösung bringt ein anderes Motiv des Malers, die Friedenstaube.

Ebenfalls zum Gruseln ist Tercero B von José Mari Goenaga. Eine Frau um die 40 lässt sich von ihrer Mutter tyrannisieren. Am Strand gerät sie an einen Unbekannten, der nicht so vertrauenswürdig ist wie er scheint. Gemeinsam geraten sie in einen Strudel düsterer Bilder und Ereignisse. Plötzlich scheint der Film zurückzuspulen und die Geschichte ab einem bestimmten Punkt aus einer neuen Perspektive zu erzählen. Doch auf diese Weise lässt sich eine schreckliche Tat nicht ungeschehen machen.

Unwohl in seiner Haut fühlt sich auch die Hauptfigur im dokumentarisch anmutenden Beitrag von Daniel Sanchez Arevalo: Profilaxis . Jemand hat den jungen Mann auf einen unbequemen Stuhl vor weißem Hintergrund gesetzt. Nun soll er eine Geschichte erzählen, die ihm offensichtlich peinlich ist. Am Ende aber kippt die pseudo-wissenschaftlich aufgemachte Geschichte in eine Comedy-Nummer.

In historischen Kostümen spielt El Sonádor von Oscar Santos. Die romantische Erzählung handelt von einem Mann, der von einer ungewöhnlichen Schlafkrankheit befallen zu sein scheint: Er schlummert mehrere Tage am Stück. Doch der Arzt, der ihn davon heilen soll, versteht allmählich, in welche Welt der Träumer entflieht.

Sechs Geschichten – sechs stilsichere Handschriften. Eigentlich ist jede für sich bereits mehr als ein Appetithäppchen. Zusammen ergeben sie auf alle Fälle ein sattes Gefühl.

Tapas Mixtas

Tapas heißen die beliebten Appetithäppchen in spanischen Kneipen und Bars. Sie machen Lust auf mehr. Wenn man verschiedene davon kostet, kann man auf das Abendessen getrost verzichten.
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