Midnight in a Perfect World (2020)

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Der philippinische Regisseur Dodo Dayao erzählt in seinem experimentellen Horrorfilm von den Zuständen in seinem Land, ohne die Regierung Duterte ein einziges Mal zu erwähnen. Das beklemmende Sounddesign und die hypnotische Kameraarbeit lassen die allgegenwärtige Bedrohung in einen intensiven Rausch der Bilder spürbar werden. Die Handlung ist dabei sekundär.   

Midnight in a Perfect World (2020)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Das Rauschen der Bilder

Die vier Freunde Mimi (Jasmine Curtis-Smith), Jinka (Glaiza de Castro), Glenn (Anthony Falcon) und Tonicchi (Dino Pastrano) treffen sich in einer Bar in Manila. Seit Wochen gibt es seltsame Stromausfälle in Teilen der Stadt. Die Rede ist von einer vollkommenen Dunkelheit, von der die Menschen verschluckt werden. So richtig glaubt keiner aus der Clique daran. Zwar verschwinden Menschen spurlos. Selbst die Social-Media-Kanäle sind gelöscht. Doch vermutet man dahinter eher die Polizei. Als auf dem Weg nach Hause plötzlich die Straßenbeleuchtung ausfällt, sucht die Gruppe in einem Safe House Unterschlupf. Tonicchi aber bleibt aus unerklärlichen Gründen auf der Straße und irrt durch eine undurchdringliche Dunkelheit. Etwas Bösartiges lauert in den Straßen und auch im Inneren des Hauses breitet sich ein unaussprechlicher Terror aus.     

Rodrigo Duterte regiert die Philippinen mit eiserner Hand. Der Präsident führt einen brutalen Anti-Drogen-Krieg. Dealer und Konsumenten werden gejagt und auf offener Straße erschossen. Wer die Politik der Regierung kritisiert, riskiert dafür verfolgt zu werden. Regisseur Dodo Dayao, der seit seinem Debüt Violator als große Nachwuchshoffnung des philippinischen Kinos gilt, verarbeitet die politische Situation seine Landes in einem höchst metaphorischen Horrorfilm.

Die Handlung ist dabei kaum von Bedeutung. Midnight In A Perfect World nutzt das Medium des Films vielmehr dazu, eine beklemmende Atmosphäre aus Paranoia, Angst und Terror zu erschaffen: Dayaos Film ist ein fühlbarer Zustand, der durch seine elegant-schwebende Kameraarbeit und das allgegenwärtige Dröhnen des Sounddesigns die Zuschauer_Innen förmlich einschließt.

Etwas ist in dieser Welt allgegenwärtig. Alles ist durchzogen von einer bedrohlichen Stimmung. Dabei beginnt der Film bereits mit einer albtraumhaften Szenerie, deren Bedeutung immer in der Schwebe bleibt. Ein Mann trifft im Wald auf eine schwarze Kreatur, die entfernt an das Alien aus Jonathan Glazers meisterhaften Under the Skin erinnert. Später offenbart sich diese Episode als eine Monstergeschichte, die ein Dealer beim Drogendeal erzählt. Oder ist es vielleicht doch der Ursprung von allem? Man muss sich die Puzzleteile der möglichen Geschichte in diesem Film schon selbst zusammensuchen.   

Nach diesem verunsichernden Beginn werden die vier Hauptfiguren in elliptischen Szenen eingeführt und das sozialpolitische Panorama der philippinischen Mittelschicht skizziert. Drogen, Musik und familiäre Dramen umkreist Dayao in kurzfilmhaften Vignetten, die sich dabei niemals zu einem Zusammenhang fügen. Die poetische Langsamkeit bleibt jeweils für sich innerhalb einer jeden Episode gefangen. Möglicherweise ist dies Teil der ästhetischen Strategie, keine kohärente filmische Welt entstehen zu lassen. Die Orientierung verwehrt einem Midnight In A Perfect World jedenfalls bis zum Ende. Wir bewegen uns durch ein narratives Trümmerfeld, dessen visuelle Radikalität der eigentliche Kniff des Films ist.

Bis Dayao die Schraube am Ende andreht und der Horror sich in menschlich-unmenschlichen Wesen manifestiert, muss man durchaus einen langen Atem haben. Doch selbst das Sterben bleibt nur eine Andeutung. Die Grenze zwischen wahnhafter Einbildung und Wirklichkeit ist vollkommen aufgehoben und für eine gewisse Zeit kann man diesen Taumel durchaus genießen.

Leider nutzt sich diese beeindruckende audiovisuelle Unmittelbarkeit und Radikalität sehr schnell ab. Zu wenig berührt das Schicksal der Figuren, als dass sich die körperliche Erfahrung mit einer emotionalen Empfindung verbindet. Midnight In A Perfect World ist wie ein viel zu langes elektronisches Musikstück, dessen Melodie sich in der Wiederholung abnutzt. So wirken letztlich auch die politischen Bezüge mehr wie eine Behauptung, weil der reale Anknüpfungspunkt ungreifbar in den Bildern versunken liegt. Und letztlich stellt man sich die Frage, was zum Teufel man da eigentlich gesehen und gefühlt hat.

Midnight in a Perfect World (2020)

Und dann ist da nur noch Dunkelheit. Eine sich über alles legende, undurchdringbare Dunkelheit. Als hätte jemand „den Mond gestohlen“. Sie lässt Menschen orientierungslos und angsterfüllt werden, lässt sie verschwinden. Und das jeden Tag aufs Neue in den Straßen Manilas. Wo sich die einen in naher Zukunft an ihrem neuen Glück, einer scheinbar perfekten Welt, ergötzen, kommt es in anderen Teilen der Stadt jede Nacht zu Blackouts, nach denen Menschen nie wieder gesehen werden. Eine Gruppe Jugendlicher rettet sich während eines solchen Blackouts in ein „Safe House“, von dem es in der Stadt nun einige gibt. Nur einer ihrer Freunde kann nicht passieren und muss die Nacht überstehen. Doch nicht nur draußen geschieht Unerklärliches, auch innerhalb der scheinbar schützenden vier Wände tun sich Geheimnisse und Abgründe auf.

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